Was tun bei Trennungsangst? / Eingewöhnung im Kindergarten für hochsensible Kinder

Im ersten Teil dieses Beitrag erfahrt ihr, wie es uns zur Zeit der Eingewöhnung im Kindergarten erging. Im zweiten Teil berichte ich, wie die Kindergartensituation ein Jahr später aussieht.

1. Teil: Die Eingewöhnungsphase im Kindergarten

Die Welt steht Kopf

Max und seine kleine Welt, sie stehen gerade Kopf. Und meine deshalb auch ein wenig.

Er möchte sich morgens im Kindergarten nicht von mir verabschieden. Obwohl er mir mittags stolz und gut gelaunt entgegenläuft, so scheint ihm die Trennung von mir am Morgen sehr schwer zu fallen. Aus meinen Gesprächen mit ihm habe ich heraushören können, dass er sich in dieser Trennungssituation alleine und klein fühlt. Und, dass ihm diese Trennungsangst unangenehm, ja sogar peinlich ist. Das tut mir wirklich sehr leid. Es zerbricht mir das Herz, wenn ich ihn weinend in einer für ihn unsicheren Situation wiederfinde. Ich kann das selber so gut nachvollziehen (Stichwort Überidentifizierung) und es fällt mir schwer dann sein Fels in der Brandung zu sein. Das gelingt mir weiß Gott nicht jeden Tag. Oft laufe ich mit einem mulmigen Gefühl aus dem Kindergarten, spätestens im Auto laufen mir dann die Tränen.
Obgleich diese Situationen an meinen Nerven und gleichzeitig auch an meiner Geduld zerren, gebe ich mir große Mühe ihm vertrauensvoll beiseite zu stehen. Denn seine Gefühle und Worte habe ich schon immer ernst genommen und respektvoll behandelt.

Wünsch dir was

Auch wenn ich seine Gefühle nachvollziehen kann, habe ich mir diese erste Zeit im Kindergarten einfacher vorgestellt, ganz bestimmt jedenfalls habe ich sie mir einfacher gewünscht. Und weil es eine so große Differenz zwischen Wunsch und Realität gibt, bin ich so manches Mal an meine eigenen Grenzen geraten.

Offen gesagt, die Konfrontation mit der Trennungsangst überfordert mich.

Die Erzieherinnen haben mir versichert, dass fast alle Kinder diese Trennungsangst durchleben. Die einen früher, die anderen später. Eine stressfreie Eingewöhnung bedeutet nicht, dass die Trennungsangst gänzlich vom Tisch ist, sagte man mir. Die meisten Kinder durchleben eine solche Phase im Laufe ihrer Kindergartenzeit.

Trennungsangst im Kindergarten bei hochsensiblen Kindergarten

Vor zwei Jahren, als Max begann zur Tagesmama zu gehen, war von Trennungsangst keine Spur. Da lief die Eingewöhnung vielleicht in einer anderen Entwicklungsphase ab. Und nun haben wir eine Entwicklungsphase erwischt, die es nicht zulässt, uns morgens fröhlich voneinander zu verabschieden. Vielleicht ist es auch völlig egal, in welcher Phase er sich befindet und er möchte einfach nicht dort bleiben. Ganz abgesehen davon, dass im Kindergarten, im Gegensatz zur Tagesmutter, deutlich mehr Kinder herumwuseln und es lauter ist – was Max mit seiner Geräuschempfindlichkeit gar nicht mag.

Eingewöhnung: Eine große Sache

Da diese Eingewöhnungsphase, obgleich ich es dazu nicht kommen lassen wollte, für mich aufgrund der Trennungsangst zu einer großen Sache geworden ist, habe ich ein paar Überlegungen angestellt, diese Zeit möglichst gut zu meistern; auch, um mich auch selber nicht darin zu verlieren:

1. Idee: Verweildauer verlängern

Meine erste Idee war die, morgens etwas früher loszufahren, dafür ein wenig länger bei ihm im Kindergarten zu verweilen. Ich habe das auch mit den Erzieherinnen so besprochen, die mir netterweise noch eine gewisse Zeit innerhalb der Gruppe gewährten. So sollte er nicht direkt ins kalte Wasser geschmissen werden und sich ein paar Minuten einfinden können, denn das war aus meiner Beobachtung heraus genau sein Problem.
Das hat ein paar Mal funktioniert, gerade hilft das leider gar nicht mehr. Egal wie lange ich bei ihm bleibe, wenn ich gehe, wird es emotional.

2. Idee: Ruhe bewahren und Affirmationen aufsagen

Affirmationen haben mir schon häufiger unheimlich viel geschenkt: Mut, Kraft, Vertrauen. Denn manchmal denkt man in Wahrheit etwas anderes, als man sich wünscht und einredet zu denken. (Im Coaching arbeitet man mit sog. Glaubenssätzen, kennt ihr vielleicht.)
Für die jetzige Zeit habe ich mir ein paar wichtige Sätze, die ich gerne annehmen und glauben möchte, als Notiz im Handy gespeichert. Dazu gehören in meinem Fall:
„Max schafft das.“
„Max kann dir vertrauen.“
„Du schaffst das.“
„Du darfst loslassen.“
„Max wird tolle Freunde finden.“
„Es wird ihm gut gehen.“
„Er ist in guten Händen.“
Diese Sätze lese ich mir morgens vor der Trennungssituation durch. Gleichzeitig versuche ich selber ruhig und gelassen zu bleiben. Max soll spüren, dass ich ihn stützen kann und Teil seines sicheren Hafens bin, auf den er zu jeder Zeit vertrauen kann.

3. Idee: Sprechen

Wie eingangs geschrieben nehme ich die Worte, die Max an mich heranträgt sehr ernst. Ich freue mich, wenn ich ihn ein bisschen besser verstehen kann und auch ihm hat es schon öfter geholfen meine ehrlichen Worte zu hören.
Es besteht natürlich die Gefahr, das Thema der Trennungsangst durch die Gespräche aufzubauschen und erst dadurch zu einer großen Sache zu machen. Ich versuche daher positive Worte zu finden und den Kindergarten nicht ständig erneut zu thematisieren. Vermitteln möchte ich ihm mit meinen Worten, dass er sich auf mich verlassen kann und zuversichtlich sein darf, dass es ihm bald leichter fallen wird, die Situation morgens zu meistern. Ich bestärke ihn und sage, dass es in Ordnung ist, wie er fühlt. Ich biete ihm meine Hilfe an und sage ihm, dass ich immer an ihn denke. Manches ist für ihn vielleicht klar und selbstverständlich. Ich habe mich auch schon öfter gefragt ob ich nicht vielleicht mit mir selber spreche, wenn ich das alles so sage und mir selber Mut und Zuversicht zuspreche. Wer weiß 😉

4. Idee: Püppchen

Ein kleines Püppchen in der Hosentasche sollte helfen sich nicht alleine zu fühlen. Das Püppchen hat Max begeistert und es wirkte so, als ob es ihm ein Gefühl von Stärke vermittelt.
Leider kam es schon am zweiten Tag nicht mehr mit nach Hause. Irgendwo im Kindergarten muss das Püppchen verloren gegangen sein. Vielleicht findet es sich wieder.

Ob und was wirklich hilft – ich werde gerne noch einmal berichten!

Ich freue mich riesig auf den Tag, an dem ich mich morgens von einem fröhlichen kleinen Mann verabschieden kann. Das wird für mich ein Tag ohne schlechtem Gewissen sein, ohne diesen Stich im Herz. Bis dieser Tag kommt, tue ich alles, um dem kleinen Mann mit Stärke, Zuversicht und Liebe beizustehen.

2. Teil: Zwischenstand nach einem Jahr Kindergarten

Max besucht den Kindergarten nun schon etwas länger als ein Jahr und rückblickend kann ich behaupten, dass Ruhe, Verständnis und Sprechen wohl am besten gegen die Trennungsangst im Kindergarten geholfen haben. Wie in meinen Ideen, die ich vor einem Jahr aufgelistet habe, hat es Max sehr gestärkt, wenn wir ihm ruhig und verständnisvoll beigestanden haben. Morgens haben wir für eine (halbwegs) ruhige Atmosphäre gesorgt, auch und ganz besonders im Kindergarten selbst. Ihn unter Zeitdruck im Kindergarten abgeben, das hat nie funktioniert; verschlimmerte die Trennungsangst sogar. Wir ließen uns so gut es ging nicht stressen und lebten eine Verabschiedung, in der wir das Tempo bestimmten, je nach dem wie es Max gerade ging. Auch wenn ich so manches Mal das Gefühl hatte, die Erzieherinnen standen augenrollend daneben, habe ich selber versucht stark zu bleiben.

So einfühlsam und fürsorglich die Erziehungspersonen im Kindergarten auch sein mögen, sie kennen das Kind nicht so gut, wie wir es als Eltern tun. Es liegt einzig in unserer elterlichen Verantwortung, die Situation so angenehm wie möglich zu gestalten, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Voraussetzung dafür ist sicher, dass die ErzieherInnen mit den Eltern an einem Strang ziehen. (Was bei der Kindergartenwahl gerade für hochsensible Kinder wichtig sein kann, könnt ihr hier nachlesen.)

Phasen, in denen Trennung schwer fällt, gibt es immer mal wieder. Gerade nach längeren Ferienzeiten oder Ereignissen, die Max nachhängen. Aber geht es uns als Erwachsenen nicht selber auch so? Fällt es uns nach dem Urlaub nicht auch oft schwer, uns wieder zur Arbeit zu motivieren? Was bei uns hilft: Verständnis, Ruhe, Reden.

Max geht nun schon seit zwei Jahren in den Kindergarten. Seit diesem Jahr ist er sogar in der Ganztagesbetreuung im Kindergarten und es klappt wirklich super. Mehr dazu kannst du im zweiten Link unten lesen:

 

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2 Kommentare

  1. […] Wie es uns in der konkreten Situation der Eingewöhnung ging, erfahrt ihr HIER. […]

  2. […] deinem Kind etwas vorgelesen. Du hast den Wocheneinkauf erledigt. Oder du hattest einen schwierigen Abschied im Kindergarten, von dem du erst einmal Abstand gewinnen musstest und es dir mit einem Kaffee auf dem Sofa […]

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