Meine liebe Tochter, du tust mir leid.

Geliebte Tochter_du tust mir leid

Liebe Luise,

erinnerst du dich an heute Morgen? Als wir aufgestanden sind, saß dein Bruder schon schlecht gelaunt und weinend im Wohnzimmer. Ich weiß, dass dich sein Weinen immer sehr mitnimmt. Du fühlst mit ihm, bringst ihm sein Lieblingskuscheltier oder streichelst ihm über den Kopf. Mich nimmt sein Weinen ebenfalls sehr mit. Vielleicht sogar zu sehr, denn ich schaffe es meist nur kurz ihn zu trösten und verfalle dann schnell selber in schlechte Laune. In solchen Momenten vereinnahmt mich Max völlig. Ich versuche ihm zu helfen, frage ob er schlecht geträumt hat (denn das ist häufig Auslöser seiner schlechten Laune) oder ob er hungrig ist. Für dich, du süßes, gut gelauntes Schätzchen bleibt dann so wenig meiner Aufmerksamkeit übrig.

SpaziergangmitKleindkind

Der, der am lautesten schreit

Vielleicht weißt du schon, dass ich mit Ungerechtigkeit nur schwer umgehen kann. Ich finde es zum Beispiel traurig, dass oft die Menschen, die sich gut verkaufen können mehr Geld verdienen als die, die gute Arbeit leisten (sich aber nicht verkaufen können). Und als Max heute Morgen so schlecht gelaunt meine Aufmerksamkeit genoss, da überkam michmit einem Schlag großes Mitleid für dich. Ich möchte dich nicht ungerecht behandeln. Ich möchte meine Aufmerksamkeit nicht nur dem Kind widmen, das am lautesten jammert.

Applaus, Applaus

Du gibst so viel, und brauchst so wenig. Du spielst, räumst Schränke aus, trinkst, wenn du durstig bist. Dir ist unwichtig, ob dabei jemand zusieht oder nicht. Wenn du etwas trinken möchtest, dann nimmst du dir etwas und weinst nicht, bis jemand sich zu dir setzt und fragt was los ist und dir dann etwas zu trinken bringt. Du brauchst kein Publikum.
Max ist anders als du. Für ihn wiegen Dinge schwerer. Seine kleine Welt gerät schnell ins Wanken, durch Dinge, die für dich vielleicht unbedeutend sind. Wenn er einen schlechten Traum hatte, schafft er es (noch) nicht, sich selbst zu beruhigen. Seine Gefühle äußern sich stattdessen durch Jammern und Weinen. Es berührt mein Herz, wenn du ihm zum Trost mit deiner kleinen Hand über den Kopf streichelst und auch, wenn er darauf nicht immer sofort reagiert, so bin ich sicher, dass er deinen Trost zu schätzen weiß. So wie in den Momenten, in denen Max dich in den Arm nimmt und tröstet, wenn dich etwas ärgert. Dann sehe ich, wie gut es dir tut, dass er bei dir ist. Dann nimmst du seine Hand und nichts kann euch aufhalten.

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Mein kleines Herz

Beinahe unabhängig und selbstbestimmt erkundest du die große Welt um dein kleines Leben herum. Du bist die, die einfach da ist. Unsere Vormittage zu zweit genieße ich sehr, denn dann sauge ich dich in mir auf. Wir lachen, kuscheln, lesen, essen und schlafen. Dann bin ich ich, und du du. Ohne Ablenkung, ohne Vereinnahmung.

Mein kleines Herz, du bist so unglaublich stark. Es ist großartig, dass du bist, wie du bist. Von deiner mentalen Stärke können Max und ich uns eine große Scheibe abschneiden. Du zeigst mir, dass diese ganze Sache mit der Hochsensibilität nicht „meine Schuld“ ist, wofür ich dir sehr dankbar bin.

Du bist der Sonnenschein.

Weißt du, liebe Luise, ich möchte, dass du weißt, dass dein kleines Herz meinem ganz nah ist. Ich sehe dich. Ich fühle dich. Ich schätze dich.
Es ist toll, dass du da bist.

 

Deine Mama.

1 Kommentar

  1. ussemblage sagt: Antworten

    Es geht mir exakt gleich!!! Du hättest es nicht besser beschreiben können! Hast du eine Buchenpfehlung für mich, als Start? Hier ist es ähnlich, ich und der große Sohn sind hochsensibel. Gerne auch über Insta, der Name ist derselbe…
    Alles Liebe, Ursula

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