Eine Aussteiger-Familie auf Gemeinschaftssuche

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Jitka wagt mit Mann und Kind das große Abenteuer: Aussteigen. Die kleine Familie ist auf der Suche nach einer Gemeinschaft, in der sie glücklich leben können und nicht das Gefühl haben mit ihrem Leben, ihren Entscheidungen anderen Menschen und/oder unserer Erde zu schaden.

Das Thema Aussteigen und Sinnfindung zieht mich immer wieder magisch an. Mich fasziniert, wie Menschen, besonders Familien diesen Schritt, den viele vielleicht durchdenken, dann tatsächlich in die Tat umsetzen. Raus aus den alltäglichen Zwängen, nicht die Frage nach der richtigen Schule fürs Kind, weg von Konsum. Aber, wenn die erste Euphorie erloschen ist, die Reise ganz anders verläuft als geplant: Was dann? Bereut man das Aussteigen? Geht man zurück? Macht man weiter?

 Ich finde Jitkas Geschichte unglaublich interessant und deshalb gibt es heute einen Gastbeitrag von ihr, in dem sie von ihren Gedanken zum Aussteigen erzählt:

Warum eine Familie aus dem gewohnten Leben aussteigt

Hallo, ihr Lieben. Ich heiße Jitka und bin Mitte Dreißig, verheiratet, Mutter eines vierjährigen Wunders und Nomadin auf Zeit. Oder anders gesagt: Vollzeitreisende auf Gemeinschaftssuche.

Eigentlich war ich nie so der Campingtyp, ganz im Gegenteil! Unseren ersten gemeinsamen Wohnmobilurlaub mussten wir 2009 meinetwegen vorzeitig beenden. Deswegen zeugt die Tatsache, dass unser Zuhause nun seit sieben Monaten ein 25 Jahre altes Wohnmobil ist, von den großen, persönlichen Veränderungen, welche ich in den letzten Jahren durchgemacht habe.

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Meinem Mann und mir war eigentlich schon ziemlich lange klar,  dass wir mit dem Leben, welches wir führten, auf Dauer nicht glücklich sein können. Während mein Mann sein Medizin-Studium durchzog und danach eine Vollzeitstelle in der Klinik annahm, verausgabte ich mich und meine Energien Jahr für Jahr als freiberufliche Beleghebamme in Berlin.

Aber es beschlich uns beide immer stärker dieses mulmige Gefühl. Wir sahen es einfach nicht ein, uns in einem Gesundheitssystem verheizen zu lassen, das nur am Geschäft mit den Kranken und dem Profit der Pharmafirmen und der Klinikgroßkonzerne orientiert ist. Und wir wollten gerne heraus finden, wieviel Unabhängigkeit vom globalen Kapitalismus mit all seinen negativen Auswirkungen eine mittelgroße Gruppe von Gleichgesinnten wohl erreichen kann, wenn sie es darauf anlegt und sich gemeinsam eine lebenswerte Alternative erschafft.

Wir wünschten uns deutlich mehr Selbstbestimmung und Freiheit in unserem Leben. Nicht nur im Beruf oder bei den Bildungsmöglichkeiten für unser Kind. Auch jede noch so kleine (Konsum-)Entscheidung, die wir so tagtäglich trafen, führte uns unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit vor Augen. Da all unsere Handlungen aus unserer Sicht heraus zu einem mehr oder weniger großen Schaden irgendwo auf der Welt beitrugen. Für andere Menschen. Für die Ökosysteme. Für unseren Planeten selbst.

familie auf gemeinschaftssuche mit wohnmobil

Ziele ändern dich

Also begannen wir zu recherchieren, zu lesen und zu schauen, welche Alternativen denn überhaupt denkbar wären. Damals stießen wir auf die Bewegung der Ecovillages und unsere Träume führten uns zunächst ans andere Ende der Welt. Wir dachten, Neuseeland könnte mit seiner geringen Bevölkerungsdichte und seiner unberührten Natur die richtige Wahl für einen Neuanfang voll Achtsamkeit und Eigenverantwortung sein.

Diese Idee begleitete uns tatsächlich über einige Jahre hinweg. In der Zwischenzeit heirateten wir, bekamen ein Kind, veränderten unsere Ernährung immer mehr in Richtung Veganismus und versuchten unseren gesamten Lebensstil so nachhaltig zu gestalten, wie es für uns in der Großstadt möglich war.

Die Auswanderung und der Traum vom Aussteigen blieb unser definiertes Ziel, aber als es Anfang 2017 wirklich konkreter damit wurde, merkten wir, dass unsere Vision sich dringend der Realität anpassen musste. Wir sahen ein, dass es wenig Sinn machte, unsere Ideale in einem elitären Land auf einem völlig fremden Kontinent zu verfolgen.

Voll Abenteuerlust und Rebellengeist gaben wir alles auf, was uns in Berlin noch hielt und tauschten unsere Komfortzone im Juni 2017 gegen ein Nomadenleben im Wohnmobil ein. Der grobe Plan war es nun, von Deutschland aus startend verschiedene Kommunen und Gemeinschaften in Europa zu besuchen und uns im besten Falle am Ende dieser Orientierungsreise für einen Ort zu entscheiden, wo wir uns niederlassen und Wurzeln schlagen könnten.

Leider (oder vielleicht glücklicherweise?) verlief unsere Tour völlig anders als geplant. Denn das gebrauchte Wohnmobil mit Erstzulassung von 1993 zeigte bereits nach der ersten Etappe, dass unter der Motorhaube einiges im Argen lag.

Eine Zwischenbilanz und das Abenteuer geht weiter

Unsere Bilanz nach 7 Monaten Gemeinschaftssuche fällt daher sehr überschaubar aus: Eine Gemeinschaft mit recht schwachen Strukturen in Deutschland, ein viertägiges Treffen für Gemeinschaftsinteressierte und einen sehr speziellen Begegnungs-Ort in Spanien konnten wir bisher kennen lernen. Die meiste Zeit über haben wir, anstatt munter von Gemeinschaft zu Gemeinschaft zu tingeln, ungewollt fest gesessen, während das Wohnmobil in irgendeiner Werkstatt zur Reparatur weg war.

Aufgrund der verstrichenen Monate und der verbrauchten Ersparnisse sind wir jetzt an dem Punkt zu vermuten, dass unsere gewählte Methode vom Anfahren vieler verschiedener Orte vielleicht einfach nicht für uns bestimmt war und dass wir uns vielmehr auf einer inneren Reise befinden. Wir setzen uns fortwährend mit unglaublich vielen neuen Ideen auseinander und versuchen heraus zu finden, wie wir uns eine nachhaltige Existenz schaffen können, die mit unseren Werten und Idealen im Einklang steht.

Wir wissen nicht, was die Zukunft uns bringt. Das Vertrauen, dass aber alles einen Sinn hat und zur rechten Zeit das Richtige passieren wird, trägt uns durch diese Phase voller Ungewissheit und Unplanbarkeit. Ich habe es trotz der vielen Rückschläge nicht ein einziges Mal bereut, dass wir uns auf den Weg gemacht haben. Und tief in meinem Herzen bin ich davon überzeugt,  dass wir am Ende auch genau dort ankommen werden, wo wir ankommen sollen.

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Meine persönlichen Eindrücke unserer Reiseerfahrungen sowie alles, was mich rund um meine Herzensthemen sonst noch so bewegt, könnt ihr auf meinem Blog verfolgen. Schaut gerne mal rein, ich freue mich aufrichtig über Feedback und Austausch.

Eure Jitka von bluebottles.net

Liebe Jitka, vielen Dank für deinen Beitrag! Ich werde eure Geschichte gespannt weiterverfolgen!
Und, liebe LeserInnen, habt ihr Bock hier mehr solcher Portraits zu sehen?

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