Danke und Tschüß, Herr Juul – Wie ich als hochsensible Mutter die Trotzphase erlebe

Wie ich als hochsensible Mutter die Trotzphase erlebe

Ich habs satt. Ich habs sowas von satt! Ich dachte immer ich würde auf mein Bauchgefühl hören. Ich dachte, ich könnte mir vertrauen. Stattdessen wuchs im Laufe meiner Elternschaft und den damit verbundenen anstrengenderen Phasen meine Verunsicherung. Zeitgleich verlor ich ein Stück Selbstvertrauen. Mache ich als Mutter alles richtig? Kann ich dafür sorgen, dass meine Kinder später auf eine schöne Kindheit zurückblicken werden? Was ist, wenn ich mal keine Lust zum Spielen habe? Wie reagiere ich, wenn ich einfach mal so richtig genervt bin?

Aufgrund meiner Unsicherheit gibt es in unserem Bücherregal inzwischen eine eigene Abteilung mit Erziehungsratgebern (sofern man sie denn so nennen möchte). „Nein aus Liebe“, „Aggression“, „Dein kompetentes Kind“, „Besucherritze“ und so weiter und so fort. Alles Bücher, die ich sehr lesenswert finde. Besonders Jesper Juuls Bücher haben es mir angetan. Was er schreibt, ist sowas wie Gesetz für mich. Ich habe selten Zweifel an dem was er schreibt, weil es mir so einleuchtend erscheint. Und obwohl ich all diese Bücher, die sich da so angesammelt haben im Grunde toll finde, schäme ich mich für ihre Anwesenheit in unserem Regal.

Solche Bücher wollte ich nie lesen. Ich wollte ohne Tipps und Ratgeber auskommen. Hinzu kommen unzählige Blogbeiträge zum Thema Erziehung und Attachment Parenting. Die stehen glücklicherweise nicht im Regal, vielleicht aber noch viel schlimmer: Ich habe sie im Kopf.

In Situationen, in denen ich mit meinen Kräften am Ende bin, weil mich H1 völlig übermüdet herumkommandiert und über alle Maße hinaus jammert, tue ich, wozu ich in diesem Moment fähig bin: Reden, lauter Reden, noch lauter Reden. Wenn es ganz schlimm wird: Weggehen. Und gleichzeitig habe ich all das im Kopf, was ich gelesen habe. „Jil, sprich in einem ruhigen Ton. Geh bloß nicht weg! Du musst deinem Kind zeigen, dass seine Gefühle in Ordnung sind.“, „Sprich nicht in WENN..DANN-Sätzen, denn das ist im Grunde eine gemeine, unfaire Erpressung, die deinem Kind die Integrität raubt!“
Puh.. Diese Diskrepanz zwischen dem was richtig ist und dem, was ich tue macht mich irre. Natürlich möchte ich ruhig bleiben. Und nein, ich gehe nicht gerne aus dem Zimmer. Aber bevor ich gar nicht mehr weiter weiß, tue ich eben genau das.

Eine Mischung aus Erschöpfung, Unzufriedenheit mit mir selber, Genervtheit und Ungeduld lässt mich oftmals anders handeln als ich es in der Theorie gerne würde. Dann wünschte ich, all die Bücher und Artikel nie gelesen zu haben, weil sie in mir so ein unglaublich schlechtes Gewissen hervorrufen. In der Psychologie spricht man hier von kognitiver Dissonanz. Die Abweichung zwischen meiner Vorstellung, wie ich in schwierigen Momenten gerne reagieren möchte und meinem tatsächlichen Handeln fühlt sich unerträglich an. Ich bin ständig damit beschäftigt diese Abweichung zu minimieren, leider erfolglos.

Wie ich als hochsensible Mutter die Trotzphase erlebe

Vor drei Tagen erlebten wir hier einen Horrornachmittag. Meine Oma würde sagen: „Dein Kind ist in der Trotzphase. Du musst ihm jetzt zeigen wo es langgeht. Lass nicht zu, dass er dir auf der Nase herumtanzt.“ Jesper Juul sagt, die Trotzphase sollte nicht Trotzphase genannt werden, weil diese Phase im Grund etwas Gutes ist. Und ich.. Ich stehe irgendwo dazwischen, versuche in diesen schwierigen Momenten Halt und Verständnis zu vermitteln, weiß aber häufig selber nicht, wo mir der Kopf steht.

Also: H1, vom Kindergarten ETWAS überreizt, beginnt noch im Auto auf dem Heimweg mit Motzen und Jammern im großen Stil. Er möchte unbedingt noch an einer bestimmten Baustelle vorbei fahren. Er möchte nicht nach Hause. Auf keinen Fall! Er sitzt in seinem Kindersitz und tobt, jammert, weint, kreischt. Vorne in der Babyschale weint seine kleine Schwester vor Hunger. Ich weiß, dass auch H1 im Grunde einfach müde und hungrig ist. Leider sieht er das anders. Als ihm klar wird, dass ich nicht an der Baustelle vorbei fahren werde, schreit er los. Irgendwie zu Hause angekommen kann er sich plötzlich nicht mehr ausziehen. Arme zu kurz. Beine zu lang. Er ist durstig. Sein Wasserglas, das auf dem Tisch steht möchte er aber nicht. Es muss ein anderes sein und zwar eines, aus dem ich vorher getrunken habe. Puh.. Spätestens jetzt merke ich, dass er in seiner kleinen Welt versunken ist. Egal was ich nun tue oder nicht tue, er wird einen weiteren Anlass zum Wütendsein finden. Ich versuche tief durchzuatmen und ihn zu beruhigen.
Als sich die Situation nach dem Essen etwas beruhigt hat, lasse ich mich völlig platt aufs Sofa fallen. Mir laufen die Tränen. Ich bin einfach am Ende und mir tut alles weh. Jeder Knochen. Ich ertrage solche Auseinandersetzungen wirklich schlecht. Ich möchte einfach da liegen und schlafen. Mir kommt meine Hochsensibilität in den Sinn und dass sie mich manchmal unglaublich nervt, weil ich mich so wenig belastbar fühle. Und es wohl auch bin. Ich bin vor Erschöpfung kurz davor unseren Spielenachmittag, auf den wir uns schon sehr gefreut hatten, abzusagen. Nachdem ich mich etwas gefangen habe, bin ich dann doch ganz happy, den Nachmittag verplant zu haben und nicht weiter mit dieser miesen Laune zu Hause sitzen zu müssen. Es zeigt sich, dass alle drei Mamas (mit Kindern im gleichen Alter) das gleiche „durchmachen“. Wir fühlen ähnlich, wie handeln ähnlich. Und wir alle fühlen uns schlecht. Wir alle sitzen abends da und sind genervt, weil wir den ganzen Tag gemotzt und gemaßregelt haben. Versucht haben zu deeskalieren, wo es nur geht. Und wir sind alle unglaublich erleichtert, dass es den anderen ähnlich ergeht. 

An diesem Abend beschließe ich, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Der Grund: Es ändert nur wenig an meinem Verhalten. Es ist niemandem geholfen, wenn ich abends frustriert dasitze und zu nichts in der Lage bin außer mein Fehlverhalten zu reflektieren.
Ich gebe jeden Tag mein Bestes, auch, wenn das manchmal nicht genug ist. Konfliktpotenzial versuche ich abzusehen und zu verhindern (und nein, ich schütze mein Kind nicht vor der Welt da draußen). Ich gebe mir Mühe meinen Kinder bei Wutanfällen beizustehen und zu beruhigen.

Von all dem, was Herr Juul und Co. schreiben, kann ich nur einen Teil in meinem Alltag umsetzen, aber immerhin. Auch die Erziehung, die ich selber erfahren habe, prägt mein Handeln, auch wenn ich versuche dies einzudämmen. Ich arbeite hart an mir, aber ein Erziehungsstil ändert sich einfach nicht von einer zur nächsten Generation gänzlich sondern ist (leider) ein langer Prozess, der sich langsam entwickelt. Von Generation zu Generation lassen weniger Eltern ihre Kinder zum Einschlafen schreien. Ein toller Fortschritt, wie ich finde. Ich zum Beispiel habe mich als Baby in den Schlaf geweint. Für meine eigenen Kinder möchte ich das auf keinen Fall, weil mir mein Herz – und einige Studien – sagen, dass diese Methode schädlich ist. Ich setze mich auf meinem Blog sehr gerne dafür ein, dass sich unser Denken als Eltern wandelt und freue mich, dass ich mich hier mitteilen darf.

Viellicht wäre Herr Juul stolz auf mich, weil ich beschlossen habe meinen eigenen, authentischen Weg zu gehen. Weil ich seine Bücher gelesen habe und das, was mir möglich erscheint in meinen Alltag einbaue.

Danke Herr Juul, dass Sie ihr Wissen und Ihre Erfahrungen mit uns allen teilen. Danke allen BloggerInnen, die ebendies tun. Ab heute gehe ich mit eurem Wissen im Hinterkopf meinen eigenen Weg – ohne schlechtes Gewissen aber voller Vertrauen in mich und meine Familie.

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P.S. Ich glaube mit etwas Abstand nicht mehr, dass das alles nur eine Phase ist. Die ganze Kindheit ist geprägt davon, dass ein Kind die eigenen Fähigkeiten und Grenzen entdecken möchte. Das mag für uns Eltern extrem anstrengend sein, insbesondere für die hochsensiblen Eltern unter uns, die sich schlecht abgrenzen können. Dennoch finde ich die Begriffe Trotzphase, Autonomiephase und wie auch immer sehr irreführend, denn sie lassen vermuten, dass diese anstrengende Zeit mit Wutanfällen und Diskussionen schnell wieder schwindet. Nein, das tut sie nicht. Trotzphase, Autonomiephase. Nennt es wie ihr wollt. Ich nenne es Kindheit.

12 Kommentare bei „Danke und Tschüß, Herr Juul – Wie ich als hochsensible Mutter die Trotzphase erlebe“

  1. Liebe Jil, Ratgeber sind schöne, richtige und wichtige Theorie und Du hast ganz recht: Geh Deinen eigenen Weg. Ich habe drei Kinder (2×5 und fast 7) und es ist fast unmöglich alle zufrieden zu stellen. Das ist auch nicht wichtig. Ich finde es viel wichtiger, die Konflikte, die wir erleben, die der einzelne erlebt, nach der großen Wut zu besprechen und ich bersuche mein bestes, um auch die schwierigsten Tag wenigstens harmonisch ausklingen zu lassen! Liebe Grüße Verena

  2. Liebe Jil,

    das Problem ist einfach: das gesunde Bauchgefühl gibt es nicht. Es gibt keinen Mutterinstinkt – man weiß nicht automatisch, was richtig ist. Wir sind fast alle „traditionell“ erzogen worden und das prägt und immer noch. Wir fallen in alte Verhaltensmuster zurück und wiedeholen instinktiv unsere eigene Erziehung.

    Und das hat sich für mich persönlich genauso falsch angefühlt, dass ich ebenso wie Du, angefangen habe, zu lesen. Mittlerweile über 50 Bücher und jetzt kenne ich meinen Weg und weiß genau, was ich will und habe viele Ideen, wie ich das umsetze. Damit meine ich natürlich nicht, dass jeder so viel lesen muss, bis er nicht mehr so ambivalent ist – manchmal reicht ein Buch von Juul oder eines von Renz-Polster und man sieht schon so viel klarer.

    Kennst Du eigentlich „Liebe und Eigenständigkeit“ von Alfie Kohn? Das war für mich derart erleuchtend, dass es mir enorm viel Selbstsicherheit zurück gegeben hat. Und ich bin wirklich froh, gelesen zu haben und irgendwann über dieses Buch gestolpert zu sein. Ich persönlich finde es enorm wichtig, dass man sich mit Erziehung auseinander setzt. Wenn ich rein instinkiv handeln würde, würde ich meine Kinder pausenlos erpressen, ihnen drohen oder sie auf den stillen Stuhl setzen. Lesen ist für mich kein Versagen, sondern wirklich elementar, um es anders zu machen, als unsere Eltern.

    Liebe Grüße!
    Danielle

    1. Hallo Danielle,
      danke für deinen Kommentar! Ich stimme dir in vielen Punkten zu und ja, wir sollten es selber besser machen. Das versuche ich auch täglich 🙂

      Habe mir nun das Buch von Alfie Kohn mal angesehen, das könnte wichtig für mich sein. Danke für den Tipp!!

    2. Übrigens sehe ich gerade, dass ich deinen Blog schon länger verfolge und sehr schätze! Wollte ich noch schnell anmerken 🙂

  3. Sehr ehrlicher und toller Eintrag! Das Gefühl kenne ich zu gut! Es tut gut zu wissen, dass man als Mama mit diesen Gedanken nicht alleine ist! Danke!

  4. Hach ja…überall ist es das Gleiche…warum denken wir Mamas nur wir machen es falsch? Das zehrt echt noch zusätzlich an den Nerven, genau wie du es schreibst.

    Ich fühle mit Dir und bin auf nen ähnlichen Weg wie Du…halt gut durch! Ich glaube ja immer noch fest daran, dass es wieder besser wird…

    Toll, dass du Freundinnen hast mit denen du das besprechen kannst, das hilft so!

    Glg Tine

  5. Liebe Jil,
    so schön ! Wir alle haben diese Momente. Auch ich als Bloggerin und Familiencoach. Das sind die Momente, da fliesst mir kein Wort aus der Feder, da denke ich, ich bin der letzte Mensch, ich darf kein Wort sagen, weil ich das trotz meiner ganzen Ausbildungen und vollem Bücherregal nicht schaffe, immer reflektiert zu sein und immer Miss Empathie. Dann bin ich müde, alle drei schreien durcheinander und ich kann nur noch mitschreien oder ins Mauseloch gehen…
    Sieh die ganzen Bücher als Coaching, nicht als Ratgeber/Handlungsbefehl. Wenn sie dir helfen, wieder ins richtige Mindset zu kommen, gut, sonst lass sie, wenn sie dich gerade mehr runterziehen.
    LG
    Lena

    1. Hallo Lena, du hast völlig recht. Aber man sagt ja: Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe, stimmts? 😉 Ich bin übrigens auch Coach – allerdings kein Familiencoach.
      Danke für deine Worte, ich werde sie mir zu Herzen nehmen.

  6. Ja, Hochsensibilität und über allem stehen und gelassen und ruhig erziehen lässt sich meiner Meinung nach oft nicht gut unter einen Hut bringen wenn gerade die emotionale Achterbahn um einen herum fährt. Du hast das sehr gut umschrieben. Genauso geht es mir auch und ich weiß auch um die gleichen Ratgeber und habe einiges davon verinnerlicht. Gehe trotzdem meinen ganz eigenen Weg mit viel Gedult und Verständnis für mich selber. <3

    1. Danke für deine aufmunternden Worte, Katinka! Mit Geduld und Verständnis für dich selbst.. das klingt wirklich ganz herzlich toll <3 Mir fehlt leider oft die Geduld für mich selbst – und andere.

  7. […] Vor ein paar Monaten hatte ich euch berichtet, dass ich eine ganze Reihe von Büchern rund um die Elternschaft angesammelt habe und ich beschlossen habe meinen eigenen Weg zu gehen – ohne weitere Literatur. Vielleicht erinnert ihr euch? (Hier noch mal zum Nachlesen.) […]

  8. […] nicht kennt. Weil mein Herz seinen eigenen Wegen folgt, fernab von Erwartungen und Meinungen, fernab von Ratgebern und Tipps. Dann bin ich zwar nicht die Mutter, von der ich dachte sie zu sein, aber die beste Mutter, die […]

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