Hochsensible Kinder – Interviewreihe – WheelyMum

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Heute geht die Interviewreihe weiter mit Julia, die auf wheelymum bloggt. Ich freue mich wie immer sehr über meine Interviewpartnerin und bin gespannt, wie sie das Leben als Mama mit Behinderung UND einem hochsensiblen Kind wuppt.

Here we go =)

Seit wann weißt du von der Hochsensibilität deines Kindes? Was hat darauf hingedeutet?

Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht festmachen. Das Junior empfindsam ist, zeigte sich bereits in der Schwangerschaft. Ich hatte sehr viele CTG´s da ich stationär in der Klinik war und man meine Wehentätigkeit überwachen musste. Diese Tags dauerten ewig, denn er wollte es einfach nicht und hat sich kontinuierlich weggedreht. In der Zeit davor und danach war er ganz ruhig und zufrieden. Aber wie es häufig bei Kindern ist, zeigten sich die ersten Charakterzüge bereits als Baby. Junior war schnell reizüberflutet, bereits ein Einkauf im Supermarkt konnte an manchen Tagen zu viel für ihn sein. Die Selbstregulation funktionierte nicht und er musste sehr, sehr viel weinen und schreien. Es gibt diese Begriffe vom Schreibaby oder High-Need-Baby. Auf der anderen Seite war ein ein aufgewecktes Baby. Als wir ihn und seine Eigenschaften in einem Babybuch festhalten wollten, haben sein Papa und ich den Begriff: Temprasibles Baby aufgeschrieben. Das Wort bedeutete für uns die Mischung zwischen: „sensibel und temperamentvoll“. Aber da war noch mehr. Nach und nach und durch einen wundervollen Kinderarzt wurden wir auf das Thema Hochsensibilität aufmerksam.

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Wie macht sich die Hochsensibilität im Alltag bemerkbar? Was läuft dadurch vielleicht anders?

Neben der Reizüberflutung, die gerade auch bei vielen Menschen, immer wieder eine entscheidende Rolle spielt, ist es schon sehr wichtig, gibt es noch viele kleine weitere Besonderheiten. Junior reagiert sehr stark auf Gerüche. Wenn er einen neuen oder ungewohnten Geruch riecht, kann es sein, dass dieser so ungefiltert zu ihm durchdringt, das er sich umsetzten muss. Auch sein Umgang mit anderen Menschen oder Kindern ist ein abwägen zwischen Spannung, Neugierde, Anspannung und Ablehnung. Es gibt Menschen, wenn er diese sieht, versteckt er sich hinter mir. Auch nach längerer Zeit, bleibt er ihnen gegenüber skeptisch und spricht nicht mit ihnen. Bei anderen Menschen – ich weiß es nicht, vielleicht haben diese eine andere Aura – die er zum ersten Mal sieht, geht er offen und fröhlich auf diese zu und hat sofort einen guten Kontakt. 

Gleichzeitig ist er sehr empfindsam und kann Gefühle, Schmerzen usw. von anderer Menschen spüren. Er reagiert darauf manchmal körperlich, manchmal mit Rückzug, manchmal mit Schlaflosigkeit, …. aber immer mit Körperkontakt.

Ist er in seinem gewohnten Umfeld ist er ein Räuber, ein Lausbub, der aber immer genau weiß, was ihm gut tut. Er hat ein sehr gutes Körpergefühl, dieses entscheidet z.B. auch welche Kleidung (Material, Gummibund, usw.) er tragen möchte.

An einem Tag kann er bestimmte Dinge gut katalysieren an anderen Tagen fällt ihm das sehr schwer oder es geht überhaupt nicht. Manchmal lassen diese unterschiedlichen Tagesformen, hier den Alltag ziemlich wanken. Zwei kleine Beispiele:

Ein Tag mit gutem Katalysator:

  • Junior baut einen Turm mit seinen Holzbausteinen. Er fällt um und Junior lacht. Baut ihn danach wieder auf und wirft ihn mit Absicht um.
  • Im Garten findet er eine Schnecke. Er holt einen Eimer, setzt sie hinein und bringt sie vorsichtig in den Lavendelbusch.

 

Ein Tag, an dem das ganze nicht funktioniert:

  • der gebaute Turm fällt um, und Junior fängt fürchterlich an zu weinen. Auf Nachfrage findet man heraus, dass das viel zu laut war und er nicht mehr damit spielen möchte.
  • Er steht im Garten und zittert am ganzen Körper. Er ruft jemanden zu sich und Bittet eine andere Person die Schnecke wegzumachen, weil er sie nicht anfassen kann – auch keinen Eimer tragen, wenn sie darin ist.

 

Bringt die Sensibilität deines Kindes dich im Alltag öfter mal an deine Grenzen? 

Ja, es ist nicht immer einfach. Gerade die genannten Beispiele, zeigen wie schwierig manchmal die Verhaltensweisen sind, weil man sie nicht einschätzen kann. Es hilft, ihn genau zu beobachten und dann bestimmte Dinge vorher zu erkennen und diese zu vermeiden. z.B. bei Festen. Das Einschlafen war jahrelang ein heikles Thema bei uns. Die Eindrücke des Tages beschäftigen ihn so, dass er kaum zur Ruhe kam. Ich hoffe, dass ich immer besser damit zurechtkommen werde, da er seine Gefühle und Eindrücke auch immer klarer formulieren kann.

Interviewreihe Hochsensible Kinder

Weiß dein Kind, dass es hochsensibel ist? 

Nein, dazu ist er noch zu jung (gerade 3 Jahre alt). Ich bin mir aber sicher, das er es erfahren wird. Denn er spürt bereits jetzt, das er auf manche Situationen anderes reagiert als andere Kinder. Beim schnuppern im Kindergarten wollte er sofort wieder heraus, weil es ihm zu laut war. Zu Hause sagte er, da gehe ich aber nicht hin. Warum macht das den anderen Kindern Spaß?

Sprecht ihr mit Familie und Freunden über Hochsensibilität? Ist das ein Thema, das ihr mit anderen besprecht?

In unserer Familie ist es ein großes Thema. Wir sprechen viel darüber und lesen uns auch immer mehr in die Materie ein. Auch mit unserem Kinderarzt – der selbst 2 Hochsensible Kinder hat, sprechen wir viel darüber und das empfinde ich als eine echte Bereicherung. Im Freundeskreis ist das eher kein Thema. Er ist so wie er ist und deswegen handeln wir so.

Siehst du die Hochsensibilität als etwas Positives oder Negatives? Fluch oder Segen?

Ich sehe es auf jeden Fall als positiv. Ich denke, wenn man achtsam damit umgeht und weiß, wieso dieses oder jenes so ist, kann das eine wahre Bereicherung sein. Junior wird lernen damit umzugehen und damit einen großen Schatz in seinem Leben haben. 

Oft ist ein Elternteil ebenfalls hochsensible. Bist du oder dein*e Partner*in hochsensibel?

Ich bin selbst hochsensibel und ich würde behaupten, das macht es für mich tatsächlich einfacher bestimmte Situationen einzuschätzen oder damit umzugehen. Ich verstehe ihn, in so vielen Verhaltensweisen – auch wenn ich diese nicht selbst so handhaben würde. Aber das genaue hinsehen und das hineinversetzten, fällt mir hier manchmal einfach leichter als dem Papa.

Was wünschst du dir für dein hochsensibles Kind? 

Dass er genauso bleibt wie er ist und niemand anderes sein möchte. Dass er von den anderen Menschen so angenommen wird, wie er ist. Dass er seine Besonderheiten, die ihn zu einem umwerfenden und liebevollen Menschen machen, als positive Eigenschaften wahrnimmt. Und falls es doch mal sein sollte, dass er versucht die zu verstecken, um angepasster zu sein, er sich irgendwann zurück entsinnst und sie wieder mit viel Freude zum Leben erwecken kann. Denn er hat es in sich. Und darüber sollte er sich freuen können.

Liebe Julia, ich danke dir für die ehrlichen, offenen Antworten!

Und jetzt wäre doch ein Interview mit einem Papa spannend! Mich würde sehr interessieren, wie es den Vätern hochsensibler Kinder so ergeht – euch auch?Kennt ihr jemanden, der jemanden kennt, usw.? Lasst es mich wissen 🙂

Alle bisherigen Interviews findet ihr hier.

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4 Kommentare bei „Hochsensible Kinder – Interviewreihe – WheelyMum“

  1. Schönes Interview! Das mit der Affinität zu einigen Menschen kenne ich von meinem Großen auch, zu einigen hat er einfach einen Draht. Dass der Kinderarzt so verständnisvoll und erfahren ist, ist ja toll! Wo gibt es solche Kinderärzte?!
    Ich frage mal auf Twitter herum, ob es einen Papa für ein Interview gibt.
    Liebe Grüße!

  2. Ja, unser Kinderartr ist ein Schatz!!!
    Liebe Grüße

  3. […] Bei Jil von Herzenbunt über Mein hochsensibles Kind […]

  4. […] mich in Gruppen ausgetauscht und ettliche Gespräche mit unserem Kinderarzt darüber geführt. Bei Jil von Herzenbunt habe ich bereits ein Interview darüber gegeben. Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr als andere, […]

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