Eine „einfache“ Eingewöhnung für ein hochsensibles Kind?

Eingewoehnung Kindergarten Hochsensibel Kind mit Trennungsangst

Ihr wisst ja, was Eingewöhnung bei Tagesmutter und im Kindergarten angeht sind wir Profis. Nicht.
Wir haben viele Tränen vergossen, waren verzweifelt, genervt und überfordert. „Wie zum Teufel sollen wir unseren hochsensiblen Max nur eingewöhnen?!“ habe ich mich schon so häufig gefragt in den letzten Jahren. (Was wir bisher in Sachen Eingewöhnung und Trennungsangst bereits erlebt haben könnt ihr hier nachlesen.)

Nach der Eingewöhnung ist vor der Eingewöhnung

Im Dezember stand aufgrund unseres Umzugs eine neue Eingewöhnungsphase an. Unsere vierte insgesamt (wenn man die Eingewöhnungen beider Kinder zusammenzählt). Max hat bereits zwei Eingewöhnungen hinter sich – eine bei der Tagesmutter, später eine im Kindergarten, die seeehr lang dauerte. Luise war ebenfalls bei der Tagesmutter und ist somit auch schon etwas erfahren in Sachen Trennungsangst und Eingewöhnung.

Dass eine erneute Eingewöhnung im neuen Kindergarten nicht leicht werden würde, war mir bewusst. Aber ich bin nach den inzwischen drei Eingewöhnungsphasen auch an meinen Aufgaben gewachsen und lange nicht mehr die verunsicherte Mutter, die ich vor vier Jahren bei der ersten Eingewöhnung war.

Profi bin ich also natürlich nicht, aber erfahrener und auch erwachsener. Irgendwie. „Eingewöhnung“ war aber für mich dennoch nie etwas, das ich mit positiven Gefühlen verband. Ganz im Gegenteil. Eingewöhnung ist Trennung, ist Schmerz, ist Tränen und schlechtes Gewissen.

Wie soll ich also mit solchen Voraussetzungen eine gute Umgebung zur Eingewöhnung schaffen?

Richtig.. Gar nicht. Es war klar: Wenn die neue Eingewöhnung gelingen soll, brauche ich eine halbwegs positive Einstellung dazu. 

Kleinkind bei der Eingewoehnung_wie kann das gelingen

Wenn die Hochsensibilität zum Laster wird

Aber es war auch klar: Ein hochsensibles Kind einzugewöhnen kann eine Herausforderung, eine Geduldsprobe sein. Es schien nämlich immer, als würde Max sich nie, nie, nie so recht irgendwo eingewöhnen. Selbst in unserem „alten“ Kindergarten, den Max zwei Jahre besuchte, eineinhalb Jahre davon als Ganztageskind gab es immer wieder Tage, an denen man nicht vermuten könnte, dass Max sich in einer vertrauten Umgebung aufhält.

Dennoch fragte ich mich oft: Lagen die langen Eingewöhnungsphasen mit dem hochsensiblen Max tatsächlich an Max oder an mir? Oder an uns beiden? Kann es für ein hochsensibles Kind eigentlich eine „einfache“ Eingewöhnung geben? Das ist natürlich Definitionssache aber ich weiß genau, dass ich sehr oft verzweifelt war während der Eingewöhnungsphasen. Und so genervt! „Einfach“ wäre für mich gewesen, wenn Max mir das Gefühl gegeben hätte, dass es okay ist, dass er in den Kindergarten geht.

Und fällt euch was auf? Genau.. Es ging dabei um mich! Max hätte mir das Gefühl geben sollen, dass es okay ist?! Mir mein schlechtes Gewissen nehmen sollen? Das waren keine bewussten Gedanken – ganz im Gegenteil! Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich Max für meine Gefühle verantwortlich mache, hätte ich ihm sonst was erzählt. Aber nun, ein paar Jahre später, weiß ich es. Es ist mir bewusst. Und ich denke da lag auch, jedenfalls für unsere bisherigen Eingewöhnungen bei Tagesmutter und Kindergarten, der Hund begraben.

Ich trage die Verantwortung für meine Gefühle

Meine Kinder brauchten in der Eingewöhnungszeit jemanden, der ihnen zur Seite steht, als Erwachsener. Als Mama, die stärkt, die vertraut und unterstützt. Für meine Unsicherheit und mein schlechtes Gewissen war ich selber verantwortlich. Leider habe ich das damals überhaupt nicht als solches erkannt. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl überhaupt etwas in der Hand zu haben oder etwas zur Besserung beitragen zu können. Stattdessen war ich auch noch genervt, weil Max zum Beispiel meine Unsicherheit und mein schlechtes Gewissen mit seinem schüchternen Verhalten noch verstärkte. Wenn ich das so schreibe, muss ich fast den Kopf über mich selber schütteln, weil es mit etwas Abstand einfach irre ist. Und weil es mir sehr leid tut.

Neue Eingewöhnung, neues Glück

Anfang Dezember hatte ich dann also noch einmal das Vergnügen: Max und Luise werden eingewöhnt im neuen Kindergarten. Gleichzeitig in zwei verschiedenen Gruppen. Ja ehrlich.. Gleichzeitig. Und wisst ihr was? Ich habe mich nicht beschwert. Ich habe nicht gedacht: „Oh Gott, das klappt ja schon mit einem nicht!“
Warum weiß ich nicht recht, aber ich war innerlich völlig entspannt. Ich habe die Eingewöhnungsphase auf mich zukommen lassen und wusste: Irgendwie wird das.

Ich muss dazu sagen, dass wir nun in einem ganz anderen Kindergarten sind als zuvor. Es gibt nur zwei Gruppen, die auch noch miteinander verbunden sind, so dass Max und Luise sich zwischendurch auch mal sehen können. Es geht um einiges ruhiger zu und der Betreuungsschlüssel ist viel besser. Die Erzieherinnen sind sehr nah an den Kindern dran, was ich schon bei der Besichtigung gespürt habe. Diese Rahmenbedingungen haben mir sicher zu meinen bisherigen Erfahrungen ein gutes Gefühl gegeben und mich bestärkt. Ich war mir einfach sicher: Besser kann es uns nicht treffen. Ich weiß, die beiden sind gut aufgehoben und wenn etwas nicht stimmen sollte oder einer von beiden mich sehr vermisst, werde ich angerufen. Eine Tatsache, die für mich sehr viel Vertrauen schafft. Max und Luise wurden wirklich sehr herzlich empfangen. Es wurde auch bei Adventskalender und Nikolausgeschenken an sie gedacht, was die beiden strahlen ließ.+

Eingewoehnung Kindergarten Hochsensibel Kind mit Trennungsangst

Aber natürlich ist der Kindergarten mit seinen Rahmenbedingungen nicht der einzige Faktor, der zu einer „einfachen“, guten Eingewöhnung beiträgt.

Alles eine Frage der Einstellung

Für diese Eingewöhnungsphase habe ich deshalb versucht mich freizumachen von dem Wunsch, dass keines meiner Kinder dort jemals weint, weil es mich vermisst. Früher war nämlich genau das immer der Horror für mich: Mein Kind weint und möchte lieber bei mir bleiben. Das war irgendwie was zwischen: Jemand nimmt mir die Luft zum Atmen und Mitleid hoch Zehn.

Mit meinem inzwischen stärkeren, sicheren Umgang mit den Kindern ist es dann tatsächlich gelungen eine halbwegs gute, einfache Eingewöhnung für beide Kinder auf die Beine zu stellen. Jedenfalls lief es deutlich angenehmer als bisher. Das bedeutet nicht, dass Max nicht geweint hätte, denn das hat er. Aber er hat nicht beim Abschied sondern später geweint, als ihm langweilig war und er mich vermisst hat. Hinzu kommt, dass er sich jeden Tag aufs Neue auf den Kindergarten freut, auch wenn er weiß, dass er vielleicht in ein paar Momenten Angst haben könnte oder sich möglicherweise einsam fühlen wird.

Max und Luise spüren, da bin ich sicher, dass ich weniger gestresst und angespannt bin. Sie profitieren davon. Sie lassen sich sehr schnell beruhigen und begeben sich dann wieder in die Situation hinein, aus der sie gekommen sind – ohne mich. Das schreibe ich definitiv auch meiner persönlichen Einstellung zur Eingewöhnung zu, denn ich habe ja bereits mit beiden schwierigere Eingewöhnungen hinter mir.

Fazit: Eine einfache Eingewöhnung für ein hochsensibles Kind?

Geht das?! Ich glaube ehrlich gesagt nein. Wie gesagt.. „Einfach“ ist Definitionssache. Das Gute daran ist.. es gibt keinen Grund, warum eine Eingewöhnung einfach sein sollte. Warum sollte eine Eingewöhnung einfach sein? Warum sollte ein Kind nicht auch mal weinen dürfen, wenn es sich verabschieden muss? Das alles darf aus meiner Sicht zu einer gesunden Eingewöhnung dazu gehören. Es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen. Genervt zu sein, wenn das Kind nicht „mitmacht“ ist keine Lösung. Genauso sehe ich es als keine Lösung an zu gehen, wenn ein Kind weint.

Ich werde wirklich so oft von euch auf das Thema Eingewöhnung angesprochen, dass ich mir überlegt habe darüber mal ein eBook zu verfassen. Aber: Es gibt einfach kein Rezept für eine gelungene Eingewöhnung. Nur ein Rezept für uns selber und unseren Umgang mit unseren Gefühlen. Das ist den Part, den wir als Eltern in der Hand haben und den wir kontrollieren können. Wir haben nicht alle den Luxus uns die Einrichtung oder die Erzieher/innen aussuchen zu können. Auch unsere (hochsensiblen) Kinder können/sollen/dürfen wir nicht kontrollieren. Aber wir können unsere eigenen Gefühle bewusst wahrnehmen, hinsehen und annehmen. Ich weiß, das sagt sich so leicht.. Doch das ist der Kern. Denn ich denke wir Eltern machen einen gewaltigen Teil der Eingewöhnung aus, ob wir das wollen oder nicht. Wir sind die Eltern, die Bezugspersonen, von denen sich unsere Kinder in der Eingewöhnungsphase lernen zu trennen. Wir sind diejenigen, die ihnen sicher und stark zur Seite stehen sollten. Die ihnen zeigen: Ich komme wieder. Denn das kennen wir wohl auch aus Erwachsenensicht: Was ist das Schlimmste an einem Abschied? Richtig, die Ungewissheit, wann man sich wiedersehen wird. Es spielen also irgendwie unglaublich viele (un)bewusste Faktoren eine Rolle. Ein „How To Eingewöhnung“ kann ich definitiv nicht verfassen und ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen:

Mir selber hat geholfen, dass ich während der Eingewöhnung keinen Zeitdruck hatte. Dadurch konnten wir die Eingewöhnung individuell gestalten und haben sie so noch etwas in die Länge gezogen, damit Max und Luise auch wirklich einen „sanften“ Einstieg haben. Dazu gehörte zum Beispiel, dass die beiden im ersten Monat keine Ganztageskinder waren sondern nur bis maximal zum Mittagessen blieben. Der Übergang in den Ganztagesalltag folgt erst jetzt. Auch hatten wir das Glück, dass die Erzieherinnen keinerlei Druck ausgeübt haben, weder verbal noch nonverbal. Ich hatte das Gefühl, dass wir an einem Strang ziehen und ich vertrauen darf.

In unserem Fall, das kann ich mit Gewissheit sagen, hängt wirklich viel von meiner eigenen Laune, meiner Einstellung und meiner Stimmung ab. Es ist also wichtig, dass ich als Mutter mit einem guten, starken Gefühl in den Kindergarten gehe und das auch meinen Kindern vermittle.

 

Das Thema Eingewöhnung ist auf meinem Blog das Thema, zu dem ich am meisten Mails und Kommentare bekomme. Ich würde mich also sehr freuen, wenn ihr mir erzählt, wie das mit der Eingewöhnung bei euch gelaufen ist und wenn ihr Tipps habt, sie mit mir teilt 🙂

 

xo Jil

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