Hochsensible Kinder – Interviewreihe – Susann

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Nachdem wir nun auch mal väterlichen Input in der Interviewreihe Hochsensibler Kinder lesen durften, übernimmt heute Susann das Steuer. Wir kennen uns durchs Netz und haben einen sehr persönlichen Draht zueinander, obwohl wir uns eigentlich noch nicht besonders gut kennen. Ich quatsch nicht lange..

Susann, danke, dass du dir die Zeit genommen hast! Ich bin sehr gespannt und habe bewusst nicht gekürzt. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und ich finde, die darf erzählt werden.

Seit wann weißt du von der Hochsensibilität deines Kindes? Was hat darauf hingedeutet?

Ich weiß seit Anfang 2016, also seit etwas über einem halben Jahr, dass meine ältere Tochter Lisa und ich beide hochsensibel sind.

Ich bin durch Zufall über den Blog von Pia Drießen darauf gestoßen. Im Nachhinein wird einem ja immer alles klar, aber ich hatte bis dato noch nie davon gehört. Und als ich darüber las und es „Klick“ machte, war das nur ein riesiger Wow-Effekt. Und plötzlich ergab alles, wirklich alles, einen Sinn. Jeden Tag fielen mir neue Dinge auf und Situationen ein, die meine Große oder ich mal erlebt haben.

Hochsensible Kinder Interviewreihe Susann

Wie macht sich die Hochsensibilität im Alltag bemerkbar? Was läuft dadurch vielleicht anders?

Die Hochsensibilität macht sich in eigentlich allen Lebensbereichen bemerkbar.

Als Baby hat Lisa so geschrieen, dass wir häufig Ohrstöpsel benutzt haben, weil wir sie nicht beruhigen konnten.

Auch heute hat sie viele typische HS-Merkmale: Fußnägel schneiden verursacht ihr Schmerzen, Schilder müssen aus der Kleidung rausgetrennt werden, die verschiedenen Lebensmittel auf dem Teller sollen sich möglichst nicht berühren.

Vor Wasser hat sie fast schon panische Angst, nasser Sand, ein Klecks Müsli oder Kleber auf der Haut findet sie unangenehm.

Sie mag es nicht angefasst zu werden, schläft immer ohne Decke, weil sie sie stört. Sie spielt kaum mit anderen Kindern und wenn sie überreizt ist, schreit sie sich so in Rage, dass es lange dauert bis sie sich wieder beruhigt hat und wir wieder zu ihr durchdringen können.

Sie nimmt Kritik sehr persönlich und fühlt sich dadurch schnell zurückgewiesen und abgewertet.

Sie hat schon immer viel beobachtet. Sie macht Dinge nur, wenn sie sich zu 1000% sicher ist, dass sie sie gut kann und probiert es nicht vorher aus, um daran zu lernen. Wenn sie das Gefühl hat, dass sie etwas tun muss oder sich unter Druck gesetzt fühlt, macht sie komplett dicht. Im besten Fall redet sie dann nicht mehr mit einem, im schlimmsten Fall schreit sie sich komplett ein.

Ein Fön ist ihr zu laut. Sie erschrickt sich schnell und hört auch den Rasenmäher auf dem Nachbarsgrundstück, obwohl das Fenster geschlossen ist.

Sie ist sehr angepasst, weswegen es für unser Umfeld, und auch uns als Eltern, oft sehr schwer ist zu erkennen, wenn es ihr zu viel ist. Oft hält sie sich dann nach außen sehr zurück, aber schreit sich sofort ein, wenn sie wieder mit einem von uns zusammen ist und die kleinste Kleinigkeit nicht stimmt. Da reicht es wenn bspw. der Autogurt verdreht ist.

Das sind die herausfordernden Seiten. Die tollen sind die Aspekte, die die vielschichtige Wahrnehmung ausmachen. Sie nimmt kleinste Veränderungen an Dingen oder Menschen sofort wahr. Sie kann sie auch sprachlich sehr differenziert ausdrücken, was Unterhaltungen mit ihr oft zu besonderen Ereignissen macht.

Als ihre kleine Schwester geboren wurde, hat sie das erste Jahr mit ihr nonverbal kommunizert. Sie sagte beispielsweise zu mir „MJ hat Hunger“ – noch bevor die Kleine schrie, oder „Sie muss gleich a-a“ – noch bevor etwas in der Windel war.

Sie ist sehr selbstständig und verantwortungsvoll. Sie ist sehr fürsorglich und hilfsbereit. Sie versteht inhaltlich unehimlich viel und ist sehr rücksichtsvoll gegenüber kleineren Menschen und / oder Schwächeren.

Im Alltag selber, also vom Ablauf und wie wir nach außen leben, läuft durch ihre / unsere Hochsensibilität nichts anders. Sie geht in den Kindergarten, wir treffen Freunde, gehen auf Familienfeste und Geburtstage etc. Aber im Verhalten zwischen uns allen, also ihr, ihrer Schwester, meinem Mann und mir, ist es – im Vergleich mit anderen Familien – inzwischen schon anders. Ich versuche ihr vorzuleben, dass es in Ordnung ist zu sagen, dass sie nicht von anderen auf der Schaukel angeschuppst werden möchte, weil sie die Berührung nicht mag. Ich mache das, um ihr Wege aufzuzeigen, damit sie weniger Reize verarbeiten muss bzw. öfter mal eine Pause einlegen kann. Ich erkläre zum Beispiel auch anderen Eltern, warum wir uns „nur“ maximal 1x die Woche verabreden.

Bringt die Sensibilität deines Kindes dich im Alltag öfter mal an deine Grenzen? 

Eindeutig Ja.

Bis vor einem halben Jahr sogar täglich, inzwischen nur noch 3-4 Mal die Woche.

Bevor ich wusste, dass es Hochsensibilität gibt, und dass nicht nur Lisa, sondern auch ich es bin, habe ich mich sehr häufig hinterfragt, warum ich so eine schlechte Mutter bin und mit meinem Kind nicht auf die Art und Weise „klarkomme“, wie andere Mütter.

Warum bei uns viele Dinge so anders liefen und sie keinen Spaß an denen Sachen hat/hatte, die andere Kinder toll fanden. Warum keine Tipps halfen. Aber auch, warum anderen Eltern scheinbar müheloser der ganze Alltag mit Kindern, Partnerschaft, Haushalt und ggf. noch Job gelang und diese dann am Ende des Tages noch viel mehr Energie für anderes, wie das Backen eines Kuchens oder den Bastelabend in der Spielgruppe übrig hatten, während ich entweder weinend oder total erschöpft um 17.00 Uhr meinen Mann anrief, um ihn zu fragen, wann er nach Hause käme.

Nach Lisa’s Geburt war ich nach drei Wochen an dem Punkt, wieder arbeiten gehen zu wollen, um wieder die Kontrolle über mein Leben zu haben. Aus dem Job war ich es gewöhnt Lösungen zu finden, die Probleme oder Herausforderungen behoben. Ich hatte KollegInnen, die gemeinsam mit mir an solchen Themen arbeiteten – hier gelang es mir nicht nur gar nicht, sondern ich war den Großteil des Tages auch einfach alleine. Ich fühlte mich einsam und als Versagerin.

Ich bin nach einem Jahr dann wieder in den Job zurückgekehrt. Und auch wenn es mir per se gut tat, war da die ganze Zeit das Gefühl, dass es für Lisa nicht unbedingt das Beste war. Aber ich dachte, dass wenn es mir besser geht, es ihr auch besser gehen würde. Ich habe versucht, „quality time“ mit ihr zu verbringen, die aber nicht den gewünschten Erfolg brachte – für uns beide nicht.

Ich war häufig sehr verzweifelt und muss zugeben, dass ich sehr oft geschrieen habe, weil ich so sehr überfordert war und das Gefühl hatte, überhaupt keine Kontrolle mehr zu haben. Heute weiß ich, dass das vor Allem auch mit meiner Hochsensibilität zusammen hing, ich überreizt war, mir selber nicht genug Pausen gegönnt hatte, nicht genügend Schlaf bekam und nicht verstand, warum vieles, was bei anderen funktionierte, bei uns eben nicht ging.

Dann kam MJ auf die Welt, auch für nicht-hochsensible Kinder ein extrem fröhliches und pflegeleichtes Baby. Und da habe ich (natürlich damals noch nicht wissend) die schönen Seiten von Hochsensibilität kennengelernt. Das Fürsorgliche von Lisa gegenüber MJ, die schon beschriebene non-verbale Kommunikation zwischen den beiden, die Freude von Lisa, wenn sie MJ zum Lachen bringen konnte. Und MJ durfte auch körperlich näher an Lisa heran, als alle anderen Kinder. Und auch das war so schön und auch erleichternd für mich.

Und dann erfuhr ich über Hochsensibilität und wie gesagt, wurde mir einiges klarer. Zugegebenermaßen führte die Erkenntnis aber anfangs auch zu gedanklichen Szenarien wie „Wie wäre unser Familienleben verlaufen, wenn ich das schon vor 3 Jahren gewusst hätte?“ „Habe ich Lisa dauerhaft geschadet, weil ich die ersten 3,5 Jahre ihres Lebens sie nicht richtig wahrgenommen habe und in vielen Dingen auch wirklich falsch mit ihr umgegangen bin?“ „Wie viel Fürsorge fehlt ihr jetzt für immer?“ und solche Sachen.

MJ scheint wie gesagt nicht hochsensibel zu sein. Es gibt Tage, da kann ich gut zwischen den Ansprüchen und Verhaltensweisen meiner beiden Töchter switchen. An anderen Tagen fällt mir das nach wie vor sehr schwer.

In dem vergangenen halben Jahr habe einiges gelesen, mich mit anderen ausgetauscht und auch ein Coaching gemacht, um über Hochsensibilität zu lernen und damit besser umzugehen.

Ich habe erkannt, dass meine Ausgeglichenheit stark mit Lisa’s zusammenhängt, was wiederrum bedeutet, dass ich mir bewusster, als zu einer Zeit ohne Kinder, Freiräume verschaffen muss, um Kraft zu tanken. Ich habe unter Anderem deswegen die Entscheidung getroffen, erstmal noch nicht wieder arbeiten zu gehen, um unter diesem für uns neuem Wissen über Hochsensibilität uns allen die Chance zu geben, uns nochmal besser kennenzulernen und dementsprechend unseren Alltag mit weniger Reizen zu gestalten.

Und es hat viel geholfen! Ich gehe anders mit Lisa um und kann ihre Schreianfälle viel besser aushalten. Ich bin in 90% der Fälle nicht mehr genervt, wenn sie einen anderen Pullover anziehen möchte, weil bei dem ersten die Ärmel sie stören und insgesamt sind wir beide dadurch viel ausgeglichener und unser Familienleben ist viel ruhiger geworden. Ich vergleiche immer noch viel, aber ich sehe viel mehr die positiven Seiten; ihr Verständnis, ihre Wahrnehmung in allen Bereichen, ihre Selbstständigkeit, ihr Interesse an den verschiedenen Themen.

Weiß dein Kind, dass es hochsensibel ist? 

Lisa ist noch keine 4 Jahre alt, also nein. Sie merkt, dass sie sich in manchen Situationen anders verhält oder sich anders verhalten möchte. Häufig unterdrückt sie den Impuls, um nicht aufzufallen, aber vertraut mir danach an, dass sie diese bestimmte Situation eigentlich nicht mochte. Sie weiß inzwischen auch, dass wenn sie mit mir spricht und versucht mir zu erklären, was sie gerade stört, ich sie unterstütze das zu verstehen und ihr auch erkläre, wie sie besser damit umgehen kann.

Sprecht ihr mit Familie und Freunden über Hochsensibilität? Ist das ein Thema, das ihr mit anderen besprecht?

Anfangs hatte ich das Bedürfnis der ganzen Welt mitzuteilen, dass wir doch „normal“ sind und das es eine Erklärung für vieles gibt.

Tatsächlich gesprochen habe ich dann lediglich mit ein paar ausgewählten Freunden und Verwandten. Das waren die, bei denen ich mir sicher war, dass eine Offenheit dem Thema gegenüber da war. Ansonsten gebe ich eher situative Beispiele, wie mit den Etiketten in der Kleidung oder dem Nägel schneiden.

Ausführlich spreche ich mit meinem Mann und punktuell mit meinem Coach darüber. Mein Mann ist für die emotionalen Themen zuständig, der Coach für strukturelle Fragen. Es gibt nach wie vor viele Situationen, in denen insbesondere ich denke, eine versteckte Kritik von Anderen herauszuhören, wie Lisa ist oder wie wir uns mit ihr verhalte. Und da hilft es, dass mein Mann seine Sicht vermittelt und das gerade rückt. Und ich muss auch noch immer und immer wieder daran erinnert werden, dass ich sie, aber auch mich, nicht mit anderen Müttern-Töchtern vergleichen kann. Daran hapert es noch.

Ich möchte mit ihrer feineren Wahrnehmung auch keinen Schutzschild um sie herum aufbauen oder sie in eine Schublade stecken lassen. Der Großteil des täglichen Umfelds ist nicht-hochsensibel und sie muss lernen, dass sie zwar anders ist, aber trotzdem beziehungsweise vielleicht auch gerade deswegen gut in dieser Welt bestehen kann.

Was ich versuche ihr beizubringen ist, dass sie für sich ihre Kraftpunkte und wohltuenden Pausen nehmen kann, damit sie nicht so schnell überreizt ist. Und ich versuche ihr auch beizubringen, dass es ok ist, wenn sie ggf. schneller als die anderen Kinder sich auf sich konzentriert und sich diese Pausen nimmt.

Siehst du die Hochsensibilität als etwas Positives oder Negatives? Fluch oder Segen?

Für mich/uns ist es oft noch Fluch und Segen zugleich.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie anders man sich gerade als Kind fühlt. Wie anstrengend vieles war und wie fremd und ausgegrenzt ich mich oft fühlte. Das ist der Fluch-Teil.

Der Segen ist, das dieses Erfahrung als Kind für mich heute als Mutter wertvoll ist, weil ich Lisas Reaktionen oft besser verstehe und hoffentlich ihr auch Wege zeige, damit umzugehen. Und gleichzeitig ist insbesondere ihre differenzierte Wahrnehmung und ihre komplexe Gedankenwelt etwas ganz besonderes.

Oft ist ein Elternteil ebenfalls hochsensibel. Bist du oder dein*e Partner*in hochsensibel?

Mein Mann ist nicht hochsensibel, aber glücklicherweise ein sehr empathischer Mensch. Ich bin ebenfalls hochsensibel. Ich weiß, dass dein Interview sich in erster Linie um Hochsensibilität bei Kindern beziehen, aber bei uns spielt die Erkenntnis, dass auch ich hochsensibel bin und Hochsensibilität erst seit einigen Monaten kenne, stark in unseren Alltag mit rein.

Was wünschst du dir für dein hochsensibles Kind? 

Ich wünsche mir für Lisa vermutlich dass, was sich alle Eltern für ihr Kind wünschen. Dass sie gesund bleibt und mit dem Gefühl aufwächst, dass sie ok ist, wie sie ist. Ich wünsche ihr vor allem, dass sie in ihrem Leben auf Personen wie ihre Schwester trifft, die sofort einen Zugang zu ihr zu haben und in deren Beisammensein alles einfacher und unkomplizierter ist.

 

Liebe Susann, ich danke dir für die Antworten und bin ein wenig gerührt, weil wir so unendlich viele Parallelen haben. Ich freue mich auf unseren weiteren Austausch <3

Und wisst ihr was? Das nächste Interview wird noch einmal mit einem Papa stattfinden! Total klasse! =)

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5 Kommentare bei „Hochsensible Kinder – Interviewreihe – Susann“

  1. Ganz tolles Interview, ich erkenne so vieles wieder! Schön, dass sie die Wechselwirkung hochsensible Mama-hochsensibles Kind so beleuchtet. Alles Gute!
    LG!

  2. This so so wonderful to read! What a good description of what’s going on in the daily life of a family with highly sensitive children. I love how Susann is patiently empowering her daughter to embrace who she is and find her own means to work with her sensitivity! What I love most is that understanding it all better, can help you develop strategies to cope and can really set you free from all the worries that get you down. Wonderful series of interviews!

  3. Liebe Jil,
    Auch das ist wieder ein klasse Interview!
    Ich erkenne meinen kleinen Jungen so stark wieder und meine Gedanken und Sorgen werden bestätigt. Aber ich nehme auch sehr viel mit aus diesen Interviews.
    Bin schon gespannt auf das Nächste

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Ewa, ich freue mich, dass die Interviews dich bereichern und auch ein Stückchen zur Erkenntnisgewinnung beiträgt. Das tut es bei mir auch und es ist schön, dass es dir auch so geht! <3

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