Sind zwei eines zu viel? – Gedanken zum zweiten Kind

Zweites Kind ja nein

Zweites Kind ja nein

Katharina von Geliebtes Kind Motzibacke möchte gerne wissen, wie das Leben mit zwei Kindern so ist. Nach dem heutigen Tag würde ich sagen: „Boah, überleg es dir gut!“ Und an anderen wiederum finde ich das Leben mit zwei Kindern sehr erfüllend. Aber lest selbst:

Es gibt Tage, an denen kann ich ganz wunderbar und ausgeglichen mit meinem Sohn auf dem Sofa sitzen und ihm etwas vorlese. Dann kann ich die Mutter sein, die ich sein möchte. Ihm beim Vorlesen liebevoll durch seine zarten Haare streichen und eine Atmosphäre schaffen, die uns ein Stück dieser Gewissheit der bedingungslosen Liebe schenkt. Momente, in denen wir gemeinsam unendlich stark sind und vor Liebe platzen könnten. Momente, die so selten geworden sind, dass wir sie beide tief in uns aufsaugen. Wir sitzen da, ich lese vor und H1 schmiegt sich an mich. Ich spreche in unterschiedlichen Tonarten, je nach dem welcher Protagonist etwas sagt und versuche so gut wie möglich die Stimmen von dem kleinen Bär und dem kleinen Tiger nicht durcheinander zu bringen. Die kleine Schwester, H2, wuselt währenddessen um uns auf dem Boden herum und ich erfreue mich an ihrer Selbstständigkeit, ihrer Stärke, ihrer Furchtlosigkeit. Sie macht ihr Ding und freut sich, dass wir da sind. „So ein tolles Mädchen“ denke ich und widme mich wieder dem Buch. Sie möchte sehen was wir tun und zupft am Buch. Ich erkläre ihr liebevoll, dass ich ihrem Bruder gerade etwas vorlese und nehme sie auf meinen Schoß, wo sie eher unruhig und kaum zu halten ist. Ich lese weiter, setze sie wieder auf den Boden. Sie sucht sich etwas zum Spielen, ich lese weiter und bin voller Zuversicht. „Das mit den zwei Kindern klappt doch ganz gut“, denke ich.

Es gibt Tage, an denen mir all das nicht gelingt. Ich habe keine Lust zu lesen, obwohl ich eigentlich sehr gerne lese. Eigentlich liebe ich es mit H1 zu lesen. Aber heute nicht. Irgendwie bin ich zu angestrengt und habe das Gefühl, meine Nerven sind schon ausgereizt. „Nein“ zu sagen gelingt mir in dieser ausgereizten Stimmung nur schwer und ich ertrage den Widerstand, den H1 mir entgegen setzt kaum, obwohl ich weiß, dass ich ihn aushalten sollte, weil ich ja gerade keine Lust habe. Authentisch sein und so. Aber ich lese dann doch; aus verschiedenen Gründen: Ich möchte H1 nicht schon wieder abwimmeln, ich lese eigentlich gerne, und habe die Hoffnung damit zu verhindern, dass er noch mehr von mir einfordert, wie zum Beispiel mit ihm Lego spielen. Und ich versuche einen Konflikt zu vermeiden, obwohl ich das selber völlig bescheuert finde. Aber vielleicht habe ich in fünf Minuten wieder mehr Kraft.
Ich lese also etwas widerwillig aber gebe mir Mühe, meine mir aufgetragene Rolle als Vorleserin so gut wie möglich auszuführen. Ich möchte H1 nicht zurückweisen und verspüre ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Er hat so wenig Zeit mit mir alleine, die er so gerne hätte. Er hätte sie nicht nur gerne, er leidet darunter, sie nicht zu haben. Verschiedene Stimmen für Tiger und Bär? Näh, heute nicht. Klappt eh nie perfekt und irgendwo verhaspel ich mich immer. Ich lese zu schnell, weil ich fertig werden möchte. H1 weiß natürlich von meiner Unlust und ist dadurch ebenfalls etwas genervt. Die Spitze der Genervtheit ist erreicht, als H2 sich anschleicht. Ich ahne das bevorstehende Drama zwischen H1 und H2 und lege einen Zahn zu beim Vorlesen. Wenn ich schnell fertig werde, muss ich keinen der Beiden zurückweisen. Aber es kommt anders. H2 zerrt am Buch und fordert meine Aufmerksamkeit. Ich weiß, dass sie hungrig ist, mich braucht und ich fühle mich hilflos, pessimistisch, gelähmt. Ich möchte gerne zu Ende lesen aber auch H2 spürt, dass ich meine Aufmerksamkeit nicht so auf sie richte, wie sie es fordert und beschwert sich verständlicherweise. Sie quäkt herum. Ich fordere H1 auf kurz zu warten und lege das Buch beiseite. H1 wird traurig. Er tut mir total leid, aber ich bin durch diese Situation innerlich so aufgewühlt, dass ich mein Mitgefühl kaum ausdrücken kann. Wir beenden das Lesen und H1 zieht traurig zum nächsten Spiel weiter. Alle sind irgendwie unglücklich und es ist meine Schuld. „Ich hätte nicht lesen sollen“, denke ich. „Ich werde all dem nicht gerecht. Zwei Kinder sind eines zu viel.“

 

An einem Tag ist alles toll, nichts kann mich stoppen und ich gehe zufrieden ins Bett. Am nächsten Tag ist alles blöd und ich habe keine Ahnung, wie ich das alles schaffen soll. Diesen extremen Gefühlslagen liegen so viele Kleinigkeiten zu Grunde, so viel Faktoren, die bewirken, dass ich gut oder schlecht gelaunt bin. Und dann kommt noch ein weiterer kleiner, hochsensibler Mensch daher, ebenfalls mit seinen Launen. Absolut unberechenbar. Die Hochsensibilität macht das Ganze also etwas.. „schwierig“. Deshalb bin ich vielleicht auch nicht die beste Referenz.

Aber eines weiß ich: Mit zwei Kindern ist das Leben so unglaublich erfüllend. Erst jetzt spüre ich hier so richtig „Leben“. Jetzt spüre ich, wie unterschiedlich Menschen aber auch wie bereichernd sie dennoch gegenseitig füreinander sein können. Ich bin dankbar, zwei Mal Mama geworden zu sein.

Liebe Katharina, wie auch immer ihr euch entscheidet, ich wünsche euch, dass es die richtige Entscheidung für euch ist!

 

f8792-signature

3 Kommentare bei „Sind zwei eines zu viel? – Gedanken zum zweiten Kind“

  1. Liebe Jil,
    vielen Dank für deine ehrlichen und aufrichtigen Worte. Ich verstehe dich, deine Gefühle und Denkweisen unheimlich gut. Wir sind uns sehr ähnlich und so bin ich mir sicher, dass ich denselben Kampf mit mir ausfechten werde und letztlich mit dem Gefühl nicht jeden Tag beiden Kindern gerecht werden zu können, aus dem Kampf herausgehen. Es wird mir das Herz zerreißen, dass eines meiner Kinder leiden muss, aber wie du so wundervoll geschrieben hast, wird es auch die Tage geben, die ganz anders sind, und an denen alle Zahnrädchen unseres Familienlebens wunderbar ineinandergreifen.
    Danke für deine Sicht der Dinge und Eure Erfahrungen. Ich wünsche Dir und deiner kleinen Familie alles Gute und werde euch auf deinem Blog begleiten. Ich wünsche Dir ganz viele dieser wunderbar funktionierenden Momente und das deine Nerven die Kehrseite aushalten und nicht überhandnehmen.
    Vielen Dank für deine Teilnahme an meiner Blogparade, mit diesem wunderbaren Artikel!

    Liebe Grüße,
    Katharina

  2. […] einen weiteren wundervollen Blog über meine Blogparade kennenlernen. Die liebe Jil und ihr Blog Von Herzen und Bunt nehmen mit einem Beitrag teil, der die positiven und negativen Momente im Leben mit zwei Kindern […]

  3. […] Mehr über meine „Gedanken zum zweiten Kind“ gibts hier. […]

Schreibe einen Kommentar