An der Grenze des Systems

An der Grenze des Systems

Ich sitze mit Luise beim Abendessen. Der Tisch ist für vier Personen gedeckt, von denen nur zwei tatsächlich ihr Essen einnehmen. Max liegt erkältet und fiebrig auf dem Sofa. Er hat keinen Appetit, aber er hat einen Wunsch: „Mama, bitte ruf Papa an. Ich vermisse ihn. Er soll jetzt nach Hause kommen.“

„PAPA ARBEIT“

Im Alter von ungefähr eineinhalb Jahren konnte Max bereits sagen „Papa Arbeit“. Das ist per se nichts Ungewöhnliches. Weder was die Entwicklung angeht, noch was den Inhalt angeht, denn Papa arbeitet nun mal. Und wenn Max und ich den sonnigen Vormittag am See verbringen, dann fragt er sich und mich natürlich auch mal, wo Papa ist. Und ich sage ihm: „Papa arbeitet“. Als Max noch kleiner war und diese Frage häufig gestellt hat, hat sein Papa noch gar nicht so unglaublich viel gearbeitet. Jedenfalls, wenn man es mit heute vergleicht.

Für wen arbeitest du?

Erwerbstätigkeit ist etwas ganz Normales. Arbeit kann Spaß machen, wenn man sich für den „richtigen“ Beruf entscheidet. Das möchte ich auch meinen Kindern mitgeben. Es ist mir wichtig, dass meine Kinder Arbeit nicht mit negativen Gefühlen verknüpfen, weil Papa viel arbeitet und deshalb oft nicht bei uns sein kann. Sich in seiner Arbeit selbst zu verwirklichen, eine Aufgabe zu haben, das ist ziemlich wertvoll. Ich wünsche mir, dass sie etwas finden, wofür ihr Herz schlägt und sie den Mut haben, ihrem Herzen zu folgen, egal, was andere sagen.
Papa arbeitet, kann sich selbst verwirklichen, bekommt dafür Geld, von dem wir als Familie etwas kaufen können. Es ist also wirklich in Ordnung, dass Papa tagsüber weg ist. Das denke ich jedenfalls.

Aber meine Kinder nicht. Sie vermissen Papa. Sie möchten, dass er auch tagsüber Zeit mit ihnen verbringen kann. Sie verstehen nicht den komplexen Zusammenhang zwischen Arbeit und Geld und dem, was wir unter einem „geregelten Tagesablauf“ oder „Erwerbstätigkeit“ verstehen. Für sie zählt, wer da ist. Ich kenne es selber nur zu gut, wenn niemand da ist.

Das ist der Grund, warum ich mich schon in so jungen Jahren für die Selbstständigkeit und gegen die klassische Berufskarriere entschieden habe. Ich möchte da sein. Und mich in meiner Arbeit selbst verwirklichen. Beides fällt mir nicht immer leicht aber ich bin dankbar, dass ich diese Freiheit habe.

Stiller Aufschrei

Ich habe ein kleines Revoluzzer-Herz. Ich träume davon mit meiner Familie aus dem System „auszubrechen“. Mit ihnen tolle Orte zu bereisen, Zeit zu teilen und meine Kinder selber zu unterrichten. Aber ich tue es nicht. Stattdessen hänge ich in diesem verdammten System, das ich im Grunde meines Herzens verachte, weil ich glaube, dass es total veraltet ist und uns unglücklich macht.
Meine Lernkurve scheint nicht steil genug zu sein, um all das zu realisieren, was mein kleines Revoluzzer-Herz fühlt, denn unser Leben geht steiler. Im nächsten Leben wäre ich dann so weit.

Ich möchte nicht still da sitzen und zusehen, aber ich habe keinen blassen Schimmer was ich zur Veränderung beitragen kann, außer mein eigenes Leben danach auszurichten, was uns gut tut.
Bis dahin hoffe ich einfach, dass unser System sich wandelt. Ich wünsche mir sehr, dass endlich in den Köpfen ankommt, dass wir etwas ändern müssen. Nicht nur für unsere Kinder, die diese Welt irgendwann mal regieren. Auch für uns selber. Globalisierung und Digitalisierung gehen eben nicht spurlos an uns vorüber. Egal wo ich hinsehe, sind Menschen krank, körperlich oder psychisch. Ist das nicht Zeichen genug, dass die Grenzen des Systems längst überschritten sind? Wir werden auch nicht mehr die sein, die nach harten Arbeitsjahren ihre Rente genießen können. Wir werden die sein, die arbeiten bis wir eines Tages nicht mehr zur Arbeit kommen können, weil wir verstorben sind. Oder krank. Und wenn wir es doch schaffen unser Rentenalter zu erreichen, dann werden wir kein Geld haben unsere Rente zu genießen.

Schon so oft habe ich mich gefragt, warum wir in einem so veralteten System leben. Ich weiß, Veränderungen brauchen Zeit. Aber meine Kinder sind jetzt klein. Sie leben jetzt und können viel zu wenig Zeit mit ihrem Papa verbringen.

Grenzüberschreitung

Auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt weit aus dem Fenster lehne: Dieses System wird früher oder später in sich zusammenfallen.

Im Home Office zu arbeiten sollte keine nette Geste oder Entgegenkommen des Arbeitgebers sein, sondern etwas ganz Normales, weil jeder weiß, dass es motivierender ist in einem natürlichen, persönlichen Umfeld zu arbeiten als in einem Großraumbüro.

Es ist Zeit etwas zu tun. Zeit zu verstehen, dass das wichtigste im Leben Menschen sind, die da sind.
Zeit zu verstehen, dass Familie das Wertvollste ist, das wir im Leben haben werden.

 

„Mama, wann kommt Papa endlich?“ fragt Max mich wieder, während er da so im Halbschlaf auf dem Sofa rumlungert. „Er soll jetzt hier sein. Ich möchte endlich mit ihm kuscheln und einschlafen.“
Ich versuche ihn zu trösten, nehme ihn in den Arm und setze mich wieder an den Esstisch, wo Luise sich mit Hilfe meines Messers großzügig an der Marmelade bedient. Sie beschwert sich laut, als ich sie davon abhalten möchte, sie lässt sich dann aber doch überzeugen, die Marmelade auch auf einer Scheibe Brot zu essen. „Papa ist gleich bei uns.“ sage ich zu Max, aber er antwortet nicht. Ich schaue zum Sofa und sehe, dass Max sich in eine Decke gekuschelt hat und eingeschlafen ist. Völlig erschöpft und traurig – ohne Papa.

2 Kommentare

  1. Michaela sagt: Antworten

    Oh das kenne ich nur zu gut. Und bei uns wird es ab September noch schlimmer weil mein Mann aufgrund eines neuen Job nur noch am Wochenende nach Hause kommen wird. Leider können wir nicht sofort alle an den Ort des neuen Arbeitsplatz ziehen. Wir machen das alles damit es in einem Jahr besser ist, aber wie soll das ein dreijähriger verstehen.

  2. EsistJuli sagt: Antworten

    Ich stimme dir prinzipiell zu. Aber ich finde es witzig, dass immer alle „Home office“ als so heiliges Mittel darstellen. Nicht falsch verstehen, das ist ne gute Sache. Aber eben auch nur für einen ganz kleinen Teil.
    Ich arbeite im Lebensmitteleinzelhandel. Soll ich in Zukunft Milch und Gemüse in meinem Büro zu Hause verkaufen? 😀 mein Mann ist Schlosser. Fenster und Türen oder auch ganz Komplexe vom Home Office aufbauen? Unmöglich. Er wird eben auch später mal auf Montagen sein und dann von Montag-Freitag nicht zu Hause sein können.
    Oder meine Freundin – Pflegedienst. Schön, wenn sie das von zu Hause erledigen könnte. Ihre Patienten können aber eben nicht von zu Hause aus versorgt werden.
    Schlussendlich: das System erscheint in vielen Bereichen veraltet, aber ich glaube, in mindestens so vielen ist es eben auch irgendwie notwendig. Ich werde im Verkauf nie flexible Arbeitszeiten haben oder diese selbst einteilen können – sonst ist die Kasse demnächst unbesetzt morgens um 7 oder abends um 10 😀
    Ich will also Kritik am System nicht verurteilen, im Gegenteil! Aber manchmal kann ich einfach nur lächeln, weil man eben doch auch weiter denken muss, als nur Bürojobs. Ohne dieses System (was natürlich trotzdem immer weiter entwickelt werden muss) bricht jetzt schon alles zusammen 🙂

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