Sonntagskolumne: Ach Franz

Sonntagskolumne_AchFranz_Title

Als ich mit 19 Jahren und einem Auto voll mit meinem Krams nach München zog, hatte ich eigentlich keine Ahnung warum. Ich war von meinem zweiten Freund getrennt, mit dem ich dreieinhalb Jahre verbracht hatte. Zwei Jahre unserer Beziehung lebten wir mal mehr, mal weniger harmonisch im Dachgeschoss seines Elternhauses. Die letzten Monate waren anstrengend, weil wir getrennt waren, ich aber noch dort wohnte. Vielleicht wollte ich einfach weit weg? In München wollte ich dann jedenfalls studieren. So der Plan.

Wenn ich an München zurückdenke, erinnere ich mich gut an meine erste eigene Wohnung, eine stickige 23qm-Wohnung mit rosa Bad in der Maxvorstadt. Und an Franz.

Zukunftspläne

Wir waren beide mit der Schule fertig. Er wollte Jura studieren, ich Fotodesign. Er arbeitete nebenbei bei einem großen Münchener Herrenausstatter, ich ließ mich in einer klitzekleinen SEO-Agentur ausbeuten.
Es waren schöne, sonnige Tage, die wir teilten. Er zeigte mir die netten Läden der Stadt und schleppte mich auf wilde Verbindungspartys. Er mochte die Sportsfreunde Stiller, ich fand sie furchtbar. Wir tranken Bier, mal am Starnberger See und mal im Käferzelt auf dem Oktoberfest, mit seinen Münchener Schnöselfreunden. Und er passte auf mich auf.

Als irgendwann klar war, dass Franz in mich verliebt war, wurde es kompliziert. Ich war selber verliebt, allerdings in jemand anderes, der wiederum aber nicht in mich verliebt war. Wie das eben so ist.

Sonntagskolumne_AchFranz

Planänderung

Nach einem kurzem Dämpfer, verstanden Franz und ich uns weiterhin gut. Wir redeten nicht mehr über seine Gefühle für mich (Kurze Erinnerung: Wir waren 19 Jahre alt). Er begann Jura zu studieren, ich änderte meinen Plan und machte eine Ausbildung, weil ich eine Deadline fürs Studium verpasst hatte (Noch mal kurze Erinnerung: Ich war 19 Jahre alt). Als ich meine Ausbildung beendet hatte und mich für ein Studium in Heidelberg entschied, war der Abschied von Franz traurig.

Wir blieben in Kontakt, mindestens einmal im Jahr betrunken an Silvester. Darauf war wirklich Verlass. Ich glaube wir haben uns in der Studienzeit auch noch mal getroffen. Später haben wir unsere Abschlussarbeiten Korrektur gelesen.

Unsere Freundschaft war uns wichtig. Franz begleitete mich über Jahre und kannte mich. Zwar nicht gut, aber besser als die meisten Menschen zu diesem Zeitpunkt. Dass er mal in mich verliebt war hatte ich irgendwie vergessen oder verdrängt.

Ein Abschied

Bis wir an einem Silvesterabend ein bedrückendes Gespräch führten und mich die ganze Realität einholte, die ich vorher wohl verdrängt hatte:

„HEYYY JILLIE! Ein frohes neues Jahr wünsche ich dir!“
„Ach Franz, dir auch! Es ist so schön, dass es noch jemanden gibt, der mich ‚Jillie‘ nennt. Wie geht es dir?“
„..“
„.. Es ist so viel passiert! Ich bin jetzt verheiratet und schwanger!!“
„Was?! Du scherzt doch.“
„Doch, ehrlich!“
„TÜT TÜT TÜT“

Dieses Gespräch, das er so kurzerhand beendet hat liegt nun fünfeinhalb Jahre zurück. Es war mein letztes Gespräch mit Franz.

So platonisch wie ich dachte, war unsere Freundschaft dann irgendwie doch nicht.

Ich wollte dir nur mal eben sagen
Dass du das Größte für mich bist
Und sichergehen, ob du denn dasselbe für mich fühlst
Für mich fühlst

-Sportsfreunde Stiller

Es tut mir ziemlich leid, dass ich Franz‘ Gefühle verletzt habe. Auch wenn das nichts geändert hätte, glaube ich, dass es gut gewesen wäre, wenn wir einfach mal darüber gesprochen hätten statt zu hoffen, dass sich irgendwie irgendwann alles fügt. Auch wenn Franz wohl keine Mamablogs lesen: Ach Franz, es tut mir echt leid.

Und ich glaube, ich habe dazu gelernt. Jetzt. Einige Jahre später.

#fürmehrehrlichkeit

 

xo Jil

 

Mehr zum Thema Freundschaft gibts im Beitrag „An all die Freunde, die nicht mehr vorbei kommen“

1 Kommentar

  1. Ach die Jugendlieben, wie auch immer sie aussahen oder endeten, man vergisst sie nicht…

Schreibe einen Kommentar