Meine Tränen

Mit Kind zu Hause_hochsensible Mama_Lungenentzuendung

Es ist Donnerstag Vormittag. Max und Luise waren seit beinahe drei Wochen nicht im Kindergarten. Max war erkältet und klagte über Ohrenschmerzen. Luise hatte eine Lungenentzündung. Und ich hänge irgendwo zwischen Glück und Wahnsinn.

Die Zeit, die wir zu Dritt zu Hause verbringen, ohne Anziehstress und Zeitdruck am Morgen tun mir gut und auch die Kinder genießen es dem alltäglichen Stress zu entkommen. „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt“ denke ich manchmal. Wobei uns die Krankheiten der Kinder natürlich letztlich in diese Situation gezwungen haben. Dennoch machen wir das Beste draus. Während Luise ihre Lungenentzündung mit viel Nähe und (auf Mama) Schlafen auskuriert, kommt Max viel zu kurz. Er muss alleine spielen, beinahe den ganzen Tag. Niemand, der ihn mal für eine Stunde ablenken könnte, mit ihm ein Spiel spielt. Meine Anspannung ist groß. Ich habe Sorge um Luises Gesundheit und Max‘ Wohlergehen. Ich gebe mir natürlich Mühe ihm halbwegs zu geben was er braucht aber ich spüre, dass ich damit gewaltig scheitere. Max braucht mehr Mama. Darüber hinaus bräuchte er mich auch mal alleine. Absolut undenkbar in der Krankheitsphase.

Deshalb schieben wir am Wochenende, als Luise wieder halbwegs fit ist einen Kinobesuch ein. Nur Max und ich. Eine kurze Auszeit nur für uns beide. Er erzählt viel, stellt mir Fragen und genießt die Zeit mit Mama.
Und während wir beide Zeit alleine verbringen, fragt Max sich: Was macht Luise wohl jetzt mit Papa? Geht es ihr gut? Er vermisst seine Schwester und gibt ihr, zurück zu Hause mindestens 100 Willkommens-Küsse.

Die Beiden, Max und Luise, sind ein Team. Natürlich streiten und ärgern sie sich, aber man kann ihre Liebe füreinander spüren, wenn man sie zusammen sieht. Besonders wenn wir längere Zeit gemeinsam zu Hause verbringen, scheint das die Beiden besonders innig zusammenzuschweißen. Das tut mir gut. Das tröstet mich.

Ein kleiner Ausgleich, die beiden so nah zu sehen. Denn die drei Wochen, die wir hier zu Dritt alleine zu Hause waren, waren für mich der Horror. Ich kann von zu Hause aus arbeiten und mir meine Zeit größtenteils einteilen, wodurch der berufliche Stress nahezu wegfällt. Aber es ist mehr als das. Ich sorge mich um meine Kinder. Ich sorge mich um mich, denn keine Zeit alleine zu haben – das ist für mich fast unerträglich. Es ist fast egal wie ich diese Zeit alleine nutze, ob ich arbeite oder putze, Wäsche wasche oder ein Paket zur Post bringe – diese Zeit bestimme ich. Die Fremdbestimmung hingegen, die mir meine Kinder auferlegen, bringt mich oft um den Verstand, wenn ich ihr längere Zeit ausgesetzt bin. Ich sitze da, mit schlafender Luise auf meinem Bauch, legospielendem, gelangweiltem Max neben mir und mir laufen die Tränen. Es fehlt an allem. Es fehlen helfende Hände, Beschäftigung für Max, Ablenkung für mich.

Ich bewege mich zwischen Himmel und Hölle. Im einen Moment genieße ich meine Kinder und bin erfüllt von Glückseligkeit. Verzückt von diesen beiden süßen Wesen. Im nächsten Moment am Rande des Wahnsinns, verzweifelt. Es ist mir zu laut und ich möchte alleine sein.

Meine Laune wird von Tag zu Tag schlechter und meine Anspannung steigt. „Ich müsste unbedingt mal was tun!“ denke ich. Denn wenn ich mit den Kindern zu Hause bin schaffe ich es in der Regel nicht besonders gut mich um Dinge zu kümmern, egal ob das den Haushalt oder sonstige Dinge betrifft. Ich schiebe also sämtliche To Do’s immer wieder nach hinten. 

Bis ich an diesem Donnerstag Morgen einen Blick in meinen Kalender werfe, den ich seit über zwei Wochen nicht in den Händen hielt. „FU**!“ Da fällt es mir wieder ein.. der 16.2. hat sich in mein Hirn gebrannt. Am 16.2. müssen wichtige Unterlagen auf einem Schreibtisch liegen. Unterlagen, die ich noch nicht zugesandt habe. Unterlagen, die ich noch nicht einmal fertiggestellt habe. Ich bin stinksauer auf mich selber, werde motzig zu den Kindern.

Max möchte draußen, wo es inzwischen ordentlich geschneit hat, einen Schneemann bauen. Mit mir. Ich habe Hände zu wenig und bin verzweifelt. Ich packe Luise so warm es geht ein und bis ich mit ihr, Max und den wichtigen Unterlagen unterm Arm völlig gestresst das Haus verlasse, beginne ich zu weinen.

„Das ist mir zu viel.“ denke ich. Mehr nicht. Es ist mir einfach zu viel.

Und dann laufen wir zum Briefkasten. Zum ersten Mal in Max‘ und Luises Leben können wir statt dem Kinderwagen den Schlitten nehmen. Ein großes Ereignis für die beiden. Luise sitzt dick eingepackt, fasziniert und mit ihrem Lieblingskuscheltier im Arm im Schlitten. Die frische Luft tut uns unheimlich gut. Ich atme ganz bewusst und höre meine Schritte im Schnee. Keiner spricht. Wir alle sind mit unseren Sinnen ganz bei uns. Jeder für sich und doch gemeinsam. Die letzte Zeit war so anstrengend und doch gab es selten eine Zeit, die uns so zusammengeschweißt hat.

Noch niemand ist diesen Weg im Schnee gelaufen. Es sind keine Fußabdrücke zu sehen. Das ist mein Weg. Das ist unser Weg. Der Weg, den ich mit meinen Kindern gehe. Wir bestimmen wo wir lang gehen, wir bestimmen wie schnell wir gehen. Und wir gehen ihn gemeinsam.

Geschwisterliebe im Schnee_Warum mir die Traenen kommen

Ich atme noch mal tief ein und wische mir die meine Tränen vom Gesicht. Egal wie anstrengend und kräftezehrend die Zeiten manchmal sein mögen, in diesem Moment wusste ich, dass wir gerade Erinnerungen schreiben. An diesen olle Weg zum Briefkasten werden wir uns erinnern, wenn wir später mal an diese langen drei Wochen krank zu Hause denken. Wir werden uns an die Nähe, die Fürsorge und die Liebe erinnern, die wir füreinander empfinden. 

Auf dem Nachhauseweg fällt die Anspannung von mir ab. Ich halte kurz an, nehme Max fest in den Arm und lasse ihn den Schlitten mit seiner kleinen Schwester ziehen. Beide jauchzen und lachen. Und mir laufen schon wieder die Tränen. Dieses Mal aber vor Glückseligkeit.

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