Sollte mein Kind von seiner Hochsensibilität wissen?

Umgang hochsensibles Kind

Sensibilität wird leider immer defizitär dargestellt. Sie ist etwas, das man abtrainiert oder runterbuttert. Sie wird als Schwäche angesehen, die es zu ändern gilt. Mit Sensibilität kommt man nicht weit – schon gar nicht weiter. Genau aus diesem Grund liegt es mir am Herzen über Hochsensibilität (HS) zu sprechen und aufzuklären. Zu zeigen, dass viele Menschen sensibel sind und es an der Zeit ist umzudenken und uns nicht länger etwas vorzumachen.

Als ich an passenden Fragen für die Interviewreihe „Hochsensible Kinder“ bastelte, stellte sich für mich heraus, dass mich eine Sache besonders interessierte, nämlich, ob das Kind von seiner HS weiß.

Wie die meisten mittlerweile wohl wissen, ist die HS nichts, was einer Diagnose bedarf. Es ist ein Wesenszug, der einen Menschen prägt, keine Krankheit. Hochsensible Menschen, sagt man, haben „feine Antennen“ und spüren/sehen/riechen intensiver.Umgang hochsensibles Kind

Ich habe mich hier über die HS von H1 lange zurückgehalten. Es war und ist mir wichtig, dass man ihm keinen Stempel aufdrückt – vor allem, weil mich der Blog auch offline einholt, was ich manchmal selber völlig vergesse. Familie, Freunde, Bekannte lesen hier mit und kennen H1. Er soll aber nicht darunter leiden müssen, dass ich über sein Wesen berichte. Und gleichzeitig ist mir ein offener Umgang mit der HS wichtig. Das hat eine Weile gedauert aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Sensibilität, die ich selber in mir trage und die auch H1 auszeichnet, etwas Bedeutsames ist. Etwas, was man nicht verschweigen muss und das es wert ist, darüber zu sprechen.

H1 soll, finde ich, wissen, dass er hochsensibel ist. Und das möchten wir ihm ganz offen, neutral und wertfrei vermitteln. Er spürt ohnehin, dass er in manchen Situationen intensiver fühlt als andere Menschen. Er sollte auch verstehen dürfen, was dahinter steckt und warum das so ist. So wissbegierig wie H1 ist, akzeptiert er nichts als die Wahrheit. Zudem gibt es ein sehr persönliches, wichtiges Argument, das dafür spricht, H1 von seiner HS zu berichten:

Ich selber wusste nichts von meiner HS. Wie oft ich mich gefragt habe, ob ich auf dem falschen Planeten gelandet bin! Ich lag als Kind sogar drei mit Bauchschmerzen im Krankenhaus, die sich niemand erklären konnte. Eine Summe von Ereignissen, die dazu führten, dass ich mich anders, irgendwann sogar falsch fühlte. Meine HS ist permanent übergangen worden und weil hochsensible Menschen sehr empfindsam sind, habe ich mich unendlich oft erniedrigt gefühlt. Ich brauche von allem immer viel – das klingt etwas blöd, aber ich werde es erklären: Ich brauche viel Liebe, um mich geliebt zu fühlen oder viel Anerkennung, um mich anerkannt zu fühlen. Ich habe deshalb sehr lange nie genug von dem gehabt, was ich brauchte. Dass das eine unheimlich und sehr fordernde Art ist, der man kaum gerecht werden kann, ist eine andere Sache.

Ich möchte H1 die Gelegenheit geben sich zu verstehen, mit seiner HS umzugehen. Gleichzeitig wünsche ich mir natürlich, dass er sich nicht falsch fühlt. Anders wird er sich fühlen, ob er davon weiß oder nicht. Das Gefühl „falsch“ zu sein ist es hingegen, vor dem ich ihn bewahren möchte. Auch mir als selbst hochsensibler Mensch fällt es nicht immer leicht, sein Verhalten zu respektieren, zum Beispiel, wenn er unentwegt jammert und weint und er mehr braucht als ich geben kann. Aber ich versuche ihm zu zeigen, dass es kein Defizit ist, sensibel zu sein. Dass man seine HS annehmen, darüber hinaus sogar nutzen kann. Ich drücke mich positiv aus, wenn er anderen Menschen gegenüber schüchtern auftritt und man mich fragt, was los ist. Ihm Wege aufzuzeigen mit seiner Art umzugehen ist mir wichtig genauso wie es mir am Herzen liegt, dass er sich akzeptiert fühlt.

Er ist gut so, wie er ist. Er ist wunderbar, gerade wegen seiner HS. Meiner Seele ist er unglaublich nah und ich wünsche mir, dass meine bedingungslose Liebe sein Herz erfüllen kann, so lange er sie braucht.

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4 Replies to “Sollte mein Kind von seiner Hochsensibilität wissen?”

  1. Wieder einmal ein toller Text und ein unfassbar schöner letzter Abschnitt <3!!!

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Dankeschön! 🙂

  2. „Eine Gabe ist, was dir gegeben ist – du kannst ein Geschenk oder eine Bürde daraus machen“. – Brigitte Schorr

    🙂 <3

  3. Ich finde den Text sehr schön und der letzte Satz geht mir (positiv) nah. Ich habe auch einen kleinen, sensiblen Sohn und ich glaube, die Seelennähe, von der du sprichst, ist etwas sehr sehr Besonderes, für das wir unfassbar dankbar sein können… ich spüre das auch zwischen uns. Eine Liebe, die es anders nicht gibt.
    Und du hast Recht: Anders wird er sich fühlen. Aber er wird sich gut dabei fühlen – und das ist das einzige, was zählt.

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