Gehört ein hochsensibles Kind in die Regelschule? – Ein Interview mit Petra Neumann

Schulwahl hochsensibles Kind

Ihr wisst, im kommenden Jahr wird Max eingeschult. Über meine Gedanken bezüglich des Schuleintritts (für ein hochsensibesl Kind) hatte ich bereits berichtet und ich bin sicher: Da kommt noch mehr 😉
Ich habe mich im Rahmen meiner Überlegungen gefragt: Wie machen das eigentlich andere Eltern? Und dann war die Idee geboren: Ich frage Petra.

Ihr kennt sie vielleicht bzw. hoffentlich als Autorin von „Henry mit den Superkräften“. Petra ist Mama von einem (hochsensiblen) Sohn und einer Tochter. Ich schätze ihre Meinung sehr und liebe ihre Denkweise, frei von Dogmatismus und und frei im Kopf – großartig! Sie stand mir bereits als Interviewpartnerin in der Reihe „Hochsensible Kinder“ Rede und Antwort. Es war also recht schnell klar, dass mir ihre Antworten sehr weiterhelfen würden – und ich hoffe euch auch.

Welche Schule Hochsensibles Kind_Interview Petra Neumann

Dein Sohn geht als hochsensibles Kind in eine Regelschule. Hast du über alternative Schulformen nachgedacht als es um die Schulwahl ging?

Ja, das haben wir. Bereits als es um die Wahl des Kindergarten ging, hatten wir über einen Waldkindergarten nachgedacht. Später interessierten wir uns auch für eine Waldorfschule (nungut – eher ich, als mein Mann ;-)) und auch für eine Gesamtschule mit jahrgangsübergreifendem Konzept. Als es dann um die weiterführende Schule ging, befassten wir uns mit einer Privatschule (Ganztagesform) und einer staatlichen (G9-Gymnasium). Bei der letztgenannten Entscheidung ließen wir unseren Sohn dann schon frei wählen. Und waren überrascht.

Wir waren also jederzeit offen für (fast) alles. Wir haben nicht nur einen Sohn, auch für unsere Tochter zogen wir wieder von vorn – mit Hinblick auf ihre Persönlichkeit – alle Optionen in Betracht. Ihr Weg ist ein anderer.

Was hat dich dazu bewogen dich für die Regelschule zu entscheiden?

Die Prioritäten haben wir herausgepickt, überlegt, was unser Kind braucht und was ihn stark macht. Und andersherum natürlich auch – welche Aspekte passen einfach nicht zu ihm. So war der Waldkindergarten recht schnell vom Tisch, da er zu der Sorte Kind gehörte, die sich mit Matsch und Dreck partout nicht anfreunden konnte.

Wir leben ländlich und haben schon im Baby-/Kleinkindalter die Spielkreisgruppe besucht. Diese ging dann gesammelt in den Dorfkindergarten, der zum Glück gerade wieder vom offenen zum geschlossenen Gruppenkonzept gewechselt hatte. Um auf den Punkt zu kommen: Die Kinder hier waren vom Babyalter bis zur Einschulungsalter eine Gemeinschaft.

Und das war letztlich – für unseren Großen – einfach das Entscheidungskriterium. Die emotionale Sicherheit, die ihm das vertraute Umfeld geben konnte war einfach zu wertvoll, als dass irgendeine Schulform, für die wir ihn aus seinem Sozialgefüge hätten nehmen sollen, mehr Vorteile gebracht hätte. Außerdem schätzten und schätzen wir ihn so ein, dass er von einem klassischen, geordneten Frontalunterricht am ehesten profitiert, da er Struktur und geregelte Abläufe braucht um sich sicher zu fühlen und sein Potential voll auszuschöpfen. Auch in dieser Hinsicht „tickt“ unser zweites Kind anders. Das betone ich, weil ich es unheimlich wichtig finde, jedes – und auch jedes hochsensible – Kind, ganz individuell zu betrachten.

Kannst du uns vom Schuleintritt deines Sohnes berichten? Wie hat er den Sprung vom Kindergarten in die Schule geschafft?

Der Start unseres Sohnes war eher holprig, während der Start unserer Tochter nahezu flutschte. Dass ich selbst, als nervöse Mama, da es sich um mein erstes Schulkind handelte, oft unsicher war, war hier natürlich nicht förderlich. Seine Lehrerin war eher streng und barsch; er musste lernen, dass dies nicht gleich „böse“ bedeutet. Wenn es dann gelegentlich morgens zu emotionalen Zusammenbrüchen kam, war seine Freundin, die ihn dann schnappte und mitnahm, wirklich Gold wert. Wer „Henry mit den Superkräften“ kennt, der darf sich jetzt Dana vorstellen 😉 Die Schule selbst kannten er und seine Klassenkameraden schon ein wenig, da sie sie im letzten Kindergartenjahr öfters besucht hatten.

Unsere Tochter hingegen hatte mit dem Schulstart absolut keine Probleme. Und dies, obwohl sie, dank dem Stichtag, mit fünf eingeschult wurde und ihre Schulreife wenige Monate vor Beginn plötzlich angezweifelt wurde. Dies liegt zum Einen sicher mit an ihrem Zweitgeborenen Status und zum Anderen an der mütterlichen Gelassenheit. Nunja – vergleichsweisen Gelassenheit… 😉

Mit ihr kamen die Sorgen erst in der zweiten/dritten Klasse. Da änderte sich das Grundschulkonzept und wurde jahrgangsübergreifend. So eine Konzeptänderung muss sich natürlich auch unter Lehrern erst einspielen, so war das Lern- und Klassenklima plötzlich sehr chaotisch – gelinde gesagt suboptimal und unser Mädchen drohte „unterzugehen“. Das kostete wirklich viel Elterneinsatz, Fingerspitzengefühl, Kraft und Schweiß und wurde dann aber zum Glück mit dem neuen Jahr und dem neuen Lehrer alles gut.

Wie geht es deinem Sohn inzwischen in der Schule?

Mittlerweile läuft alles wie am Schnürchen. Er ist unheimlich eigenständig und perfekt organisiert. Der Wechsel auf das Gymnasium hatte es nochmal in sich – klar, wenn man von einer Mini-Dorf-Grundschule in eine mehrere tausend Schüler umfassende Stadtschule wechselt – und es brauchte seine Zeit, bis es kein Bauchweh und keine Aufregung mehr gab, doch auch hier kam er letztlich an. In der weiterführenden Schule bekommen wir als Eltern viel weniger mit, als noch in der Grundschule. Doch auch hier hatten wir schon den ein oder anderen Termin, um als „Dolmetscher“ oder „Anwalt“ unseres Kindes zu walten.

So hatte ich gleich im ersten Monat ein Gespräch mit dem angsteinflößenden Sportlehrer. Und der erwies sich als super netter Mann, der aus allen Wolken fiel, als er erfuhr, dass Kinder Angst haben könnten.

Unsere Tochter ist nun auch ganz frisch auf einer neuen Schule. Wieder fiel ihr der Start leichter, doch auch mit ihr stolpern wir jetzt erst mal über die Stolpersteine eines neuen Lebensabschnittes. Doch das tun wir doch alle. 😉

Bereust du die Entscheidung für die Regelschule im Nachhinein?

Nein. Klar, in den schwierigeren Phasen denkt man schon mal darüber nach, wie es wohl gewesen wäre, wenn man sich anders entschieden hätte. Doch alles in allem sind wir zufrieden mit unseren Entscheidungen, da sie für uns und unsere Kinder passen.

Welche Vorteile hat eine alternative Schulform für hochsensible Kinder aus deiner Sicht?

Das kommt auf das Kind und auf die Schulform selbst an, denke ich. Nicht jedes Kind blüht im Frontalunterricht auf, doch so manches Kind könnte in großen Klassen untergehen. Die Einen profitieren vom freien Lernen, die Anderen brauchen mehr Bewegung im Schulalltag. Ganz wichtig sind auch die Eltern: Wenn die nicht hinter der Schulwahl stehen, dann wird auch der Fühlkraftheld/die Fühlkraftheldin auf Dauer nicht glücklich, egal, um welche Schule es geht.

Ich weiß, dass meine Antwort hier unbefriedigend ist. Aber ich vertrete die Überzeugung, dass einfach nicht DIE perfekte Schule für hochsensible Kinder gibt. Ganz einfach deshalb, weil es nicht DAS hochsensible Kind gibt.

Was empfiehlst du Eltern hochsensibler Kinder, denen der Schuleintritt kurz bevor steht?

Ich empfehle diesen Eltern sich für jedes ihrer Kinder auf ein Neues die folgenden Fragen zu stellen, beziehungsweise zu bewerten, welcher Aspekt davon wo auf der Prioritätenliste steht:

  • gleichbleibendes soziales Umfeld
  • Klassenstärke
  • Lernkonzept
  • Schultagesdauer

Wir wünschen uns als Eltern nicht sehnlicher als die Gewissheit, dass wir die richtige Wahl getroffen haben und unser Kind seinen Weg so hürdenlos wie möglich geht. Doch alles haben wir nicht in der Hand. Letztlich haben wir keinen Einfluss darauf, wie nett der Lehrer sein wird, wie sozial die Klasse, wie laut der Nebensitzer.

Aber egal wie holprig der Start sein könnte (und das muss er nicht zwangsläufig sein) und wie aufreibend so manche Phasen dann sind – hochsensible Kinder packen auch das. Sie werden in einer Welt groß, in der es nicht immer sensibel zugeht, und das lernen sie eben auch durch diese Stolpersteine in der Schulzeit.

Und auch, wenn ich damit nicht nur auf Begeisterung stoße, so empfehle ich dennoch, nicht gleich bei Schuleintritt mit der „Hochsensibel-Flagge“ zu wehen. Geben wir unseren Kindern doch die Chance, den Start in diesen neuen Lebensabschnitt erstmal komplett neutral anzugehen. Lassen wir den Lehrern und Klassenkameraden die Möglichkeit, unseren Schatz als facettenreiche Persönlichkeit kennenzulernen.

Auf diese Weise ist es uns, als Familie, in mittlerweile, zusammengefassten 10 Schuljahren gelungen, fruchtbar und kooperativ mit den Schulen, bzw. Lehrern zusammenzuarbeiten, wenn es nötig war.

 

Liebe Petra, ich danke dir ganz, ganz herzlich für deine Antworten. Ich habe deine Worte in mich aufgesogen, könnte man sagen. Deine Gedanken zur Regelschule teile ich. Mein eigenes Gefühl sagt mir ebenfalls, dass die Regelschule für Max die richtige Wahl sein wird. Denn es geht zwar auch, aber eben nicht nur um die Lerninhalte, sondern auch um soziale Strukturen, die durch eine Schule weiter entfernt gestört werden könnten (nur als eines von vielen Beispielen). Und ich stimme dir sowas von zu, dass wir die Kinder erst einmal frei von Fahnen oder Stempeln ihre Welt erkunden lassen sollten. Danke für all die Denkanstöße und deinen Mut, offen und ehrlich zu antworten.

Ich werde noch weitere Interviews zum Thema Hochsensibilität und Schule führen und freue mich, wenn ihr dabei seid! 🙂

Wie steht ihr zu dem Thema? Sollte ein hochsensibles Kind die Regelschule besuchen? Gibt es eine richtige Schulform für hochsensible Kinder?

xo Jil

 

Schreibe einen Kommentar