Explosive Mischung und eine Lektion zur Hochsensibilität

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Max und ich. Wir haben eine ganz besondere Verbindung zueinander, die ich schon in der Schwangerschaft gespürt habe. Wir sind beide sehr gefühlsbetonte Menschen und unsere Herzen schlagen im gleichen Takt. Aber manchmal, da sind wir eine explosive Mischung.

Seine Art und seine Worte bewirken viel in mir, meine Art und meine Worte bewirken viel in ihm. Man könnte sagen wir beide hallen ineinander nach. Stundenlang, tagelang. Warum?

Offene Wunden

Wir treffen wunde Punkte. Ich bin davon überzeugt, dass jeder von uns hier auf der Welt eine bestimmte Aufgabe hat. Aber auch eine Vergangenheit, die uns genau in dieses Leben gebracht hat. Und so besonders feinfühlig, wie wir hochsensiblen Menschen eben sind, können wir uns auch ganz schön aneinander reiben. Max schafft zum Beispiel, dass ich mich nur durch wenigen Worte sehr stark angegriffen fühle. Das ist auch der Fall, wenn er sehr weinerlich und jammerig in den Tag startet. Es ist, als würde er mir damit den Finger in die offene Wunde legen. Eine Wunde, der ich mir gar nicht bewusst war. Ich übernehme seine Laune, ob ich möchte oder nicht. Zwei schlecht gelaunte zarte Seelchen auf einem Fleck? Puh..

Von Heimweh und Wut

Heute berichtete er mir, wie stark sein Heimweh war, als er kürzlich eine Nacht bei Oma und Opa übernachtet hat. Erst erzählte er mir, dann begann er zu weinen. Ich spürte sofort, wie ernst es ihm war und wie wichtig es in diesem Moment war ihn in den Arm zu nehmen und ihm zuzusprechen. In meinem Arm beruhigte er sich ganz schnell. Innerlich war mir aber ganz anders zu Mute. Denn so sehr ich seine Gefühle respektierte und sie mein Mitgefühl berührten – so wütend war ich auch. So wütend, dass meine Aussicht auf kinderfreie Zeit so schnell verwischt wurde. Wütend, dass es Max so schwer fällt sich von mir zu lösen. Ich habe es, dank viel Arbeit an mir selber, geschafft, ihm heute nicht meine Wut aufs Brot zu schmieren. Ihn einfach anzunehmen und bei ihm zu sein. Dafür bin ich wirklich dankbar, denn ich habe es schon so oft nicht geschafft.

Max ist mein bester Lehrer und die letzten fünf Jahre durfte ich durch ihn so unglaublich viel erkennen. Aber schon so oft habe ich aus seiner Situation meine eigene gemacht. Seine Gefühle plattgewaltzt und stattdessen meine eigenen thematisiert. Und dann spüre ich wieder diese Wut. Aber nicht auf ihn, sondern auf mich. Weil ich diese Art von Mutter bin. Weil er sich mich als Mutter ausgesucht hat. Weil ich mir für ihn etwas Besseres gewünscht habe. Weil er die beste Mutter der Welt verdient. Weil wir eine explosive Mischung sind.

Wenn die eigenen Gefühle übergangen werden, das habe ich schon sehr häufig spüren dürfen, dann kommen die Gefühle auf andere Weise ans Licht. Durch schlechte Laune, die ich mir nicht erklären kann oder durch starke Verspannungen und Migräne. Standard bei mir.
Wenn ich mir aber Zeit nehme und tief in mich hinein höre, dann spüre ich ganz viel Wut. Wut, die nie ans Licht kommen durfte, weil jemand anders sie für nicht angemessen fand oder oder.

Wenn meine eigenen Gefühle nicht in Ordnung sind, dann kann ich Max niemals zeigen, dass es in Ordnung ist, was er fühlt. Dass es in Ordnung ist wütend zu sein.

Max soll seinen eigenen Gefühlen Ausdruck verleihen dürfen und ich möchte versuchen, ihn so gut es geht dabei zu begleiten. Ich lerne jeden Tag dazu und lerne, meine eigenen Gefühle ebenfalls wahrzunehmen. Ich spüre sie, ich schreibe sie nieder. Ein langer Prozess, der, wie ich gemerkt habe, viel Übung und Reflexion abverlangt.

Fühlen dürfen

In den letzten Jahren habe ich erst so richtig verstanden, wer ich bin und was mich ausmacht. Auch über meine hochsensible Art habe ich viel gelernt und verstanden, welche Mutter ich wirklich bin. Ich habe gelernt, wie schwer Fremdbestimmung für mich wiegt, wie schnell ich aus der Balance gerate. Und wie ich dafür sorge, dass ich mich in meiner Rolle wohl fühle. Das Wichtigste aber kommt jetzt:

Gerade sehe ich es als meine wichtigste Aufgabe an zu lernen meine Gefühle ernst zu nehmen. Meine Gefühle zu spüren, sie anzunehmen und sie bei mir zu lassen. Das bedeutet nicht, dass ich meine Gefühle nicht zeigen möchte, aber ich möchte sie nicht wettbewerbsmäßig über andere stellen. Ich möchte nämlich nicht, dass es Max ergeht wie mir. Ich möchte den Kreislauf durchbrechen. Unsere kleinen Explosionen sind gut, wenn wir daraus lernen. Ich möchte ihm zeigen: Du darfst fühlen.

Und ich hoffe, dass es dafür nicht schon zu spät ist.

Die wirklich allerwichtigste Lektion für hochsensible Menschen lautet aus meiner Sicht deshalb:

„Lerne (wieder) auf deinen Körper und deine Gefühle zu hören.“

xo Jil

3 Kommentare

  1. Anke sagt: Antworten

    Hi, super Text! Die Sache mit der Fremdbestimmung ist auch meine große Baustelle…merke gerade extrem, wie mich das aus der Bahn wirft…hadere gerade sehr mit meiner Feinfühligkeit…
    Liebe Grüße Anke (Insta Pinocchiossister)

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Anke, wie alt ist denn dein Kind/deine Kinder? Warum haderst du mit deiner Feinfühligkeit? Liebe Grüße, Jil

  2. Anke sagt: Antworten

    Hallo Jil! Ich habe keine Kinder. Bei mir ist die Herausforderung der Job im Außendienst, der für HSP wohl gänzlich ungeeignet ist…mittags spätestens sind meine Speicher so voll, das ich dringend ein paar Stunden Ruhe bräuchte…allein das Autofahren mit 200-300km am Tag bringt mich oft schon an den Rand meiner Aufnahme-Kapazitäten…
    Liebe Grüße! Anke

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