Hochsensible Kinder – Interviewreihe – V

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Im letzten Interview der Hochsensible Kinder-Interviewreihe habe ich mein Interesse an einem männlichen Interviewpartner bekundet, wo wir doch schon ein paar Interviews mit Mamas hinter uns haben. Abends habe ich mit meinem Mann über die Interviewreihe gesprochen und dann kam mir die Idee, doch einfach ihn als Interviewpartner zu befragen. Meinen Mann kennen die meisten von euch wohl noch nicht. Wie ihr aber vielleicht schon wisst, haben wir einen hochsensiblen Sohn, über den er im Interview berichtet.

Lieber Holger, ich freue mich, dass du dir die Zeit genommen hast, die Fragen zu beantworten und ich muss gestehen, ich war sehr gespannt auf deine Antworten, wo wir doch im Moment kaum Gelegenheit finden über mehr als das Nötigste zu sprechen.

Genug jetzt von mir, hier gibts Holgers Antworten:

Seit wann weißt du von der Hochsensibilität deines Kindes? Was hat darauf hingedeutet?

Im Prinzip weiss ich, dass unser Sohn hochsensibel ist, seit Du darüber sprichst. Der Begriff war mir nicht geläufig. Mir war klar, dass unser Sohn etwas anders als andere Kinder in seinem Alter ist. Doch das hätte meiner Meinung nach auch Zufall sein können. Ich bin kein Kindergärtner oder so. Ich kenne nicht mal ein Dutzend andere Kinder mit denen ich unseren Sohn vergleichen könnte. Daher hat für mich irgendwie alles und auch nichts auf die Hochsensibilität hingedeutet.

Als unser Sohn noch sehr jung war und erst seit kurzem Laufen konnte, war ich mit ihm im Drogeriemarkt in der Kinderecke. Dort gab es ein Schaukelpferd, auf dem er begeistert ritt. Dann kam eine junge Familie (also junge Eltern mit jungem Kind) dazu. Sie standen quasi an, haben aber nichts gesagt. Ich sagte zu unserem Sohn „Schau mal, das Mädchen möchte sicher auch mal schaukeln“. Er sah sie an, ging vom Pferd und kam zu mir rüber um zu kuscheln. Kein „ich will noch“, kein Geschrei, kein gar nichts. Also das, was ich damals als frischgebackener und unerfahrener Vater erwartet hätte. Man hört ja überall immer so Geschichten über tobende Kiddies und so… Also während ich ihm noch erzählte, dass ich es schön finde, dass er auf das Mädchen Rücksicht genommen hat und ihr das Pferd überlassen hat, fiel der Mutter des Kindes wortwörtlich die Kinnlade runter. Da wurde mir bewusst, dass hier wohl irgendetwas Ungewöhnliches passiert ist.

Das ist jetzt vielleicht nicht ganz das Thema Hochsensibilität gewesen, aber für mich war es der Punkt, an dem ich anfing unseren Sohn mit etwas anderen Augen zu sehen.

Wie macht sich die Hochsensibilität im Alltag bemerkbar? Was läuft dadurch vielleicht anders?

Im Grunde ist die Hochsensibilität omnipräsent. Für unseren Sohn ist alles etwas intensiver und gravierender. Und ich meine wirklich ALLES.

Wenn er etwas Neues erlebt, muss er es erstmal begutachten und darüber nachdenken. Wenn wir auf einem Spielplatz mit fremden Kindern sind oder einfach nur ein fremder Spielplatz ohne Kinder, dann schaut er sich alles erstmal intensiv an. Er sitzt da und guckt bevor er teilnimmt. Das heisst auch für uns, dass wir erstmal kein Ziel haben sollten, das mit einer Uhrzeit versehen ist. Eine gute Übung um Gelassenheit zu erlernen 🙂

Oder wenn etwas anders läuft als er es für sich selbst ausgedacht hatte. Dann weint er sofort und ist im ersten Moment nicht zu beruhigen. Und auch nicht im zweiten Moment oder dritten. Generell weint er sehr schnell wegen Dingen, die mir nicht so schlimm vorkommen. Da liegt mir schnell mal ein „stell Dich nicht so an“ auf der Zunge. Zum Glück kann ich mir das meistens verkneifen. Beziehungsweise das Wissen um seine Hochsensibilität lässt es mich verkneifen.

Die Hochsensibilität nimmt meiner Meinung nach sehr viel Raum ein. Sie ist kraftraubend. Ich merke es, wie entlastend es ist, wenn ich einen Tag frei habe und mein Sohn in den Kindergarten geht oder wenn er mit Dir und unserer Tochter Freunde besucht. In der Zeit schaffe ich es immer sehr viel, viel mehr als sonst zu erledigen, da mir die Zeit und vor allem die Energie zur Verfügung stehen, die sonst völlig in der Aufmerksamkeit für unseren Sohn aufgebraucht werden.Hochsensible Kinder Interviewreihe Mit Pinsel und Stift

Bringt die Sensibilität deines Kindes dich im Alltag öfter mal an deine Grenzen?

Schlichtweg ja. Es gibt Gelegenheiten, da kommt die Hochsensibilität höchst ungelegen. Thema „Alles geht ihm gleich sehr nahe“. Wenn wir es zum Beispiel eilig haben und er es sich aber in den Kopf gesetzt hat kreuz und quer von einer Steinplatte zur nächsten zu hüpfen anstatt mal Gas zu geben, dann ist ein Konflikt vorprogrammiert. Wie bei anderen Kindern, aber tragischer. Also nicht wütender, sondern einfach tragischer. Lasse ich ihn hüpfen, kriege ich irgendwann die Krise, da wir nicht vorankommen. Nehme ich ihn hoch und laufe los ist es gewiss, dass er das höchst blöd von mir findet und es total schrecklich von mir ist, dass ich ihm das antue. Und dann windet er sich aus meinem Griff und sitzt da und weint bitterlich. Was bedeutet, dass wir nicht vorankommen = Ich, Krise. Nur dass ich mir zusätzlich noch wie der schlimmste Vater der Welt vorkomme.

Weiß dein Kind, dass es hochsensibel ist?

Gute Frage. Für mich ist das Thema Neuland. Ich fange erst an mich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen. Daher kann ich nicht beurteilen ob er es weiss. Er wird ja kaum auch mich zu kommen und mir mitteilen, dass er denkt, dass er hochsensibel ist. Das wird er in Worte packen die er kennt. In Bilder und Stimmungen. Das muss ich erst lernen zu dechiffrieren. Und das öffnet der Interpretation Tür und Tor; und mit Interpretationen bin ich stets vorsichtig.

Sprecht ihr mit Familie und Freunden über Hochsensibilität? Ist das ein Thema, das ihr mit anderen besprecht?

Bei mir ist das noch nicht der Fall. Ich spreche seit Neuestem mit Dir darüber, klar. Aber darüber hinaus ist das noch kein Gesprächsthema. Aber ich habe einen Arbeitskollegen, mit dem ich gerne mal darüber sprechen würde. Ich denke, dass er hochsensibel ist und würde gerne mit ihm diskutieren, inwiefern das sein (Arbeits-)Leben beeinflusst. Ich respektiere ihn und schätze seine Meinung sehr und ich werde sicher eine interessante Perspektive auf die Hochsensibilität kennenlernen. Selbst wenn sich herausstellt, dass er selbst nicht hochsensibel ist.

Siehst du die Hochsensibilität als etwas Positives oder Negatives? Fluch oder Segen?

Definitiv weder noch. Es ist wie mit allen Eigenschaften eines Menschen, die nicht alltäglich sind. Nicht alltäglich zu sein hat das Potential einem anderen gegenüber fremd zu sein. Und vor dem Fremden, dem Unbekanntem haben Menschen meiner Meinung nach eine Scheu. Sie reagieren in der Regel eher ablehnend als annehmend. Hochsensibel zu sein wirkt auf den ersten Blick wohl manchmal so, als wäre man nicht wirklich zu sozialadäquatem Handeln fähig. Schüchtern oder zurückhaltend zu sein ist meiner Erfahrung nach in unserer Gesellschaft etwas, das als Mangel angesehen wird. Eine negative Eigenschaft, an der man arbeiten muss, damit es „besser“ wird. Alles ist besser, als schüchtern und zurückhaltend oder gar in sich gekehrt zu sein. Aber das hat nichts mit Hochsensibilität zu tun. Bei einer anderen Eigenschaft würde der gleiche Mechanismus greifen.

Es ist für mich konkret weder Fluch noch Segen, da ich finde, dass Hochsensibilität nicht gewertet werden muss, sondern allenfalls gewichtet. Es ist eine Eigenschaft, die man hat, wie zum Beispiel blaue Augen oder den Drang schnell Auto zu fahren. Das ist beides per se weder positiv noch negativ. Doch ich finde die Hochsensibilität sollte im Umgang mit hochsensiblen Menschen ins Gewicht fallen. So wie man zum Beispiel Rücksicht nimmt, wenn jemand im Alter nicht mehr gut hört. Deswegen schreie ich meine Oma nicht an und denke, dass Sie mal zum Ohrenarzt gehen soll, die alte Pute. Sondern ich wiederhole einfach meine Worte, nötigenfalls auch mehrmals.

Ich persönlich denke, dass Hochsensibilität im Prinzip eine gute Eigenschaft ist, da der hochsensible Mensch wohl die Welt auf vielen Kanälen wahrnimmt und sie vielschichtig verarbeitet. Diese Komplexität hat für mich etwas Schönes, etwas Elegantes. Etwas, das einem neue Wege öffnet die Welt zu erfahren, die anderen vielleicht verschlossen bleiben. Aber vielleicht spricht da nur meine Affinität für Sensorisches in mir, da ich durch meinen Beruf mit den interdisziplinären Ansprüchen an komplexe Sensorsysteme vertraut bin und dem Ganzen halt etwas abgewinnen kann.

Oft ist ein Elternteil ebenfalls hochsensible. Bist du oder dein*e Partner*in hochsensibel?

Ja, wie mir scheint sind wir beide hochsensibel. Zumindest behaupten das diverse Tests die man so machen kann. Du mehr als ich, doch habe ich das Gefühl, dass ich mich zurzeit nur „verstecke“. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, um so mehr wird mir klar, dass es einen Bruch in meinem Leben gab. Vielleicht habe ich unbewusst gelernt meine Hochsensibilität zu unterdrücken, da man so einfacher durchs Leben kommt. Das ist im Moment aber nur eine Vermutung. Ich sehe in meinem Sohn oft meine eigene Gefühlswelt, als ich klein war. Vielleicht können er und ich uns gegenseitig helfen uns mit dem Thema Hochsensibilität auseinander zu setzen.

Was wünschst du dir für dein hochsensibles Kind?

Die Kraft und die Energie sein eigenes Ding zu machen und nicht dem Druck der Herde nachzugeben nur um anderen zu gefallen oder um nicht ausgegrenzt zu werden. Ich wünsche Ihm, dass er sich selbst erkennt, dass ihmgefällt wer er ist und dass er sich akzeptiert. Das wünsche ich unserem Kind, beiden Kindern. Was ich dem hochsensiblen Part unseres Kindes wünsche? Viel Spaß mit der Welt!

 

Danke, lieber Holger! Einfach nur Danke <3

 

Und jetzt frage ich noch mal in die Runde: Möchte noch jemand meine Fragen beantworten? Erzählt uns eure Geschichte, ich und auch die Gemeinschaft hier würde sich sehr freuen! 🙂
f8792-signature

1 Kommentar

  1. […] wir nun auch mal väterlichen Input in der Interviewreihe Hochsensibler Kinder lesen durften, übernimmt heute Susann das Steuer. Wir […]

Schreibe einen Kommentar