Kindergartenfrei oder Ganztagesbetreuung? – Wie ich als hochsensible Mutter überlebe

Kindergartenfrei oder Ganztagesbetreuung für hochsensibles Kind

Meine Kraftreserven sind aufgebraucht. Ich habe meine Grenzen überschritten und die Hochsensibilität meines Sohnes ernster genommen als mich selbst. Darüber habe ich im Beitrag „Attachment Parenting und Hochsensibilität – Ein Geständnis“ berichtet. Meinen Weg zurück zu mir; zu meiner inneren Mitte, möchte ich mit euch teilen.

Der erste Schritt war mit einer sehr aufreibenden Entscheidung verbunden: Eine Veränderung der Betreuung für Max.

Wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass Max keinen leichten Start in die Kindergartenzeit hatte. Ganz im Gegenteil. Wir hatten eine sehr lange Eingewöhnungszeit, verbunden mit großer Trennungsangst und vielen Tränchen, keine vertraute Bezugsperson, laute Geräusche. Kurz: Der Kindergarten war für uns mit gemischten Gefühlen verbunden.

Oder nicht oder doch?

Immer wieder in den bald zwei Jahren Kindergarten gab es Phasen, in denen H1 und ich unter der Situation litten. Es ist wohl meiner eigenen Hochsensibilität zu verdanken, dass ich mich zu sehr mit der Situation im Kindergarten identifiziert habe. Ich konnte es kaum ertragen, wenn Max Zurückweisung erfahren hatte und es war mir unglaublich wichtig, dass seine Kindergartenzeit schön, nahezu perfekt abläuft. Ich hatte mir für ihn Kinder gewünscht, die sind wie er. Kinder, die ihn nicht dazu animieren wild aufzudrehen und zu wetteifern. Ich hatte im Allgemeinen Erwartungen und Vorstellung, denen wohl kaum ein Kindergarten hätte gerecht werden können.

In Zeiten, in denen es Max im Kindergarten nicht gefiel, geriet ich ins Wanken. Zum einen, weil ich ihn nicht „leiden“ sehen kann und zum anderen, weil ich selber zwischendurch immer wieder Situationen erlebte, die meine Unzufriedenheit schürten. Zum Beispiel sollten wir die Bringzeit auf ein Minimum reduzieren, weil man der Meinung war, wir würden unserem Sohn nicht helfen sondern ihn eher hindern in der Gruppe anzukommen. „Da muss er durch“ und sowas. Meine Unzufriedenheit wuchs und wuchs. Von bedürfnisorientierter Erziehung keine Spur. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, weil ich so völlig andere Vorstellungen einer idealen Betreuung für Max hatte.

Ich hatte meine berufliche Interessen ja ohnehin schon stark zurückgestellt, weil sich schon im Babyalter abzeichnete, dass zu viel Fremdbetreuung ihn aus den Latschen haut. Also könnte ich ihn doch vielleicht auch ganz zu Hause betreuen? Kindergarten my a**!

Bedürfnisorientierung für Mama

Kindergartenfrei, das wäre für H1 sicher die beste Lösung. Ich weiß aber auch, dass es nicht die beste Lösung für mich wäre. Ich gerate schon nach zwei Tagen krankem Kind zu Hause an meine Grenzen. Dazu kommt, dass wir niemanden in der Nähe haben, der mir die Kinder mal für ein paar Stunden abnehmen könnte.

So toll ich auch den Gedanken an eine kindergartenfreie Kindheit finde, für so unrealistisch halte ich dies auch. (Vor zwei Jahren war ich mir da übrigens noch nicht so sicher.)

2017 möchte ich wieder etwas mehr arbeiten, das habe ich mir fest vorgenommen. Ich möchte am Blog arbeiten und meine Coachings für hochsensible Eltern ausbauen.
Jetzt bin ich dran, weil ich das möchte und weil es anders nicht weitergehen kann. Die letzten Jahre zu Hause, insbesondere das letzte Jahr haben mich sehr ausgelaugt. Und so habe wir eine Entscheidung getroffen: H1 wird zukünftig ein „Essenskind“ sein, also ganztags im Kindergarten sein. Verrückt oder?!

OMMMM

Ich habe versucht meine Unzufriedenheit in Bezug auf den Kindergarten abzulegen, denn ich spürte, dass sie nichts änderte, schon gar nicht zum Positiven. Zugegeben, das fällt mir nicht immer leicht. Nach wie vor hege ich tief in mir den Wunsch eine eigene Kita zu eröffnen, mit eigenen Wertvorstellungen und bedürfnisorientierten Ansätzen. Einer Einrichtung, in der Kinder die Zeit bekommen, die sie brauchen. Aber Max geht nun mal in diesen Kindergarten und es geht ihm dort im Grunde gut. Ja, im Grunde. Denn natürlich trägt seine Hochsensibilität dazu bei, dass ihm manche Situationen etwas schwerer fallen, ihn mehr beschäftigen oder (zu) viel von ihm abverlangen.

Seit dem Kindergartenbeginn hat nicht nur Max viel dazu gelernt, sondern auch ich. Ich weiß nun, dass ich ihn vor bestimmten Situationen nicht bewahren, ihm aber durchaus beistehen kann. Er erzählt mir viel und ich habe das Gefühl er spürt, dass er mit seinen Sorgen oder Erlebnissen an mich herantreten kann. Inzwischen scheue ich mich auch nicht mehr die Erzieherinnen konkret auf Erlebnisse anzusprechen, von denen Max mir berichtet. Oder ich weise darauf hin, dass sie bitte die Beziehung zwischen Max und einem anderen Kind einmal beobachten sollen. Max möchte bei diesen Gesprächen mit den Erzieherinnen stets dabei sein und damit ist es dann oft schon getan, weil es ihn ermutigt und er merkt, dass mich seine Gedanken bewegen. Er bat mich sogar schon Frau xy auf dies oder jenes hinzuweisen.

Die Wendung

Gegen meine Erwartung fiel Max die Eingewöhnung in den Ganztagesrhythmus recht leicht. Am Nachmittag, wo weniger Kinder auf eine Erzieherin kommen, bereitet ihm der Kindergarten sogar sehr große Freude. Die Aufmerksamkeit, die ihm am Nachmittag zu Teil wird, tut ihm sehr gut. Er hat nun auch morgens keine Probleme mehr beim Verabschieden und ich gewinne den Eindruck, dass sein Selbstbewusstsein einen starken Sprung gemacht hat.

Auch die Situation zu Hause ist durch unseren neuen Tagesablauf sehr entschärft und es kommt seltener zu Auseinandersetzung mit Tränen – beiderseits. Es gibt sicher Tage, an denen er nach einem Kindergartentag, der für ihn meist gegen 15 Uhr endet, überreizt ist. Die Mehrzahl der Tage ist es aber anders und das lässt mich aufatmen.

Das klingt irre, aber dieser Ganztagesplatz hat ein Stück Versöhnung mit dem Kindergarten gebracht. Ich habe mich meiner Angst gestellt und mich um diesen Platz bemüht, auch, wenn ich es zwischenzeitlich gerne wieder rückgängig gemacht hätte. Max hat sich überwunden und geht inzwischen mit größerer Freude in den Kindergarten.

Ich möchte mit meinem Beitrag und unserer Entscheidung nicht vermitteln es gäbe einen „richtigen“ Weg, denn den gibt es nicht. Dies ist unser richtiger Weg und zwar genau so lange, wie es uns damit gut geht.

 

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3 Replies to “Kindergartenfrei oder Ganztagesbetreuung? – Wie ich als hochsensible Mutter überlebe”

  1. Liebe Jil, ich kenne genau das was Du schreibst und auch bei uns ist es so: Morgens 90% der Zeit eine schwere Trennung, laut Erzieher aber ein totales Kindergartenkind…es gibt viele Situationen, wo andere ihr Verhalten nicht oder falsch verstehen, aber sie mögen sie trotzdem, auch ihre Freunde, die sie morgens regelrecht ihre Freunde vor den Kopf stösst, wenn sie sich bedrängt fühlt. Ich denke aber, es stärkt sie, es alles gut zu schaffen. Auch ich hole sie um 15 Uhr ab und oft will sie dann da bleiben. Zuhause gestehe ich ihr zu, das sie genug input hatte und lass sie abschalten. Auch Spielnachmittage überlege ich mir gut. Aber irgendwann weiss man was geht und was nicht. Schreib mir gern über fb wenn Du Austausch magst☺

  2. Dein Text war für mich, in jeder Hinsicht ein glasklarer Blick in den Spiegel…. Bis hin zum Wunsch nach kita Aufbau und eltercoatching…vom Stress des kindergartenfrei, oder kinderkrank, bis hin zur Abwesenheit von unterstützenden Personen…..es könnte eins zu eins von mir geschrieben worden sein. Sowas hab ich noch nie erlebt….. ich bin sehr tief getroffen

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Miri, vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass mein Beitrag in dir etwas bewegt hat. Genau dafür schreibe ich und ich freue mich über solches Feedback natürlich besonders 🙂 Wie machst du das denn, so ganz ohne Unterstützung? Ich arbeite gerade an einem neuen Beitrag zu genau diesem Thema.
      Hoffentlich bis bald, Jil

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