Die Blicke der Anderen

Trotzphase mit Kind überstehen

Vor Kurzem haben wir mit Luise ihren zweiten Geburtstag gefeiert. Wer ein zweijähriges Kind hat oder hatte, der kann sich vorstellen, mit welcher Vehemenz Luise gerade versucht eigenständig zu sein. Sie steckt nämlich mitten in der Trotzphase, die für mich persönlich allerdings wenig mit Trotz und noch weniger mit einer Phase zu tun hat.

Es vergeht hier gerade kein Tag, an dem Luise nicht mindestens einmal vor Wut schreit und/oder weint. Sie möchte nicht, dass ich ihr Wasser ins Glas schütte, sie möchte es selber machen. Sie möchte nicht, dass ich ihr Socken anziehe, sie möchte es selber machen. Sie möchte nicht, dass ich die Waschmaschine anstelle, sie möchte es selber machen.

Bisher beschränkten sich ihre Wutanfälle auf Ereignisse, die in unseren vier Wänden passierten. Wir waren also zu Hause, während sie vor Wut tobte und (für mich) ohrenbetäubend schrie. Ich konnte also mehr oder weniger in Ruhe meine Ohrstöpsel suchen und sie trösten, vielleicht sogar versuchen ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, das sie nicht ärgert.

Alles irgendwie anstrengend, aber das geht ja bekanntlich vorbei. Alles nur eine Phase..

Next Level

Aber letzte Woche war es dann soweit: Luise wütet nun auch draußen. Hooray! Irgendwie hoffe ich ja bei jedem Kind, dass dieser Kelch an mir vorüber geht..

Wir standen nach dem Einkauf vor dem Laden und Luise weigerte sich mit nach Hause zu kommen. Sie wollte ihren kleinen Wagen nicht zurückzustellen und auch ihre drei Teddys, die sie darin platziert hatte, wollte sie nicht herausnehmen. Nicht bereit auch nur einen einzigen Meter zur Seite zu gehen stand sie auf dem Parkplatz vor dem Laden und brüllte. Ich daneben, logisch. Das lenkte die geballte Aufmerksamkeit aller Menschen, die den Laden betraten oder verließen direkt auf uns. Niemand, wirklich niemand ging an uns vorbei ohne uns zu beachten. Eine ältere Frau bewunderte meine Geduld und sagte sowas wie: „Sie sind ja eine sehr geduldige Mutter. Ich würde das nicht aushalten.“ Ihr Mann stand schmunzelnd daneben (ich hätte zu gerne gewusst, was er dachte) und versuchte Luise zu besänftigen. Ich habe mir übrigens auch meinen Teil gedacht, denn ich bin alles, nur nicht geduldig. Echt nicht. Ich kann warten, aber mit Geduld hat das wenig zu tun.

Trotzphase mit Kind überstehen

Endgegner: Mutter oder Kind?

Dann verließ eine Bekannte den Laden, kam zu mir, strich mir über die Schulter und sagte: „Weißt du Jil, ich kenne das. Und das Schlimmste sind doch immer wieder die Blicke der Anderen. Aber mach dir nichts draus, denn:

Die einen schauen dich an und denken: „Ach, die arme Mutter“ und die anderen schauen dich an und denken: „Ach, das arme Kind.“

Und dann sagte sie noch „Mach dein Ding. Du änderst sowieso nichts.“

Es tat so gut ihre Worte zu hören. Sie hat nämlich total recht: Es ist doch ziemlich egal was die anderen denken oder nicht. Sie kennen weder meine Situation, noch was zuvor vorgefallen ist, wie lange ich schon im Laden damit beschäftigt war Luise bei Laune zu halten und wissen nicht, dass mein Tag ohnehin schon stressig genug war. Sie sehen nur das Jetzt. Ähnlich wie auf Spielplätzen, auf denen sich Eltern und Angehörige aufhalten, bereit andere zu beobachten und ihr Urteil zu fällen, ohne, dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung davon haben, was hinter dem steckt, was sie gerade sehen.

Geteiltes Leid..

Ich weiß nicht wie viele Eltern ich schon mit schreiendem Kind unter dem Arm irgendwo entlang stapfen gesehen habe. Ich bin also nicht das einzige Elternteil, das im oder vor dem Laden, auf dem Parkplatz, auf dem Spielplatz oder wo auch immer Kinder auf die Idee kommen etwas blöd zu finden, steht, innerlich kochend, versucht ein Kind zu beruhigen, während die anderen daneben stehen.
In Situationen wie diesen sind Eltern ja vor allem eines: hilflos. Und zwar alle. Es gibt keine Vorbereitung und keinen doppelten Boden. Aber es gibt die Blicke der anderen. Ich persönlich versichere mich zwar, wenn ich ein schreiendes Kind höre oder sehe, ob alles in Ordnung ist, wende meinen Blick dann aber schnell ab. Vielleicht weil ich weiß, wie ätzend das ist, wenn alle glotzen. Vielleicht aber auch, weil ich so eine Krisensituation etwas sehr Persönliches finde. 

Die „Phase“, in der Luise sich gerade befindet ist wohl die, in der die Beziehung zwischen Eltern und Kind, in dem Fall zwischen mir und ihr ganz deutlich nach Außen sichtbar wird. Jeder kann beobachten, wie ich mit ihr in solch einer schwierigen Situation umgehe. Jeder um uns herum scheint zu beobachten und mir, wenns dumm läuft, seine persönliche Meinung aufzudrücken.

And the winner is..

Es scheint jedenfalls sehr spannend zu sein wie Eltern mit ihren wütenden Kindern umgehen. Mich wundert, dass manche Leute sich nicht mit einer Tüte Popcorn daneben stellen. Oder Wetten darüber abschließen, wer diesen Kampf wohl gewinnen wird.

Nach zwanzig Minuten, in denen ich innerlich schon lange die Geduld verloren hatte, verlor ich sie dann auch nach Außen. Ich packte Luise auf den Arm, stellte den Wagen zurück und stapfte mit ihr einen Laden weiter zum Bäcker. Sie brüllte unaufhörlich weiter und ließ sich von nichts, wirklich nichts beruhigen. Und plötzlich, wie wir so in der Schlange beim Bäcker standen, war es okay für mich. Luise weinte auf meinem Arm und alle guckten und quatschten mich an – es war mir egal. Vielleicht hatte ihr Geschrei mir auch einfach die Ohren betäubt. Jedenfalls war es mir ab dieser Situation tatsächlich egal, was die Leute um mich herum über uns denken. Wenn ich sie ins Auto gezerrt hätte, hätten die einen gejubelt und die anderen am liebsten das Jugendamt kontaktiert. Wenn ich sie noch weiter stehen gelassen hätte, hätte wohl die andere Hälfte das Jugendamt kontaktiert, weil ich mein Kind nicht im Griff habe und die wiederum andere Hälfte hätte demokratisch jubelnd daneben gestanden. So what.

Zu Hause angekommen war ich nassgeschwitzt, echt. Auch wenn es nach Außen hin ruhig aussehen mag, ich war so richtig fertig. Am Rande meiner Kräfte. Wäre Luise zu Hause so wütend geworden, wäre es weitaus weniger schlimm gewesen. Nicht, weil ich sie besser hätte beruhigen können, sondern weil wir alleine gewesen wären oder wenigstens mit Menschen, die uns kennen.

KON-ZEN-TRA-TION

Aber so groß der Druck von Außen auf Eltern sein mag: In solchen Situationen gilt es sich zu konzentrieren und zu besinnen: Auf das, was man selber braucht und auf das, was das Kind braucht.

Ich habe in den zwanzig Minuten vor dem Laden versucht Luise mit verschiedenen Anreizen dazu zu bewegen mit mir mitzugehen, ohne, dass ich den Laden erneut betreten muss (denn das kam für mich nicht in Frage) oder sie kränke. Nach dieser Zeit war mir aber irgendwie klar: Das wird so nichts. Es hätte aber eben auch funktionieren können, wie ich es aus vorherigen Situationen von ihr kenne.

Die Menschen, die mich zwanzig ewige Minuten mit ihr dort stehen sehen haben, haben sich ihre Meinung gebildet. Und genauso die, die mich dann mit einem weinenden Kind im Auto verschwinden gesehen haben. Und ich wette, sie haben sich eine ganz andere Meinung gebildet, als die Menschen, die mich dort – nach außen hin – geduldig mit Luise stehen sehen haben.

Die Blicke der Anderen werde ich immer wahrnehmen. Aber ich werde an die Worte meiner Bekannten denken. Und ich werde mich konzentrieren auf meine Tochter und mich, weil alles, was wir brauchen in uns selber liegt. Die anderen werden denken, gucken; sie werden sprechen. Das ist okay, denn:

Was wir sehen ist eben Ansichtssache. 

 

Wie seht ihr das? 😉

xo Jil

3 Kommentare

  1. Liebe Jil,

    das stimmt, es hat wenig mit Geduld und mehr mit Warten zu tun. Ich habe mich darin wiedererkannt.
    Ich finde es ganz toll, wie du die Situation mit ihr durchlebt hast.
    Love ist jetzt auch seit fast einer Woche zwei Jahre alt und will sehr viel „‚lleine machen“.
    Die Dinge, wo ich weiß, die stressen mich mit ihm zusammen, die lasse ich soweit als möglich bleiben. Das bringt weder ihm noch mir etwas.
    Dafür wachse ich sehr an den Situationen, die wir gemeinsam durchleben, wo ich dann durchaus auch manchmal überrumpelt bin, dass es jetzt passiert. Und jedes Mal bin ich erstaunt, wie ruhig ich manchmal dann doch bleiben kann.

    Herzliche Grüße

    Lea

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Lea, vielen Dank für deinen Kommentar und danke, für dein Kompliment. Ich versuche auch Situationen zu vermeiden, von denen ich von Vorne herein weiß, dass sie Konfliktpotenzial bergen. Jedenfalls, wenn sie nicht notwendig sind. Mich stressen besonders die Momente, die so unvorhergesehen kommen, wie bei unserem Einkauf. Bleibst du auch nach Innen hin ruhig? 🙂
      Liebe Grüße Jil

      1. Hej ho,

        witzigerweise komme ich viel besser mit Wutanfällen „draußen“ oder in Gesellschaft klar als alleine mit dem Lütten daheim. Irgendwie seltsam … Tatsächlich bin ich dann auch innen ruhiger und besonnener. Zuhause schaffe ich das nicht immer.

        Hab einen schönen Tag

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