Bewegung

Bewegung

Der Himmel zeigt sich in seinen schönsten Farben. Pink. Orange, sanftes Gelb, das sich in hellblau verwandelt und immer tiefer in blau getränkt wird. Der Mond hat die Form einer Sichel. Das weiß ich, obwohl ich nie in meinem Leben eine Sichel gesehen habe. Ich versuche den wunderschönen Himmel über der Stadt festzuhalten, aber Fotos vom Himmel wirken nie so wie der Himmel, den man durch die eigenen Augen sieht. Das beruhigt mich.

Ich frage mich, ob ich noch mal hinausgehen soll und mir etwas zu essen kaufen soll. Es ist 22 Uhr. Das Bett, auf dem ich sitze, steht im fünften Stock eines Hotels. Ich bin geduscht und genieße das Alleine sein. Nur auf meinen eigenen Herzschlag achten. Durchatmen.

Es ist nicht lange her, da habe ich gespürt wie schnell sich das Leben und damit alles Gewohnte verändern kann. Von jetzt auf gleich, ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung. Ich habe erlebt, wie ich jeden Tag das Gleiche tue und mich tief unten im Gewohnheitstrott fühle und dann plötzlich so vieles anders ist. Nicht nach außen, aber in meinem Kopf. In meiner Seele. In meinem Herzen.

Bewegung

Zwischen Schwangerschaften, Geburten, Babypflege, Kinderwagen schieben und fleckigen Shirts habe ich fast vergessen, dass das Leben Bewegung mit sich bringt und mich mir selber dabei immer näher bringt, wenn ich dafür bereit bin. Ich verschließe mich nicht. Ich sehe und nehme an, versuche zu verstehen.

Liebe ist Bewegung.

Eine Begegnung, die mich zwingt ich selber zu sein. Eine Begegnung, die von meiner Stimme verlangt auszudrücken, was mein Herz loswerden möchte.

Der Mut, den es mir abverlangt hat, hat mir als Nebeneffekt ein Geschenk gemacht: Ich durfte verstehen, dass ich wahrlich geliebt werde. Dass ich so sehr geliebt werde, dass sich jemand wünscht mich glücklich zu sehen, egal mit welcher Konsequenz.

Bewegung ist toll.

Ich genieße das Gefühl der Freiheit und werde daran erinnert, dass mein Leben jeden Tag völlig anders sein könnte; dass ich mein Leben gestalten kann. Wenn ich das wollte, könnte ich ein nettes Café eröffnen oder weit weg neu anfangen. Wenn ich das wollte, könnte ich noch ein drittes Kind bekommen. Wenn ich das wollte, könnte ich. Im Alltag verliere ich schnell das Gefühl von Freiheit und „ich könnte“. Diese Freiheit, die ich jetzt spüre, zeigt, dass alles gut ist, wenn ich ich bin.

Inzwischen ist Morgen geworden. Der Himmel ist an jeder Stelle, die ich aus meinem Fenster erblicke hellblau. Leicht zu erkennen, leicht zu beschreiben. Ein Foto möchte ich davon nun nicht mehr machen. Der Himmel ist da und ich weiß, dass er sich bewegt, auch, wenn ich das nicht in jedem Augenblick meines Alltags erkennen kann.

Ich stehe also am Fenster meines Hotelszimmers und betrachte den Himmel, den ich niemals einfangen können würde, wie auch immer er sich mir gerade zeigen würde. Er bewegt sich – so wie die Liebe das Leben bewegt. Unausweichlich, sanft und stark zu gleicher Zeit. Wunderschön und niemals wahrlich in Worte zu fassen.

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