Digitaler Tod – Wie stumpfsinnig sind wir schon geworden?

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Ich gehöre zur Generation Y. Ich bin – größtenteils – mit dem Internet aufgewachsen. Ich kommuniziere am liebsten per Mail und ich coache meine KlientInnen online. Man könnte also behaupten ich sei ein Kind der digitalen Medien. Und das bin ich tatsächlich. Zur Verwunderung Vieler hat das für mich aber ganz klaren Grenzen. Die setzt für mich immer dann ein, wenn es sehr persönlich wird. Wenn es um den Tod eines Menschen geht zum Beispiel.

Es war der 31. Oktober 2008 an dem mich spät abends eine SMS mit folgendem Inhalt erreichte: „xys Bruder ist gestorben. Vielleicht kannst du ihn mal anrufen. Ich glaube du bist die einzige, mit der er spricht.“

Ich erinnere mich noch heute ganz genau an den Moment, in dem ich diese Worte las. Sie rissen mir den Boden unter den Füßen weg. Ich war damals im Ausland und so unheimlich hilflos. Es waren nur diese geschriebenen Worte und ich wusste einige Minuten nicht, ob sie tatsächlich ernst gemeint waren.

Dieser Tod war ein absoluter Schock, natürlich nicht nur für mich. Aber darum geht es in diesem Beitrag nicht. Hier geht es mir darum, wie die digitalen Medien den Tod bzw. seinen Stellenwert verändern.

Eine Todesnachricht per SMS?!

Jahrelang hatte ich Angst, ich könnte wieder so eine lapidare Nachricht bekommen, in der etwas so Existenzielles steht. Ich konnte überhaupt nicht damit umgehen, wie der Absender mit dem Tod umging und wie er ihn mir vermittelte. Ich mache ihm persönlich daraus keinen Vorwurf. Aber so allgemein:

Wenn jemand gestorben ist, ruft man verdammte Scheiße an.

Warum ich das so furchtbar finde, mit dem Tod in einer SMS konfrontiert zu werden? Vermutlich, weil ich von dem Inhalt einer Nachricht erwarte, dass sie „harmlos“ ist. Wichtige Dinge, so ungern ich auch manchmal telefoniere, teilt man sich doch am Telefon mit, oder?!

Inzwischen habe ich bereits VIER Todesnachrichten in digitaler Form erhalten. Dreimal als SMS, einmal über Facebook. Und soll ich euch etwas sagen?! Mir reichts!

Isch möschte das nischt!

Gefährliche Botschaft

Natürlich handelt es sich um eine extrem unangenehme und schwierige Aufgabe eine Todesnachricht zu überbringen. Dann wählt man vielleicht heute die SMS oder sowas. Was auch immer dazu führt, dass wir so etwas tun: Wir müssen daran arbeiten.

Der Tod verliert dadurch meiner Meinung nach an Stellenwert und Bedeutung. Und zwar (leider) nicht im Sinne von: „Der Tod gehört zum Leben dazu“. Jeder mag seine eigenen Ideen und Gedanken dazu haben, was der Tod bedeutet, was danach passiert usw. Dennoch handelt es sich um ein sehr sensibles Thema, das genauso sensibel wie es ist auch vermittelt werden sollte. Nachrichten und Facebook-Einträge gehören nicht dazu!

Stell dir nur mal vor du bist gestorben und alle schreiben und posten wild herum, dass es dich nun nicht mehr gibt!

Egal wie sehr ich auf die digitalen Medien abfahre, diese Vorstellung finde ich verdammt ätzend. Unwürdig. Traurig.

Ich wünsche mir, dass wir in wichtigen Themen wieder etwas mehr Scharfsinnigkeit und Respekt anstelle von Stumpfsinnigkeit walten lassen.

btw: Über unseren digitalen Nachlass sollten wir uns auch mal Gedanken machen, oder?

 

Wie siehst du das? Übertreibe ich? Hast du so etwas auch schon mal erlebt und wie bist du damit umgegangen? 

xo Jil

2 Kommentare

  1. Ich verstehe, was du denkst. Und trotzdem denke ich, dass die Trauer nicht an Intensität verliert, wenn man die Nachricht per WhatsApp überbringt (auch wenn ich sie niemals über einen Tweet oder einen FB Status erfahren möchte!!). Gerade im Ausland geht es nicht immer telefonisch und dann lieber gleich per Nachricht, als erst Tage später per Telefon. Dass es leichter ist, eine Nachricht zu schreiben, als anzurufen verstehe ich auch, ich selbst habe aber auch noch nie so eine WhatsApp oder dergleichen bekommen oder versandt.
    Die Trauer ist immer dieselbe, die Art der Übermittlung nimmt dem Toten nicht die Ehre (finde ich). Und am Ende spricht man doch sicher immer persönlich oder nimmt sich in den Arm, oder?!

    Lieber Gruß
    Berdien

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Berdien, danke für deinen Kommentar! Du hast Recht, die Trauer ist völlig unabhängig von der Art der Übermittlung der Nachricht, zum Glück! Ich selber finde es ziemlich unpassend so eine Nachricht per Whatsapp und Co. zu teilen und würde auch nie auf die Idee kommen das zu tun. Für mich ist das einfach eine ziemlich abgestumpte Verhaltensweise. Dass das im Ausland manchmal nicht anders möglich ist, kann ich mir gut vorstellen, ich glaube da sieht das Ganze dann noch mal etwas anders aus. Mir ging es auch eher darum, was man tut, wenn man die Möglichkeit hat zwischen verschiedenen Kommunikationswegen zu entscheiden.
      Es ist auch gut möglich, dass ich sehr empfindlich auf dieses Thema reagiere, weil mich das damals wirklich traumatisiert hat mit der SMS. Und vielleicht hat es mich auch nur deshalb traumatisiert, weil ich empfindlich bin? 😉 Who knows.
      Liebe Grüße nach Mexiko :*

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