Gewalt in der Geburtshilfe auch als Kaiserschnitt-Mama?

Wenn ich das Einschlafbegleiten nicht hätte! Hier würden einige Beiträge nie niedergeschrieben werden, wenn ich diese Minuten des Nachdenkens nicht hätte. Ich glaube, wenn meine Kinder älter sind, lege ich mich abends einfach zu ihnen und sehe ihnen beim Einschlafen zu, auch wenn sie das gar nicht mehr möchten 😉 Eben jedenfalls kam mir dabei das Stichwort „Gewalt in der Geburtshilfe“ in den Kopf.

Warum weiß ich nicht, es war plötzlich präsent. Bisher habe ich mich darüber nie informiert, so dass das Stichwort nur ein Stichwort war, ganz ohne Inhalt. Ich habe mich schon des Öfteren gefragt, was der Inhalt sein könnte. Was ist Gewalt in der Geburtshilfe? Was genau berichten Mütter, die unter der Geburt Gewalt erlebt haben? Bin ich vielleicht selber ein Opfer geburtshilflicher Gewalt? Oder müssen Kaiserschnitt-Mamas so etwas (zum Glück) nicht erleben?

Während ich da so einschlafbegeleitend lag und über diese Form der Gewalt nachdachte, überkam mich ein Gefühl von Schmerz – verbunden mit einer Erinnerung, die mir zunächst nicht greifbar erschien. Tränen voller Wut und Trauer liefen meine Wangen herunter. Und dann war klar: Was auch immer es ist, ich muss darüber schreiben.

Es ist genau ein Jahr, einen Monat und zwei Wochen her, dass ich erlebte, was mich heute zum Weinen bringt: Die Geburt von H2, unserer Tochter. Ein Kaiserschnitt. Im Übrigen mein zweiter. Aber dieser war geplant. Ich wusste daher in etwa, was mich erwarten würde, auch, wenn ich mir sehr eine normale Geburt gewünscht hätte, die mir bereits bei der ersten Geburt verwehrt blieb. Ich hatte einen Geburtsplan geschrieben und war vorbereitet. Das dachte ich jedenfalls.

-An alle, die in Kürze eine Geburt vor sich haben, möchte ich an dieser Stelle vorwarnen. Es wird nicht blutig hier, aber ich bitte euch, erspart euch Geburtsgeschichten in der jetzigen Situation. Danke.-

Ich hatte mit meinem Frauenarzt, der den Kaiserschnitt durchführen würde, alles genau durchgesprochen. Er hat auch schon den ersten Kaiserschnitt bei H1 gemacht und er war mein Fels in der Brandung, ehrlich. Wir waren an diesem Morgen schon im Kreißsaal und unglaublich aufgeregt, als er uns freudig verkündete, der OP-Plan habe sich etwas geändert und wir würden unsere Tochter so schon eine Stunde früher auf dieser Welt begrüßen dürfen. Die Aufregung stieg ins Unermessliche und ich dachte, so lange mein Arzt dabei sein würde, würde alles gut.

Wer will noch mal, wer hat noch nicht?

Leider sollte das ein großer Irrtum sein. Im OP schaffte es die Anästhesistin nicht mich mit der Spinalanästhesie zu betäuben. Drei Mal stach sie mir erfolglos mit dieser schmerzhaften Spritze in den Rücken. Drei Mal dieses unglaubliche Druckgefühl. Drei Mal versuchen nicht zu zucken. Ich spürte, wie die Stimmung im Team kippte. Ich bekam mit, wie ein weiterer Kollege mit der Anästhesistin diskutierte. Ein OP-Helfer stand vor mir um mich zu beruhigen. Ich war leider in der Zwischenzeit völlig fertig mit den Nerven und begann zu weinen. Bis hierhin hielt ich meine Tränen zurück, aber nach dem dritten erfolglosen Versuch fühlte ich mich hilflos und ausgesetzt. Man fauchte mich von hinten verständnislos an, suchte die Schuld bei mir. Ich solle gefälligst stillhalten (und glaubt mir, das tat ich bereits bei der ersten Spritze). Der Katzenbuckel, den ich machen sollte, wurde schmerzhaft. Man drückte mich weiter und weiter nach vorne. Mein Bauch schmerzte und ich hatte Angst um unsere ungeborene Tochter im Bauch, die mir einfach nur leid tat.
Ich sei eben dick und man müsse eine entsprechend dickere Nadel nehmen, war das nächste, was ich hinter meinem Rücken hörte. Und zwar genau so: „Das geht so nicht, du musst eben die Nadel für Dicke nehmen!“ Ich hab innerlich, trotz all der Aufregung gekocht. Das war der Moment, in dem ich wütend wurde und wusste, dass das nichts mit mir zu tun haben könnte. Ich bin ja nicht erst seit eben „dick“!
Dann gab es wohl ein Telefonat mit dem Chefanästhesisiten. Kurz danach stand dieser hinter mir. Auch er verstach sich. Ich begann zu zittern. Ich wollte da weg und zu H1. Ich wäre am liebsten vom OP-Tisch gesprungen. Mich überkam eine unglaublich große Angst, ich kann nicht genau sagen wovor. „Wir versuchen es noch ein letztes Mal.“ hörte ich. Der fünfte Anlauf. Ist denn das möglich!? Und dann begann plötzlich mein linkes Bein taub zu werden. Ich spüre diese Erleichterung noch heute ganz deutlich in mir.

Es folgte, trotz allem, eine wundervolle Geburt.

Ungefähr einen Tag nach dem Kaiserschnitt begann mein Rücken zu schmerzen. Diese fünf Einstiche schmerzten tatsächlich mehr als die Kaiserschnittnarbe. Ich konnte in dem Krankenhausbett nicht mehr liegen oder sitzen. Und während ich im Stillzimmer saß und versuchte mich halbwegs aufrecht zu halten, konnte ich plötzlich fast nicht mehr geradeaus gucken vor Kopfschmerzen. Sowas hatte ich noch nicht erlebt. Es ging mir nicht gut, sowohl körperlich als auch psychisch und ich wollte einfach nach Hause. Ich vermisste H1 und wollte, wie auch nach dem ersten Kaiserschnitt, ohnehin so schnell wie möglich nach Hause. Ich heulte und heulte. Diese Kopfschmerzen brachten mich um den Verstand und man hielt mich mit Schmerztabletten bei Laune, wenigstens versuchte man es. Vom Anästhesie-Team keine Spur. Bei der Abschlussuntersuchung sagte mir eine Ärztin, dass ich auf eigene Gefahr nach Hause dürfte. Aber wenn dann mit der Narbe noch etwas sei und ich wieder stationär aufgenommen werden müsse, müsse ich das aller Voraussicht nach aus eigener Tasche zahlen.

Das interessierte mich alles nicht. Ich konnte im Krankenhaus nicht schlafen, fand keine Ruhe. H2 weinte viel und ich brauchte Hilfe – nicht durch harsche Schwestern, sondern meine Familie.

But first coffee!

Man entließ mich mit Koffein-Tabletten gegen die Kopfschmerzen. Sei wohl nicht selten nach so einem Kaiserschnitt. Mein Frauenarzt besuchte mich kurz vor der Entlassung, schüttelte bezüglich des Anästhesie-Teams bemitleidend den Kopf und sorgte dafür, dass mir auch ein paar Schmerztabletten mit auf dem Heimweg gegeben wurden. Aber: Diese Kopfschmerzen waren die schlimmsten Schmerzen, die ich jemals erlebt habe. Ich erinnere mich an die Heimfahrt vom Krankenhaus. Jedes Schlagloch verpasste mir Schmerzen der übelsten Art. Zu Hause konnte ich vom Sofa nicht aufstehen. Sobald ich in aufrechter Position war, konnte ich die Kopfschmerzen nicht mehr aushalten. Ich wusste zunächst überhaupt nicht, was da eigentlich los ist. Und ich hatte wirklich schlimme Angst, dass diese Schmerzen nie wieder weggehen würden (weil nichts, aber auch gar nichts dagegen half). Um es kurz zu machen: Durch wirklich tolle Hilfen gelang es mir, die Kopfschmerzen nach zwei Wochen loszuwerden. Um mich zu wehren, im Krankenhaus Rabatz zu machen, fehlte es mir an Kraft. Ich war dankbar, meine Tochter endlich selber halten zu dürfen.

Wer ist hier die Trauma-Queen?

Mein Erlebnis ist sicher kein „Paradebeispiel“ für Gewalt in der Geburtshilfe und ich bin sicher, es gibt weitaus schlimmere Beispiele. Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht bin ich ne Mimose. Aber das ist zum Glück kein Wettbewerb. Für mich persönlich liegt eine traumatisierende Erfahrung hinter mir, die mich, beim Gedanken an diese Situation zum Weinen bringt. Ich war im OP vielleicht keiner großen körperlichen Gewalt ausgesetzt, aber definitiv psychischer Gewalt. Obwohl ich gut vorbereitet war, ich war nicht darauf vorbereitet wie man mit mir umgehen würde. Gewalt ist traumatisierend, ob psychisch oder körperlich.

Das einzige, was ich an dieser Stelle sagen/schreiben kann, ist: Wenn euch etwas nicht passt, wehrt euch. Lasst euch nicht wie ein Stück lebloses Fleisch behandeln. Egal wie unbekannt die Situation auch sein mag: Das ist EURE Geburt. In diesen Stunden wird euer Kind zur Welt kommen und auch ihr werdet neugeborene Eltern sein. Fragt euch bitte: Möchtet ihr, was da gerade passiert? Seid ihr aufgeklärt über das, was gerade geschieht? Wie gehen die Menschen um euch herum mit euch um? Sicher läuft nicht immer alles perfekt bei einer Geburt und um seinen Perfektionismus auszuleben ist eine Geburt wohl der denkbar schlechteste Moment. Aber, und, liebe GeburtshelferInnen, korrigiert mich gerne, wenn ich falsch liege:

Eine Geburt sollte möglichst nicht traumatisierend sein.

Ach, eins noch: Das beste Buch rund um die Geburt liefert das Geburtsbuch* von Nora Imlau, in dem ich meine Kaiserschnittgeschichte erzähle.

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Ein Kommentar bei „Gewalt in der Geburtshilfe auch als Kaiserschnitt-Mama?“

  1. […] das Jahr 2016 begann, war unsere Tochter H2 gerade 2,5 Monate alt. Wir hatten eine unglaublich schöne und gleichzeitig fürchterliche Geburt hinter uns. Und wir alle steckten mittendrin in diesem postnatalen […]

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