Ein Brief an mein hochsensibles, verzogenes Kind

Brief an mein hochsensibles verzogenes Kind

Lieber Max,

erinnerst du dich an die Babymassage-Gruppe, in der wir waren, als du ungefähr zwei Monate alt warst? Ich hatte mich sehr auf diesen Kurs gefreut – wie wahrscheinlich alle Mamas, die nach der Geburt endlich mal wieder unter Leute kommen – und dachte, auch du könntest dem etwas abgewinnen. Zwei Mal waren wir dort, bevor ich die Kursleiterin telefonisch darüber in Kenntnis setzte, dass wir den Kurs nicht weiter besuchen würden. Zwei Mal hast du geweint, geschrieen und gelitten. Ich erinnere mich, dass die Dame am Telefon meine Entscheidung missbilligte. Sie sprach von dir als „Sensibelchen, das sich erst an die Massage gewöhnen muss„. Ihre Worte haben mich getroffen. An diesem Tag habe ich mich unverstanden und falsch gefühlt. Ich konnte nicht verstehen, warum es nicht in Ordnung sein sollte auf sein eigenes Gefühl zu hören. Dem Baby zu vertrauen, wenn es mit Schreien etwas signalisiert. Warum sollte ich deine Gefühle einfach so übergehen? Und ich empfand Wut gegenüber der schroffen Aussage, du seist ein Sensibelchen. Ihre Worte klangen, als sei mit dir etwas nicht in Ordnung.

Dass du irgendwie „anders“ warst als andere Babys, das hatten wir schon ziemlich schnell nach deiner Ankunft auf dieser Welt gespürt. Du hast dir die Welt mit großen Augen angesehen. Du hast viel geweint und hattest Bauchschmerzen, die durch nichts zu lindern waren. Und Schlafen gehörte auch nicht gerade zu deinen Lieblingsbeschäftigungen.

Es begann die Zeit in der ich mich dachte für dein Verhalten rechtfertigen zu müssen.

Dann begann die Zeit in der ich mich dachte für mein eigenes Verhalten rechtfertigen zu müssen, weil ich so gut es geht versucht habe auf dein Wesen einzugehen und Rücksicht zu nehmen.

Denn im Laufe unserer gemeinsamen Zeit habe ich verstanden, wer du eigentlich bist und was du brauchst. Zugegebenermaßen hat das eine Weile gedauert. Den meisten Gegenwind habe ich tatsächlich dafür bekommen, dass ich auf dich eingehe. Das klingt verrückt, oder?
Ich würde dich verziehen, dich der Möglichkeit berauben „erwachsen zu werden“, dich verweichlichen. Ich habe diese Aussagen und Meinungen nie verstanden, mich aber verunsichern lassen. Letztendlich habe ich getan was mein Herz mir sagt und bin froh darüber, denn heute weiß ich, dass du, genau wie ich, hochsensibel bist.

Ich möchte, dass du weißt, dass du okay so bist wie du bist. Genau weil du offensichtlich in vielen Dingen „anders“ bist/denkst (auch wenn ich das selber nicht so sehe), bist du für mich unglaublich liebenswert. Mir ist es wichtig, dass du dich wohl fühlst in deiner Haut, deshalb rechtfertige ich mich nicht für dich in Gegenwart anderer und kritisiere dich nicht für den, der du bist.
Ich versuche dir zu geben was du brauchst. Ich bringe dich nicht bewusst in Situationen, von denen ich weiß, dass sie dir nicht gefallen (und die nicht notwendig sind). Natürlich kann ich dich nicht vor allem bewahren. Das möchte ich auch gar nicht, denn das ist dein Leben und du bist der Kapitän. Ich thematisiere deine „feinen Antennen“ nicht. Du bist wie du bist und magst eben keine lauten Geräusche. So wie andere vielleicht keinen Regen mögen. Du wirst häufig genug mit der „Welt da draußen“ konfrontiert und bis du gänzlich selbstständig bist, hoffe ich dich so gestärkt und mit Vertrauen ausgestattet zu haben, dass du dich wohl fühlst (ganz unabhängig von deiner Hochsensibilität). Ich liebe dich, besonders weil du bist wer du bist.

 

Habt ihr Erfahrung mit Hochsensibilität gemacht? Habt ihr vielleicht auch Kinder, die hochsensibel sind? Wie geht ihr damit um? 

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Ein Kommentar bei „Ein Brief an mein hochsensibles, verzogenes Kind“

  1. […] habe schon mal einen Brief an meinen Sohn geschrieben. Wenn ihr ihn lesen möchtet, gehts hier […]

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