Hochsensible Kinder – Interviewreihe – Frühlingskindermama

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Wie angekündigt startet heute die Interviewreihe zum Thema „Hochsensible Kinder“. Nach und nach erscheinen hier Interviews von Eltern hochsensibler Kinder, die mir einige Fragen beantwortet haben.

Los geht es mit Katrin. Sie bloggt als Frühlingskindermama ganz ehrlich, schonungslos, vor allem aber herzlich. Sie hat einen hochsensiblen Sohn und ich bewundere ihre Offenheit, mit der sie das Thema angeht.

Hochsensible Kinder - Interviewreihe - Frühlingskindermama
Herzlich Willkommen auf Von Herzen und Bunt, liebe Katrin!  🙂

Und hier gehts los mit dem Interview:

Seit wann weißt du von der Hochsensibilität deines Kindes? Was hat darauf hingedeutet?

Ich bin vor etwas über 3 Jahren auf das Thema gestoßen und erkannte sofort nicht nur meinen Sohn, der damals 2 Jahre alt war, sondern auch mich wieder. Seitdem beschäftigt mich das Thema und ich belese mich nicht nur dazu, sondern schreibe auch auf meinem Blog Frühlingskindermama darüber sowie rezensiere Bücher über und für hochsensible Kinder. Mein Sohn war schon immer sehr reizoffen, was sich im Babyalter äußerte durch seine Schwierigkeiten, abzuschalten und in den Schlaf zu finden, stundenlange untröstliche Schreiattacken und eine generelle Unzufriedenheit. Auch im Kleinkindalter war er sehr schwer zu trösten, hatte eine starke und für uns kaum aushaltbare Autonomiephase, Schwierigkeiten mit Umstellungen und Veränderungen, einen großen Ehrgeiz und gleichzeitig geringe Frustrationstoleranz uvm., was mich stark vermuten lässt, dass er hochsensibel ist. Mit hundertprozentiger Sicherheit kann man das natürlich noch nicht beantworten. Es ist eine Elterndiagnose und man wird sehen, ob er sich darin wieder erkennt, wenn er älter wird.

Wie macht sich die Hochsensibilität im Alltag bemerkbar? Was läuft dadurch vielleicht anders?

In unserem Alltag merkt man am deutlichsten seine Probleme mit der Kleidung. Jeans zieht er gar nicht mehr an, vieles kratzt, engt ein oder ziept. Das macht den morgendlichen Ablauf, vor allem unter Zeitdruck, sehr konfliktträchtig. Er mag kein vermischtes Essen, kein zu heißes Essen, kein Sprudelwasser, hat ganz klare Vorlieben und Abneigungen. Als Baby hat er keinen stückigen Brei gegessen, hatte lange Zeit Probleme mit dem Schlucken zu großer Stückchen. Zähneputzen, Baden, Haarewaschen waren sehr lange furchtbar schwierig, mittlerweile klappt es (meist) wunderbar. Er ist sehr empfindlich, schnell gekränkt, wenn Kritik oder pseudo-pädagogische Anweisungen von uns Eltern kommen. Bis vor nicht allzu langer Zeit haben ihn sogar simple Warnungen („Achtung!“) beleidigt. Er braucht sehr lange, um aus solchen emotionalen Schwankungen mit unserer Hilfe wieder herauszukommen. Er hat generell Probleme mit Umstellungen, Veränderungen, Phasenübergängen, unangekündigten Dingen etc., aber wir achten immer mehr darauf, das zu berücksichtigen und ihm zu erleichtern. Er hat eine geringe Frustrationstoleranz, z.B. bei Gesellschaftsspielen will er entweder gewinnen oder gar nicht mehr spielen. Er nimmt alles sehr ernst. Es fällt ihm schwer, abzuschalten, und wenn er überreizt ist, wird er entweder wütend-aggressiv oder völlig apathisch und appetitlos. Manchmal müssen wir auch seine kleine Schwester von ihm fernhalten (einer von uns geht dann mit ihr raus), damit er sich entspannen kann. Er hält sich oft die Ohren zu, wenn sie weint. Wir lernen jeden Tag dazu und ich bin dankbar, dass ich durch meine eigene Hochsensibilität vieles kenne und ihn verstehe.

Bringt die Sensibilität deines Kindes dich im Alltag öfter mal an deine Grenzen? 

Mittlerweile nicht mehr so oft wie früher. Mein Sohn ist jetzt 5 Jahre alt und hat sich sehr stark entwickelt. Die ersten ca. 3,5 -4 Jahre waren sehr anstrengend, wir waren ständig am Limit und gingen nicht nur an, sondern über unsere Grenzen. Er war ein sehr forderndes Kind mit starken Emotionen, die er selbst überhaupt nicht regulieren konnte. Es dauerte lange, bis er unsere emotionale Hilfe zuließ. Das war für mich als hochsensible Mama oft schwer zu ertragen. Wir sind alle an- und miteinander gewachsen, haben sicherlich noch Konflikte und Kämpfe auszutragen, aber vieles ist deutlich besser geworden. Man merkt auch, dass unsere Bemühungen Früchte tragen und er vieles schon besser wegsteckt, z.B. indem Veränderungen rechtzeitig und wiederholt vorher angekündigt werden.

Weiß dein Kind, dass es hochsensibel ist? 

Nein, den Begriff kennt er bisher nicht. Er spürt aber sicherlich schon, dass er etwas anders ist als andere Kinder. Ich versuche, ihm seine Emotionen und Gedanken bewusst zu machen und Stategien für den Umgang damit zu vermitteln und die Begrifflichkeiten außen vor zu lassen. Das kommt vielleicht später, wenn er schon gefestigter ist. Es gibt zum Glück mittlerweile einige tolle Kinderbücher, die ich auch auf dem Blog rezensiert habe, durch die hochsensible Kinder ein besseres Verständnis ihrer Eigenarten bekommen und die ihnen Sicherheit und Stärke vermitteln. In einem Buch wird Hochsensibilität beispielsweise als Superfühlkraft umschrieben. Damit können Kinder sicherlich mehr anfangen als mit dem eigentlichen Begriff.

Hochsensible Kinder - Interviewreihe - Frühlingskindermama

Sprecht ihr mit Familie und Freunden über Hochsensibilität? Ist das ein Thema, das ihr mit anderen besprecht?

Kaum. Ich versuche Außenstehenden sachlich-neutral zu erklären, warum er anders reagiert und warum ich Dinge im Umgang mit ihm anders mache, ohne bestimmte Begriffe zu verwenden, die besonders von anderen gern als Schubladen verwendet werden. In Gesprächen in der Kita beispielsweise sage ich, was mir für ihn wichtig ist und worauf die Erzieher achten sollten, damit es ihm gut geht, ohne mit der Hochsensibilität ins Haus zu fallen. Ich tausche mich viel im Netz aus sowie mit einer Freundin, die selbst hochsensible Mama eines hochsensiblen Kindes ist. Zwar halte ich den Austausch für sehr wichtig, aber man sollte die Hochsensibilität gegenüber Außenstehenden nicht als alles erklärendes Etikett verwenden. Ich fahre besser damit, als Vermittler zwischen ihm (und mir) und der Außenwelt aufzutreten.

Siehst du die Hochsensibilität als etwas Positives oder Negatives? Fluch oder Segen?

Wenn man nichts darüber weiß, seine Eigenheiten nicht einordnen kann und keine Strategien hat, damit umzugehen, ist sie sicherlich eher ein Fluch bzw. man empfindet sie als Last, als hinderlich und sich selbst als komisch oder ungenügend. Warum bin ich so anders, warum funktioniert etwas nicht so wie bei anderen etc.? Für mich war es eine große Erleichterung, als ich einen Namen für mein Anderssein hatte und seitdem empfinde ich meine Veranlagung auch positiver. Ich hatte niemanden, der mir erklärt hat, warum ich so bin, wie ich bin, und musste mir vieles mühsam selbst erarbeiten. Was meinen Großen betrifft, empfinde ich das Wissen darum (bzw. die Vermutung) auch als extrem erleichternd. Ich glaube, er (und wir) hatten in den ersten Jahren sehr stark mit den problematischen Aspekten seiner Hochsensibilität zu kämpfen. Mittlerweile sieht man immer deutlicher, auch im Vergleich zu seiner Schwester, wie hilfreich und angenehm bestimmte Wesenszüge sind, z.B. seine Vorsicht und Bedachtsamkeit.

Oft ist ein Elternteil ebenfalls hochsensible. Bist du oder dein*e Partner*in hochsensibel?

Ich selbst habe mich sofort in den Beschreibungen von hochsensiblen Menschen wiedererkannt und dieses Gefühl hat sich beim Einlesen in das Thema immer mehr gefestigt. Ich bin also eine hochsensible Mama, was Vorteile, aber auch Nachteile birgt, gerade wenn man ein hochsensibles Kind hat. Manche Probleme können sich potenzieren oder man überidentifiziert sich mit dem Kind (auch mir passiert das). Eindeutig positiv empfinde ich mein großes Einfühlungsvermögen und die Empathie für meine Kinder sowie den Willen, einen anderen Weg zu gehen und meine Kinder gleichwürdig zu behandeln. Als problematisch empfinde ich mein großes Ruhe- und Erholungsbedürfnis und eine schnelle Überreizung bei fehlenden Auszeiten, mit den entsprechenden negativen Emotionen. Ich denke aber und schätze es, dass ich ihm viel Verständnis mitgeben kann.

Was wünschst du dir für dein hochsensibles Kind? 

Ich wünsche mir für ihn, dass er durch mich schon jetzt in der Kindheit ein Bewusstsein für das Potential, aber auch die Problempunkte eines hochsensiblen Lebens mitbekommt und durch die Strategien, die ich ihm zu vermitteln versuche, gestärkt ins Leben gehen kann, anstatt sich wie ich selbst alles mühsam als Erwachsene selbst erarbeiten zu müssen. Ich hoffe, dass er sich nicht „falsch“ fühlen wird, sondern einfach „anders“ und mit diesem Anderssein gut umgehen kann. Dass besonders ich ihm helfen kann, seine Besonderheiten anzunehmen. Ich wünsche ihm, dass für ihn die positiven Aspekte an seiner Hochsensibilität überwiegen und er ein Leben führen kann, was seiner Veranlagung Rechnung trägt und ihn zufrieden macht.

 

Ich danke dir für deine Antworten, Katrin, und finde es einfach unglaublich toll, dass ich Interviewpartner gefunden habe, die so ehrlich und offen antworten. Das nächste Mal wird mir Kathrin mit H von Öko-Hippie-Rabenmütter Rede und Antwort stehen – ich freu mich drauf!

Wenn ihr ein hochsensibles Kind habt und ebenfalls mitmachen möchtet, schreibt mich bitte an.

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4 Kommentare

  1. Ganz toll geworden, vielen lieben Dank für das Forum bei Dir!
    Bin sehr gespannt auf die weiteren Interviews!

  2. […] Tochter. Bisher habe ich fast ausschließlich von hochsensiblen Söhnen gehört und berichtet. (Hier und hier.) Wie ihr wisst, interessiere ich mich sehr für Hochsensibilität und bin gespannt, wie […]

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