Als ich meinem Sohn das Spielzeug wegnahm

Geschenkeflut

Geschenkeflut
„Mama, darf ich was gucken?“
Ich antworte nur mit einem genervten Blick, habe keine Lust zum x-ten Mal zu erklären, dass ich mir wünsche, dass mein Sohn stattdessen etwas spielt.

Es gab Zeiten, in denen mein Sohn ganz eigenständig und vertieft in die Situation gespielt hat, total im Flow. Ich nenne ihn jetzt übrigens H1, weil ich keine Lust mehr auf die Bezeichnung „Sohn“ habe. H1 wegen seinem Vornamen, der mit H beginnt. Und weil er das erste Kind ist. H1 also konnte mal, aus meiner Sicht, ganz fantastisch spielen und ich fragte mich, ob nun mal wieder eine neue Phase angebrochen war, oder ob ein anderer Umstand verantwortlich dafür war, dass sich sein Spielverhalten so drastisch änderte.

Der Sündenbock ist schnell gefunden

Nach längerem Überlegen fiel mir auf, dass er seit seinem Geburtstag nicht mehr so „schön“ spielte. Ein Tag, nein, mehrere Tage, an denen er permanent mit neuem Spielzeug „konfrontiert“ wurde. Die Spielzeugflut an Geburtstagen und sonstigen Anlässen hat mich schon immer etwas überfordert und nun wohl auch H1. Überall stand Lego herum. Versteht mich nicht falsch, er liebt Lego über alles. Aber es nahm ihm die Luft zum Atmen. Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes keinen Raum mehr für Fantasie. Er spielte, etwas verzweifelt, nur noch mit dem fertig aufgebauten Lego, statt selber etwas zu kreieren. Und das „Schlimmste“ daran: Es musste immer jemand mitspielen. Und das kann ich nicht. Und manchmal habe ich einfach auch mal kein Bock zu spielen #assholeparent
Ständig hörte ich mich sowas sagen wie: „Ach, H1, ich kann jetzt nicht spielen. Bau doch mal eine Garage für dein Raumschiff!“ Natürlich mit dem Bewusstsein, dass ihm das eigentlich nicht weiterhelfen würde, aber dennoch verbunden mit der klitzekleinen Hoffnung, dass ihn meine Idee zum eigenständigen Spiel animieren würde. War natürlich nicht so 😉

Mich selber hatte das viele Spielzeug schon immer etwas erdrückt, obwohl es nicht mein Spielzeug war und ich bei sämtlichen Anlässen zu sagen pflegte: „Bitte nur etwas Kleines schenken“ oder „Nur EIN Geschenk“. Aber nach vier Jahren Geburtstag, Weihnachten, Besuche von Freunden und Verwandten, Überraschungseiern, Adventskalendern und was weiß denn ich nicht alles, hat sich eine ordentliche Menge Spielzeug angesammelt. Zum Teil Spielzeug, dass H1 viel bedeutet, aber zum Großteil einfach Trash. Das mag undankbar klingen – so ist es aber überhaupt nicht gemeint. Ich freue mich über Geschenke sehr und weiß die Mühe zu schätzen, die dahinter steckt. Aber Spielzeug sollte Spaß machen und die Kreativität fördern – das ist jedenfalls mein Verständnis von gutem Spielzeug. Und die 100. Ü-Ei-Figur ist es sicher nicht, die zum kreativen Spiel animiert. Es ist einfach viel zu viel Zeug und nichts ist mehr besonders.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Vor einer Weile mussten schon einmal einige unbekuschelte Kuscheltiere ihr Revier räumen, die Armen. By the way – wo zum Teufel kommen diese Kuscheltiere eigentlich immer alle her?! GIbts da irgendeine geheime Gästeliste, von der ich nichts weiß?

Wie ich meinem Sohn das Spielzeug wegnahm aka. Spielzeugfreies Kinderzimmer

Nun war, im Rahmen einer Umräumaktion, jedenfalls auch das Spielzeug an der Reihe #assholeparenthoch2
Ich hatte mir überlegt, radikal auszusortieren und H1 dadurch wieder etwas mehr Raum zu schaffen. Ein Artikel zum Thema „Spielzeugfreies Kinderzimmer“ entfachte mein Aufräum-Feuer dann ganz.
Allgemein: Bücher und Spielsachen, die H1 wichtig und kostbar sind, waren von der Ausmist-Aktion nur bedingt betroffen, wurden aber keinenfalls verschenkt oder verkauft.

Ich bin wie folgt vorgegangen:

  1. Im Wohnzimmer (wo wir uns fast ausschließlich aufhalten) stehen nur Lego, Bücher und Malsachen
  2. Der Rest wandert ins Kinderzimmer (und bleibt dort!)
  3. Im Kinderzimmer werden Spielzeuge u.A. auch in Kisten außer Sichtweite aufbewahrt
  4. Kleinkram, aus Überraschungseiern usw., fliegt, wenn es keinen Mehrwert hat, weg

Die Aktion läuft durch Zeitmangel bedingt etwas in Etappen. Es gibt noch einiges zu tun, aber ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Einiges fliegt komplett hier raus, zum Beispiel Dinge, die H1 nie anrührt oder Sachen, die ICH dachte, die ER haben müsste. Total irre, wenn ich das so schreibe..

Aufatmen!

Tatsache, der Junge kann wieder spielen! Ab und zu sitzt er sogar wieder an seinem kleinen Tischchen im Wohnzimmer, hört ein Hörspiel und malt. Irgendwie wie früher, vor seinem Geburtstag. Und ich atme etwas auf. Er vielleicht auch.

Sorry, die Gästeliste ist schon voll

Hier ist jetzt erst einmal Spielzeug-Stopp angesagt. Der Geburtstag ist sowieso rum und es gibt in naher Zukunft keinen Grund Spielzeug zu kaufen, puh. Ruhe bis Nikolaus.

(Je länger ich Mutter bin, desto minimalistischer werde ich. Echt eine krasse Verwandlung, die ich da durchlebe. Ich finde es absolut irrsinnig, wenn ich die ganzen vollgeballerten Häuser von anderen Eltern(bloggern) sehe (ich entschuldige mich nicht, nein ;)). Damit kann ich mich überhaupt nicht mehr identifizieren.)

Wie ich meinem Sohn das Spielzeug wegnahm

Was wünschst du dir?

H1 ist ein sehr genügsames Wesen und natürlich hat er dennoch Wünsche. Bei ihm dreht sich alles um Lego – seine große Leidenschaft. Das finde ich ganz wunderbar und er wird natürlich auch weiterhin beschenkt werden. Aber es dürfen auch Dinge geschenkt werden, die kein Spielzeug sind. Leider geht es nur noch um die strahlenden Kinderaugen beim Auspacken von Spielzeug; um kurzfristige Befriedigung. Davon möchte ich H1, auch wenn es mir selber schwer fällt aus dem Kreislauf auszusteigen, befreien. Denn diese kurzfristige Befriedigung macht, davon bin ich überzeugt, unglücklich. Und es ist nicht das Kind reich, das die meisten, tollsten, coolsten Spielsachen hat. Ich bin selber nicht frei von materialistischen Zügen, leider ganz im Gegenteil. Und vielleicht weiß ich genau deshalb, dass es nicht glücklich macht. Meinen Kindern möchte ich das nicht weitergeben. Außerdem weiß ich heute, dass gerade hochsensible Kinder schnell mit einem „zuviel“ überfordert sind.
Bei uns ist es jetzt so, dass es zum Kindergeburtstag und von ein paar wenigen Schenkenden Spielzeug gibt, aber auch andere wichtige, tolle Dinge geschenkt werden, denn es gibt so viele Geschenke, die niemandem Platz oder Luft nehmen. Zum Beispiel hat H1 zur Taufe ein „Fahrrad-Abo“ von Oma und Opa geschenkt bekommen, so dass wir uns um Fahrräder keine Gedanken machen müssen. Kinderschuhe sind, finde ich, ebenfalls ein super Geschenk. Last but not least gibt es tolle Zeitschriften für Kinder im Abo. Aber hey:

Das schönste Geschenk ist Zeit

Ja, kitischig. Und es gilt nicht nur für unsere Kinder, sondern für jeden Menschen, den wir lieb haben. Gemeinsame Zeit ist so absolut heilig und kostbar. Schmeißt den ganzen Crap vor die Tür (nicht wörtlich nehmen, ne?!) oder gebt einen Teil ab an Menschen, die nichts haben. Wir alle erinnern uns an einzelne Spielsachen, aber viel mehr doch an die Ereignisse, die unsere Kindheit ausgemacht haben, oder?

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7 Kommentare

  1. Hallo Jil,
    Geht uns genauso. Ich leg daher Sachen, von denen ich denke, dass sie nicht mehr bespielt werden in ein Zwischenlager. Wenn zwei Wochen keiner danach fragt, kommt es in den Müll oder zur Caritas. Und wenn Kinder von Freunden oder Verwandten Geburtstag haben, gibt es von mir Ausflüge oder Geld aufs Konto. Auch alles was sich verbraucht- wie zum Beispiel Stifte -find ich gut.

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Hallo Katharina, eine gute Lösung! Ja, Gebrauchsgegenstände finde ich auch immer gut! 🙂

  2. Schön geschrieben. Und genau so ist es auch. Ich muss auch dringend mal wieder Spielzeug ausmisten, denn hier steht bald der zweite Geburtstag vor der Tür. 😉
    LG Evelyn

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Danke liebe Eveyln! Ich drücke dir die Daumen fürs Ausmisten!

  3. senfdazu sagt: Antworten

    „Aber Spielzeug sollte Spaß machen und die Kreativität fördern – das ist jedenfalls mein Verständnis von gutem Spielzeug.“

    Wobei man in der Hinsicht nicht unterschätzen sollte, daß Kinder auch mit vermeintlich „simplen“ Spielzeugen eine Menge phantastischer Abenteuer erleben können.

    bei mir waren das z.b. u.a. die „Masters of the Universe“ (= „He-Man“) Figuren. an sich in den Möglichkeiten vergleichsweise „limitierte“ Actionfiguren.

    aber mich hat das als Kind nicht nur angespornt, ständig neue dazugehörige Landschaften im Haus zu errichten (ob nun aus dem Oberbett oder aber auch mit mehr Aufwand in Bastelarbeit mit Pappe, Stiften usw.), sondern ich habe mit diesen auch regelmäßig unseren Garten unsicher gemacht (war einfach eine realistischere „draußen“-Umgebung 😉 ) – einmal sogar auch einen Urlaub im bayerischen Wald, bei dem mir während eines Gefechts zwischen „den Guten“ und „den Bösen“ an einem reißenden Fluß (in Wirklichkeit: ein Bach) eine Figur davongeschwommen ist.

    wollte damit glaube ich nur ausdrücken: bei einem phantasievollen Kind kann auch aus pädagogischer Sicht (vermeintlich) zweifelhaftes Spielzeug diese beflügeln.

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Natürlich kann jedes Ding – es muss ja nicht einmal Spielzeug sein – für ein Kind etwas Besonderes darstellen, egal ob das eine Figur, Lego, Holzspielzeug oder ein Stück Pappe ist. Entscheidend ist aber doch, dass es für das Kind bedeutsam ist und seine Fantasie anregt.
      Eine ganz individuelle Sache, die ich persönlich als Mutter schon ganz gut einschätzen kann. Ich beobachte meine Kinder beim Spiel und weiß daher, dass zum Beispiel diese Kleinigkeiten aus Überraschungseiern hier gar nicht bespielt werden. Sie sind kurz spannend und verschwinden dann in einer Schublade. Werden sie gefunden, ist die Euphorie für fünf Minuten da und schon ist es wieder uninteressant. Solches Spielzeug ist aus meiner Sicht dann einfach nur Ballast.

      1. senfdazu sagt: Antworten

        Dem würde ich natürlich ebenfalls voll und ganz zustimmen 🙂

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