In Form gepresst

Bindungsorientierte Erziehung

Ich bin saugenervt. In meiner Filterbubble gibt es so viele tolle Menschen, die ihre Kinder bindungsorientiert, unerzogen oder einfach irgendwie gut erziehen. Es gibt hochsensible Eltern, die meine Situation nachvollziehen können und in deren Umgebung ich mich verstanden fühle.

Und dann gehe ich da raus und merke: Das, was da draußen vor meiner Tür passiert, ist genau das Gegenteil. All das, was mich beschäftigt, ist in der Welt da draußen noch nicht ansatzweise angekommen. Wenn ich auf dem Spielplatz zu H1 renne, weil er weint, schauen mich alle ziemlich verachtend an. Beim Elternsprechtag höre ich mir an, er würde ein „Spielchen“ mit mir spielen. Als ich mit der drei Monate alten H2 verzweifelt bei einer Kinderärztin sitze, um mehr über ihre Refluxkrankheit zu erfahren, wird mir gesagt, sie wüsste einfach nur ganz genau, wie sie meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wenige von unzähligen Situationen, in denen ich innerlich mit rollenden Augen dasitze und denke „Oh bitte!“.

All das, wofür ich als Mutter stehe, kollidiert mit meiner Umgebung und leider habe ich bisher nur sehr wenige Eltern getroffen, die ähnliche Vorstellungen haben. Es wird aus meiner Sicht auch noch viele Jahre brauchen, ehe die Mehrheit begriffen hat, dass sich der Umgang mit und das Ansehen von unseren Kindern ändern muss, Stichwort bindungsorientierte Erziehung. Jeder, der mir sagt „Wir sind auch so groß geworden“ hat vermutlich nie wahrhaftig in sich hineingehört. Es geht nicht darum, DASS Kinder groß werden, sondern WIE.

Was ich da draußen erlebe ist, dass Kinder in Form gepresst werden. Situativer Ansatz my ass! Kinder, die nicht in die Norm passen, werden passend gemacht. Sie werden so lange bearbeitet, bis sie sich fügen. Ist natürlich auch viel einfacher und kraftsparender, als auf einen Menschen einzugehen.

Und soll ich euch was sagen? Das macht mich einfach traurig. Ich möchte nicht, dass meine Kinder in Form gepresst werden. H1 soll Nagellack tragen so oft er möchte. Er soll beim Abschied im Kindergarten schüchtern sein dürfen. Kinder sollen sie selber sein dürfen und zwar egal wer sie sind! Ich bin mir ganz sicher, jedes Kind wird seinen Weg finden, wenn wir es lassen. Wenn Kinder auf die harte Welt da draußen vorbereitet werden sollen, dann ganz bestimmt nicht, in dem wir sie in ein Standardförmchen pressen, sondern in dem wir ihnen Respekt und Liebe zukommen lassen. Dieses Herumpfuschen am kindlichen Wesen kann aus meiner Sicht nur Boykott bedeuten, der sich dann vielleicht im späteren Altern zeigt (Achtung, nur eine Vermutung).

Wie ihr vielleicht gelesen habt, strotze ich dank meiner Hochsensibilität nicht gerade vor Energie und so fällt es mir schwer, mich gegen all das, was ich erlebe, aufzulehnen. Ich würde den ErzieherInnen, ÄrztInnen und was weiß ich wem gerne sagen, dass ich nicht denke, dass Kinder, die ausreichend Aufmerksamkeit erfahren, „Spielchen“ spielen oder im Alter von drei Monaten Dinge tun, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich möchte rausschreien, dass Kinder getröstet werden sollten, wenn sie weinen. Dass man nicht lacht, wenn sie uns etwas erzählen möchten und die richtigen Worte nicht finden. Und weil ich nicht die Kraft für ständige Diskussionen oder Ungereimtheiten habe, schreie ich es hier auf meinem Blog heraus. Das hier ist sozusagen ein stiller Aufschrei. Weil ich keine Lösung habe, außer mich selber zu fügen, in Form pressen zu lassen. Und das ist keine Lösung, sondern eine Rekapitulation.

Und so hoffe ich, dass eine ordentliche Portion Kraft vom Himmel fällt. Denn dann, das sag ich euch, würden meine Kinder zu Hause betreut werden. Jeden verdammten Tag würden wir draußen im Wald rumlungern und der Natur beim Wachsen zu sehen. Ich würde irgendwelchen ÄrztInnen eine Kassette ins Ohr schieben, wie blöd und hinterweltlich ich ihre Ansichten finde. Und: Ich würde NOCH schneller zu meinen Kindern rennen und sie trösten, wenn sie weinen. 

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Erfahrt ihr Unterstützung was eure Ansichten bezüglich Kindern angeht oder findet ihr eine ähnliche Situation wie ich vor? Was denkt ihr, könnte eine Lösung sein?

Ich habe übrigens schon einmal das „Kinder in Form pressen“ erwähnt, nämlich in meinem Artikel „Wenn der Kindergarten nicht das Richtige ist“.

13 Kommentare bei „In Form gepresst“

  1. Du hast schöne Worte für das Problem gefunden. Ich bin ganz bei dir und eurem Weg. Alles
    Gute Leen

  2. Liebe Jil,
    ich kann dich sehr gut verstehen.
    Ich finde es ein Unding, dass immer soviele Leute denken sie müssten bei der Art und Weise wie wir mit unseren Kindern umgehen, mitreden…So nach dem Motto „dein Kind darf ja alles, du musst Konzequent sein; du muss aufpassen, sonst wir sie dir auf der Nase herum tanzen; bla bla bla “
    Ich kann dir nur sagen : ich gehe auch zu meinem Kind wenn sie hinfällt und tröste sie, und erkenne ihren Schmerz an. Ich versuche ihre Gefühle in egal welcher Situation anzuerkennen, und respektiere ihre Meinung. Ich erhoffe mir, dass sie somit ein eingenständiger Mensch werden kann, der sich nicht immer anpasst wenn es sich falsch für sie anfühlt und nur weil andere das von ihr erwarten. Ich erhoffe mir, dass sie die Kraft und den Mut haben wird ihre Meinung zu haben, zu fühlen, zu sagen und auch auszuleben (in respektvoller Art und Weise)!!
    Zu deiner Ärztin: da sage ich nur Pfui! Vielleicht hast du ja die Möglichkeit zu einem anderen Arzt zu gehen?
    Ich habe jedenfalls dein Aufschrei gehört und schreie gerne mit dir 😉

    lg

  3. Du bist stark. Und anders.
    Und jede einzelne Diskussion mit diesen Pappenheimern lohnt sich. Und wenn es nur für deine innere Ruhe und deine Kinder ist. Du wirst, da bin ich sicher, einen Weg finden, der zu dir und deiner Persönlichkeit passt, auf dem du sein kannst, wer du bist und auf dem deine Kinder sein können wie sie sind ohne Förmchen, Rahmen, passen. Ich bin ganz ganz sicher, dass das hier nur der Anfang war.

    Break free.

  4. Ich finde deinen Post verdammt gut und erkenne mich, deren Kind ja auch immer „Spielchen“ spielt verdammt gut wieder!!

  5. Ich bin der Meinung du hast völlig Recht!!! Ich selbst bin zwar nicht hoch sensibel, aber ich kämpfe jeden Tag dafür, dass mein Sohn so sein kann wie er ist. Ich bin es selbst leid mir ständig von Freunden, Familie und das schlimmste, völlig Fremden, anhören zu müssen was das Kind schon können soll oder muss. Viele der „alten Schule“ sind zu engstirnig um einzusehen das wir im 21. Jahrhundert leben und sich Ansichten geändert haben. Woher soll ein Säugling mit 3 Monaten denn bitteschön wissen wie man einen Menschen „manipuliert“ unglaublich. Sowas macht mich wütend und ich bin es leid sowas hinzunehmen. Alleine für die dummen Blicke der anderen lohnt es sich ich drücke dir die Daumen für die Kraft hin und wieder einen kleinen Kampf zu führen und vor allem für dich zu entscheiden. Mich selbst hat der Bericht heute bestärkt, dass nicht nur ich aus diesen gesellschaftlichen Formen ausbrechen möchte. Und es bestätigt mich, dass ich nicht allzu alleine bin und darüber denke. Dafür danke ich dir von Herzen!

  6. Ich kann dich sehr gut verstehen. Ich selbst hab ja noch keine Kinder, kann also nicht so gut mitreden.
    Ich war aber auch ein Kind, das sehr viel Aufmerksamkeit brauchte. Die hab ich einerseits auch bekommen, andererseits war meine Mum (zumindest empfand ich es so ^^) wie auch die Mum meiner besten Freundin (das war meine 2. Heimat^^) tiefenentspannt. Wir haben geweint? Es kam nicht immer gleich die Mama angerannt, aber wir wussten, wo wir sie finden und dass wir Trost bekommen. So konnten wir (natürlich nicht mit 3 Monaten, aber schon sehr früh) selbst entscheiden, ob es so schlimm ist, dass wir hingehen oder nicht.
    Und so waren die beiden auch nach Außen. Die Mutter meiner Freundin raucht zum Beispiel und hat dafür sicher viele böse Blicke geerntet. Sie hat nur mit den Schultern gezuckt (es sei bemerkt, sie hat auch nur draußen geraucht, zum Beispiel wenn wir auf dem Spielplatz waren und Mama eh Stunden ignoriert wurde^^). Wir haben die Wohnung auf den Koof gestellt, Schränke ausgeräumt, sind im Hof auf dem Auto geturnt und alles war easy.
    Und ich glaube, diese Erkenntnis ist sehr wichtig, ich hoffe, ich kann sie als Mutter umsetzen.
    Entspannt euch! Wieso solltest du dich für etwas rechtfertigen, mit dem du dich wohl fühlst?
    Wenn andere denken, deine Tochter spielt mit dir Spielchen – dann lass sie doch. Zuck mit den Schultern und denk dir deinen Teil. Die andern können ja froh sein, dass ihre Kinder „perfekt“ sind und keine Spielchen spielen. Aber deine Tochter wird dir in 20 Jahren noch dankbar für deine Aufmerksamkeit sein. Denn ich Danke es meiner Mama heute noch 🙂

  7. Ich hatte erst letzte Woche ein Gespräch mit einer Freundin, das mir später noch etwas komisch im Magen lag. Ich dachte immer wir sind auf einer Wellenlänge was die Bedürfnissbefriedigung des Kindes angeht. Es haben sich aber doch einige Differenzen gezeigt. Ich hatte keine Lust auf eine große Diskussion und habe nur gesagt, dass man sich da jetzt drüber streiten kann.

    Ich finde man kann sich sehr gut treffen (gerade, dass die Kinder miteinander spielen können) ohne immer der gleichen Meinung zu sein. Doch habe ich gemerkt, dass so eine Art von „Tiefe“ verloren geht. Da verstehe ich dich sehr gut und es ist irgendwie einfach schade.

    Doch ich habe zum Glück einige Freundinnen, die mit mir auf „einer Wellenlänge surfen“ und das gleicht es für mich aus. Ich weiß genau mit wem ich über „Kinderprobleme“ spreche und mit wem nur über die Wahl der besten Winterschuhe. Denn für „dämliche Kommentare und Tipps“ ist mir meine Zeit zu kostbar. Dann guckt man lieber bei Smalltalk den Kids beim Spielen zu. 😉

  8. GENAU SO IST ES! Danke für diesen Beitrag. Der hätte genau so von mir stammen können! Ich habe Tränen in den Augen, weil ich mich genau so fühle und obwohl ich schon so anders bin als die anderen, ich noch gerne weiter ausbrechen würde und noch mehr anders sein möchte… Fühl dich lieb umarmt von mir! <3

    1. Vielen lieben Dank für deinen lieben Kommentar, das freut mich wirklich sehr, was du da schreibst! Und ich danke dir fürs Teilen auf Facebook 🙂

  9. Hallo Jil
    Ich nenne das „die Kinder werden gesellschaftsfähig gemacht“. Ja, auch mein Herz blutet. Und ich werde weiter auf deinem Blog stöbern, sieht spannend aus 🙂
    Alles Gute
    Maren

    1. Liebe Maren, ja, richtig.. Gesellschaftsfähig. Und dann hinterher beschweren sich alle, dass es keine „Persönlichkeiten“ mehr gibt. Oh Mann 🙁
      Ich freue mich, wenn du weiter auf meinem Blog liest! 🙂 Liebe Grüße, Jil

  10. Auch ich habe deinen Aufschrei zur Kenntnis genommen.Aber du wirst überall Menschen begegnen, die eine andere Auffassung von Erziehung haben.Und die Kluckscheißer, die sowieso alles besser wissen.Ich kann nur von meiner Erfahrung berichten,alles was du mit Badacht und aus Liebe machst, kann nicht so verkehrt sein. Ich bin früher auch mit den Jungs raus in den Wald und habe kleine Goldtaler vergraben und habe die Natur erklärt. Unsere Gruppe wurde immer größer.Zum Verständnis, die Taler waren Schockotaler. Bis hin zu Fahrradturen, mit 13 Kindern,hatten wir viel Spaß.Aber ob die Söhne es heute einen noch danken. Ich denke die Umwelt formt auch die Persönlichkeit, den Rest macht das Kind selber. L.Gr Deine Marion.

  11. Was ein toller Beitrag!
    Hab ihn erst jetzt gelesen… <3

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