Schlechtes Gewissen, verzieh dich!

Wir sitzen beim Mittagessen. Wir, das sind heute ausnahmsweise nur meine Kinder und ich. Ihr Papa ist beruflich unterwegs – schon den zweiten Samstag in Folge. Das bedeutet, hier bleibt eine Menge liegen. Das Chaos regiert. Und ich bin mit den Kindern alleine.

Es ist gegen Mittag, als ich auf die Uhr sehe und merke, dass ich nicht mal die Hälfte des Alleine-Tages hinter mich gebracht habe und ich mir meinem Mann herbei sehne. Während die Tochter mir endgültig zu verstehen gibt, dass sie warmen Brei nicht ausstehen kann, hoffe ich, dass die Karotten im Topf nebenan endlich mal fertig gedünstet sind. Das Timing ist im Moment die Katastrophe hier und ständig is(st) jemand alleine. Das, hatte ich mir geschworen, passiert mir nie. Alleine essen finde ich ganz fürchterlich. Ich möchte nicht, dass meine Kinder alleine essen. Nunja. Heute essen wir eben mal wieder in Etappen. Allerdings nur bedingt mein Verschulden. Denn der Sohn hat sich entschieden eine Wasserflasche geöffnet (!) auf dem Wohnzimmerboden abzustellen und wohl nicht mit seiner kleinen Schwester gerechnet. Ich stehe also in der Küche, gerade dabei die Pommes auf dem Blech zu verteilen, da höre ich ein befremdliches Geräusch. Sowas wie „gluck, gluck, gluck“ nur irgendwie.. stärker. Ich finde die frisch gewickelte Tochter in einer riesigen Wasserlache auf dem Wohnzimmerboden. Begeisterung sieht anders aus und dem Sohn ist nun auch aufgefallen, dass seine Idee nicht zu den besten dieses Tages gehört. Ich wickle und ziehe das kleine nasse Tröpfchen um. Sie friert, und hungrig war sie ja ohnehin schon. Ich schnauze den Sohn an, weil ich traurig bin, dass wir schon wieder irgendwie nicht gemeinsam essen können und ich die Schuld in ihm sehe. Er müsse nun eben noch warten und sei selber schuld. „Hättest du nicht die Flasche auf dem Boden..“ höre ich mich sagen und ärgere mich über mich selber. Mann, so wild ist es ja auch wieder nicht..

Wie ich ihn dann so da sitzen sehe, alleine am Tisch sein Essen mampfend und dann auch noch der heilige Ketchup zur Neige geht, tut er mir total leid. Das sage ich ihm nicht aber laufe mit der halbschlafenden Schwester im Tragetuch um ihn herum und streichle ihm durchs Haar.

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Genervt bin ich aber vom vergangenen halbe Tag trotzdem und ich kündige ich dem Sohn an, dass ich eine kleine Pause einlege, wenn seine Schwester im Tragetuch ihren Mittagsschlaf hält und er satt ist. Ich schalte ihm also eine CD ein und er sitzt ganz friedlich da und hört, währenddessen ich durch die Wohnung eiere und die Tochter in den Tiefschlaf bringen möchte. Nach einer Weile Rumtragen schläft sie. Als ich mich zu meiner heiß ersehnten Pause (mit Kind im Tuch) aufs Sofa setzen möchte, befielt sie mir weiterzulaufen. Solange ich laufe, schläft sie. Aber meine Beine tun weh, wie eigentlich jeden Tag. Und ich bin bedient. Beim zweiten Anlauf schläft sie etwas tiefer und ich kann mich setzen. Aber die CD ist mittlerweile durchgelaufen und der Sohn möchte mit mir spielen. Ausgerechnet jetzt. Verdammt schlechtes Timing, mal wieder. „Armer Junge“ denke ich und sehne mich nach Zeit mit meinem Sohn. Nicht, dass ich sonderlich gerne spiele, aber ich bin so gerne für ihn da und es fehlt einfach Zeit für ihn. Ungeteilte Aufmerksamkeit. Zum Alleine Spielen kann ich ihn gerade nur äußerst schwer animieren, also beschließe ich, das iPad herauszuholen und meine Freundin Hexe Lilli für ein paar Momente übernehmen zu lassen. Wir setzen uns gemeinsam aufs Sofa. Er starrt ins iPad und ich sitze da und schaue meinem schlechten Gewissen ins Gesicht.

Meine Nerven liegen ziemlich blank an solchen Alleine-Tagen und ich weiß gar nicht so recht warum. Vielleicht weil mich mein schlechtes Gewissen da besonders fest im Griff hat und ich traurig bin, dass ich keine Familie hier habe. An der Familie kann ich nichts ändern, aber an meinem schlechten Gewissen. Das habe ich nämlich, weil ich meinen eigenen perfektionistischen Vorstellungen nicht gerecht werde. Wenn ich mich so umsehe bin ich sogar sehr weit davon entfernt 😉 Ich habe heute beschlossen meinem schlechten Gewissen den Kampf anzusagen. Es wird sicher nicht in Gänze verschwinden, aber ich möchte daran arbeiten. Denn ich habe wirklich ständig ein schlechtes Gewissen, wegen jedem Pups. Meine Hochsensibilität ist angeblich ein Verstärker für das schlechte Gewissen und den Wunsch es allen recht zu machen. Kann sein, wenn ich mir das heute so ansehe. Am Beispiel des heutigen Tages ein paar Punkte, die in mir ein schlechtes Gewissen auslösen: Pommes mit Ketchup, iPad, bei Regen keine Lust rauszugehen, der Boden ist nicht sauber, obwohl ich schon zwei Mal gewischt habe heute, der Mann kann nicht mal einen Tag weg, ohne dass hier Chaos ist, die Tochter muss ständig alleine umher robben, die Karotten sind nicht Bio, usw.

Warum das schlechte Gewissen abhauen soll? Ich kann die Dinge mit oder ohne schlechtem Gewissen tun. Das schlechte Gewissen erinnert mich daran, dass ich eine bestimmte Sache eigentlich nicht gut heiße – sie ist sowas das Warndreieck vor dem Unfall. Es hilft, nicht ungebremst in den Unfall reinzurasen, aber dran vorbei fahren tut man in den meisten Fällen trotzdem. Auf Deutsch: Ich möchte mein Verhalten natürlich reflektieren und prüfen, aber mich damit nicht unglücklich machen. Ich tue die gleichen Dinge wie vorher, nur mit weniger schlechtem Gewissen und versuche darauf zu vertrauen, dass ich eine gute Mutter bin. Vielleicht werden meine Alleine-Tage dann etwas entspannter für mich (und meine Kinder!).

Also los, schlechtes Gewissen, verzieh dich!

Bin ich froh, dass Morgen Sonntag ist, ey!

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2 Kommentare bei „Schlechtes Gewissen, verzieh dich!“

  1. Ich erkenne mich in deinen Beschreibungen ganz gut wieder 😉

    Man kann gewisse Erwartungen, die man an sich selbst stellt, nicht erfüllen. Dadurch ist man unzufrieden, erfüllt die eigenen Ansprüche noch weniger, ist noch unzufriedener, usw.

    So wie sich dein Text liest, machst du deine Sache als Mutter sehr gut, reflektierst und gibst dein Bestes.

    Mir hilft es oft, wenn ich mir meine negativen Gefühle (Ärger, Gereiztheit oä) zugestehe, oder eben die Tatsache, dass ich meine Ansprüche gerade nicht erfüllen kann zu akzeptieren versuche. Das gelingt mal mehr, mal weniger. 😉

    Ich wünsche euch einen schönen gemeinsamen Sonntag!

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Isabella, danke für deinen Kommentar! Danke für den Tipp, meine Gefühle in dem Moment zuzulassen. Ich glaube das ist der richtige Ansatz und wird mir bestimmt weiterhelfen! 🙂
      Dir auch einen schönen Sonntag, Jil

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