An all die Freunde, die nicht mehr vorbei kommen

Dieser Post ist meinen Freunden gewidmet. Meinen Freunden, die ich eine Ewigkeit nicht gesehen habe, weil wir nun in verschiedenen Welten leben.

Wir haben uns lange nicht gesehen. Mittlerweile sind nicht nur Monate sondern sogar Jahre seit unseren letzten Treffen verstrichen. Dass sich Freundschaften verändern, wenn man erst mal Kinder hat, scheint auch vor mir nicht halt zu machen, auch wenn ich das nie so recht glauben wollte. Aber es ist ganz offensichtlich: Es trennt uns Vieles. Was uns zusammenhält sind Erinnerungen und gegenseitige Wertschätzung, die immer mehr verschwimmen, verblassen.

W.E.I.N.

Seit Jahren können wir keine tiefgründigen Gespräche mehr führen, wie wir es früher getan haben. Ich bin müde, kann mich nicht konzentrieren oder es findet sich erst gar keine Gelegenheit für ein Treffen. Gemeinsam ein Glas Wein trinken? Is nicht, weil ich gar nicht mehr weiß, wie man Alkohol überhaupt schreibt. Geschweige denn, dass ich im Supermarkt an den Weinregalen vorbei laufen würde. Und sowieso, mal angenommen, selbst wenn wir bei einem Glas Wein gemeinsam auf dem Sofa säßen.. Mein Leben spielt sich hier zu Hause ab, meine Kommunikation zu erwachsenen Mitmenschen ist im privaten Umfeld stark begrenzt und von da draußen bekomme ich ohnehin nichts mit. Es sei denn ich spreche auf dem Spielplatz mit anderen Eltern über die optimale Kinder-Regenbekleidung oder die Eingewöhnung in der Kita. Ich sage es wie es ist: Mit mir kann man sich – jedenfalls wenn man nicht selber kleine Kinder hat – fast nicht mehr unterhalten. Wenn ich mein kinderloses Gegenüber wäre, ich würde mich vermutlich zu Tode langweilen. Und auch als Zuhörer bin ich nicht viel besser. Die Hälfte von dem, was mir erzählt wird, vergesse ich recht schnell wieder, weil ich so in meinem eigenen Sumpf hänge.

Ihre Nachricht wurde gelesen

Es macht mich traurig, dass wir so wenig voneinander mitbekommen. Wir gratulieren uns zum Geburtstag und schreiben WhatsApp-Nachrichten, so ab und zu, wenn ich daran denke zu antworten. Ja, ich lese und antworte nicht direkt. Und manchmal vergesse ich das Antworten dann ganz. Oder ich warte auf einen passenden Augenblick, in dem ich mich auf die Antwort konzentrieren kann. Klingt ziemlich kompliziert oder? Ist es irgendwie auch, aber ich habe mich daran gewöhnt. Aber vielleicht zu kompliziert. Vielleicht so kompliziert, dass es unsere Freundschaft zerstört. Aber ich weiß ganz bestimmt, dass wieder bessere Zeiten für Freundschaften kommen werden. Wenn die Kinder erst mal durchschlafen und ich Kraft getankt habe. Wenn sich größere Zeitfenster auftun.

Und wenn wir dann überhaupt noch Kontakt haben und endlich einen Moment finden um zu sprechen, werden meine Freunde feststellen, dass die Jil, die ich früher war, eigentlich nur noch einen kleinen Teil von mir ausmacht. Denn so wenig Zeit ich auch habe, in der augenscheinlich so wenig passiert und von Außen vielleicht wie Stillstand aussehen mag – in meinem Inneren tut sich eine ganze Menge. Ich bin selbstsicherer und erwachsener geworden. Ich habe gelernt auch mal „Nein“ zu sagen.

Spießersumpf

Schon möglich, dass mein Leben, trotz aller Weiterentwicklung, abschreckend auf euch wirkt. Vielleicht bin ich, wie ihr nie werden wollt. Zu unflexibel, zu spießig, zu whatever. Und ich möchte sowas sagen wie „Habt ihr erst mal Kinder!..“, dabei hasse ich solche Floskeln. Ein bisschen ernst ist es mir mit dieser Floskel dann aber doch. Denn haben meine Freunde erst mal Kinder, werden sie vielleicht etwas besser nachempfinden können, wie es mir geht. Wenn meine Freunde Kinder haben, werden wir wieder hauptsächlich per WhatsApp kommunzieren, weil wir keinen geeigneten Moment zum Telefonieren finden. Haben meine Freunde erst mal Kinder, dann werde ich da sein und ihnen verraten, wo es die beste Matschkleidung zu kaufen gibt, was gegen Koliken hilft, Wäsche falten, kochen oder sie einfach nur in den Arm nehmen.

Auch wenn die alten Erinnerungen mit der Zeit verblassen, ich hoffe es gelingt uns über die Jahre hinweg immer wieder neue Erinnerungen zu schaffen.

Liebe Freunde, wer auch immer von euch das lesen mag: Ich denke an euch. Abends, wenn ich zur Ruhe komme. Oder im Traum. Oder wenn ich alte Fotos ansehe. Ich habe euch nicht vergessen und ich denke an euch, von ganzem Herzen.

d8a60-signature

Mehr von mir? Hier erzähle ich, warum ich manchmal denke, ich wäre besser keine Mutter geworden.

9 Replies to “An all die Freunde, die nicht mehr vorbei kommen”

  1. Ganz toll geschrieben!! Meine Freundesliste hat sich auch auf ein Minimum reduziert. Aus einer Clique bin ich sogar komplett raus geflogen, auch so richtig mit ‚von der Facebook Liste werfen‘. Ich merke selber, dass Kinder haben Spuren hinterlässt und wäre dankbar über ein paar Kinderlose Freunde, die mich ab und an aus dem Alltag holen und mich mal wieder die sein lassen, die ich früher mal war. Aber diese Freunde gibt es einfach nicht mehr!

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Danke für deinen Kommentar. Du hast ganz recht, es wäre so wichtig Freunde zu haben, die verständnisvoll zur Seite stehen, die einen kennen und einen auch mal aus dem Alltagstrott herausholen.

    2. Diese Freunde gibt es wahrscheinlich nicht mehr, weil viele Mütter sowieso keine Zeit haben, oder weil die Kinder mal wieder krank sind, oder weil, wenn ein Treffen zustande kommt, von den Müttern nur über die Kinder geredet wird. Welche/r Kinderlose hat darauf dauerhaft Lust?
      Ich weiß nicht, wie du so drauf bist, aber ich habs bei einigen schon erlebt und irgendwann gibt man es einfach auf…

      1. Melly, da hast du sicher recht. Darum genau geht es ja in meinem Beitrag. Ich mache niemand kinderloses einen Vorwurf 😉

  2. Oh Gott, noch ein Grund dafür keine Kinder zu haben. Schrecklich! Das Leben endet so zu sagen!

    1. Nein, das Leben endet nicht. Ein neues – vielleicht sogar viel schöneres – beginnt.

  3. Liebe Jil,

    Ich verstehe Dich nur zu gut! Zu wenig Schlaf macht schlicht daemlich im Kopf. Ich treffe meine Freundin mit den Kleinkindern Samstags auf dem Spielplatz. Mein juengerer Sohn ist sieben und findet das gluecklicherweise noch gut. Neulich waren wir samstags mittags ALLEINE essen. Beide voellig uebermuedet, aber wir haben einfach mal nicht ueber unsere zusammen vier Soehne geredet. Du wirst mit einigen Deiner Freunde wieder zusammen finden, neue Erinnerungen schaffen und auch wieder mehrere Naechte hintereinander durchschlafen. Ganz, ganz sicher! Bis dahin faelte ich ein bisschen in Geiste Deine Waesche, raeume die dreckigen Teller weg, kicke Spielzeug aus dem Weg, sodass keiner drueber faellt. Schon Solomons Rings Gravur sagte: Even this will pass! In diesem Sinne eine dicke MitmutterUmarmung!

    1. Vielen lieben Dank, Morgy!! 🙂

  4. Als total verständnisvolle, kinderlose Freundin, allein unter Freundinnen (mit 1./2. Kind) kann ich nur sagen,dass man ebenso
    ‚ausgeklammert‘ wird. Es geht nicht immer von den kinderlosen F. aus. Egal wie oft man sagt,dass man auch bereit ist, einfach vorbei zu kommen, im Haushalt zu helfen, Baby zu Sitten damit Mama mal in Ruhe baden kann, oder einfach nur um da zu sein, solche Möglichkeiten werden nie bis selten genutzt. Es gibt diese Hürde, aber aus meiner Erfahrung geht sie von den Müttern aus.

Schreibe einen Kommentar