Vegane Kinderernährung oder warum mein Sohn kein Veganer ist

Darf ich mein Kind vegan ernähren?

Mein Sohn war gerade 1,5 Jahre alt, als ich beschloss mich zukünftig vegan zu ernähren. Bis ich mich gänzlich darauf eingegrooved hatte, dauerte es eine ganze Weile. Es war zu Beginn eine große Herausforderung für mich, mich selber vegan zu ernähren; noch herausfordernder stellte sich dann die Ernährungsumstellung einer ganzen Familie dar. Ich handhabte es lange so, dass nur ich mich ausschließlich vegan ernährte. Seit einer Weile koche ich zu Hause für alle vegan. Wenn jemand etwas anderes essen möchte, ist er dafür selber verantwortlich.

Darf ich mein Kind vegan ernähren?

„Mama, warum isst du kein Fleisch?“

Super, auf diese Frage habe ich gewartet. Händereibend wollte ich gerade ausholen all das runterzubeten, was in meinem Kopf so vorgeht, wenn ich an das ganze Tierleid denke. Aber mein Sohn, H1, ist gerade vier Jahre alt und ich habe bis heute keine Erklärung, die ich ihm möglichst undogmatisch und neutral vermitteln könnte. „Weil Tiere leben möchten, Schatz!“ wäre eine sinnvolle Erklärung, die in mir aber auf etwas Widerstand trifft. „Weil es mir nicht schmeckt“.. ach nee, stimmt ja nicht. „Weil mich die Massentierhaltung ankotzt und ich nicht möchte, dass Tiere leiden müssen.“ Kommt meiner Überzeugung schon sehr nahe.

Warum ich kein Fleisch esse ist nämlich nicht, dass es mir nicht schmeckt und auch nicht, dass ich grundsätzlich dagegen bin, Tiere zu essen. Ich bin dafür, Tieren würdevoll gegenüber zu stehen, sie respektvoll zu behandeln und sie in unser Leben zu integrieren. Würde ich wissen, wo das Fleisch herkommt und wen ich da gerade esse.. Würde ich wissen, dass es dem Tier gut ging und es starb, weil es alt war, dann würde ich wohl auch ab und an mal Fleisch essen. Hätte, hätte, Fahrradkette! Ist eben nicht so. Ich weiß leider oft nicht, wo das Fleisch herkommt, wie der Bauer (wenn es überhaupt einen gibt) mit dem Tier umgegangen ist. Ob es aus reiner Geldgeilheit oder tatsächlich Altersschwäche sterben musste. Ob es in Würde sterben durfte. All das weiß ich nicht. Das Gleiche könnte ich jetzt für alle Milchprodukte fortführen, aber vielleicht lasse ich es lieber, bevor mir hier am Schreibtisch noch schlecht wird.

Ich möchte meinem Sohn nicht den Gedanken einpflanzen, dass es schlecht ist, Tiere zu essen. Das ist mir zu dogmatisch und diese Meinung vertrete ich wie gesagt auch nicht. Es fällt mir aber enorm schwer da eine „gesunde“ Erklärung zu finden, die meinem Sohn nichts in den Mund legt (haha), die ihn aber dennoch dazu anhält nachzudenken.

Mein Kind ist kein Veganer, weil er gelegentlich Fleisch, besonders aber Fisch essen möchte und ich ihm das nicht verbiete. Wie das Fleisch auf seinen Teller kommt, haben wir ihm erklärt, darüber spricht er auch und es stört ihn – scheinbar – nicht. Es scheint für ihn eher eine völlig natürliche und normale Sache zu sein. Er hat mit seinen vier Jahren die Vorstellung, dass das Fleisch auf seinem Teller von einer Kuh auf der Weide stammt, die einem netten Bauern gehörte, der das Tier geschlachtet hat. Also ohne das ganze Massentiergedöns. Ich komme vom Land, und dort gibt es tatsächlich noch Bauern, die ihre Kühe nur dann schlachten, wenn sie alt oder krank sind. Verrückt oder?! Kühe, die saftiges Gras essen durften und mit ihrer Familie auf der Weide lebten. Kühe, die beim Namen genannt werden. Und dennoch weiß ich, dass das, was er denkt nicht ganz der Realität entspricht. H1 belügen möchte ich nicht, aber ich möchte ihn eben auch noch nicht mit Massentierhaltung und dem ganzen Rattenschwanz hinten dran überfordern. Sein empathisches Gemüt würde eine solche Erklärung lange beschäftigen, wohlmöglich belasten. Sicher wird er in ein Alter kommen, in dem ich „besser“ mit ihm darüber sprechen kann, wie es den Tieren tatsächlich ergeht, die viele Menschen auf ihrem Teller liegen haben. Bis dahin lasse ich ihm seine „heile Welt“.

Wenn er dann im Alter ist zu verstehen, was da tatsächlich passiert, liegt es immer noch an ihm selber zu entscheiden, was für ihn richtig ist. Er soll selber in sich hinein hören, was dieses Wissen ihn ihm auslöst und ob er daraus eine Entscheidung ableitet. Genauso wie es mir wichtig ist, dass er selber entscheidet, was er bei welchem Wetter anzieht, ist es mir von Bedeutung ihn entscheiden zu lassen, was er isst und was nicht.

Ich spreche mich damit keineswegs von meiner mütterlichen Verantwortung frei, finde ich, denn es gibt Grenzen. Bei Schnee und Eis im T-Shirt draußen herumhüpfen ist nicht. Genauso kümmere ich mich darum, dass er möglichst wenig Billigfleisch oder Milch zu sich nimmt und wie oben geschrieben, koche ich zu Hause bis auf Ausnahmen ohnehin vegan.

Mein großer Wunsch ist es, dass er es mir irgendwann gleich tut und tierische Produkte aus freiem Willen heraus meidet. Denn so wie es mich friert, wenn er bei 15 Grad im T-Shirt draußen spielt, schmerzt mir das Herz, wenn er tierische Produkte isst.

So manche/r Veganer/in würde mir vielleicht kopfschüttelnd gegenüber stehen und Körperverletzung vorwerfen, weil ich meine Kinder nicht ausreichend vor tierischen Produkten „schütze“. Omnivore hingegen würden mir vorwerfen, ich würde meine Kinder mangelernähren. Tja. Und ich begebe mich mit diesem Beitrag so ziemlich auf dünnes Eis. Sicher ist aber:

Ich habe überhaupt keine Angst meine Kinder würden durch eine ausschließlich vegane Ernährung Mangel leiden, ganz im Gegenteil. Aber wäre es richtig, ihnen Fleisch und Milch zu „verweigern“, wenn sie es essen möchten? Ich weiß es nicht, deshalb frage ich:

Wie würdet ihr das handhaben oder wie handhabt ihr das, wenn ihr selber vegan seid? Darf ich meine Kinder tierische Produkte essen lassen? Oder bin ich eine Rabenmutter? 😉

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12 Replies to “Vegane Kinderernährung oder warum mein Sohn kein Veganer ist”

  1. Ich finde es wichtig, die Kinder zu sensibilisieren.
    Ich hätte mir als Kind Eltern gewünscht, die mir das erklärt hätten.
    Insbesondere im Hinblick auf den Klimawandel, der die nachfolgenden Generationen vor ein großes Problem stellt und der zu einem sehr hohen Prozentsatz durch tierische Produkte forciert wird, ist es wichtig, es in jedem Alter nicht als „normal“ darzustellen.
    Ich habe deshalb in meiner Kita das Buch „Max & Fine vorgelesen, dass kindgerecht den Zusammenhang zwischen Fleisch und Milch herstellt und konnte durch diese Geschichte über Freundschaft, Selbstvertrauen und die Empathie der kleinen Fine die Kinder sensibilisieren, über ihren Konsum nachzudenken.
    Ich denke, auch als Mutter bin ich es meinen Kindern „schuldig“, ihnen zu zeigen, dass es Alternativen gibt.
    Letztendlich macht man als Veganer doch nichts anderes, als seine eigenen Werte zu vermitteln, genau wie die omnivoren Eltern auch.
    Der Unterschied ist dabei, dass tierische Produkte zu verzehren, keine Wertevermittlung für mich ist, sondern nur dass, was wir selbst „anerzogen“ und vorgelebt bekommen haben, weil es eben schmeckt und das ist das einzige Argument.
    Meiner Meinung nach kann man mit Gewürzen und Kräutern auch andere Produkte ebenso schmackhaft machen.
    Eigentlich ist es paradox, denn Kinder würden Tieren, wenn sie sie lieb haben, nichts antun, damit sie auf dem Teller landen. Wenn sie eine Bindung zu einem Tier haben, entwickeln sie womöglich eine Transferleistung zu anderen Tieren, die ebenso leben wollen.
    Deshalb denke ich, ist eine Sensibilisierung so früh wie möglich wichtig, damit die Kinder das System als solches hinterfragen lernen.
    Dann ist der Grundstein für den Respekt gegenüber dem Leben allgemein gelegt. Das ist in unserer heutigen Zeit schwieirig und wenn man sich mit den Formen von Ausbeutung, Unterdrückung ( fängt schon bei den Frauen und Minderheiten an und findet den Endpunkt in unserem Verhalten den Tieren gegenüber) uusw.auseinandersetzt ( guter Buchtipp hierzu von Will Tuttle, Ernährung und Bewusstsein ) wird einem schnell bewusst, wie alles miteinander verflochten ist und man denkt ganz anders nach.
    Auch und insbesondere, wie man seinen Kindern das vermitteln möchte bzw. kann.
    Ich mache es als Mutter ähnlich wie Du, zu Hause gibt es ausschließlich rein veganes Essen und wir diskutieren viel, in der realen Welt da draußen tun die Kinder das, was sie denken, tun zu müssen.
    Aber immer wieder dafür zu sensibilisieren, kindgerecht, finde ich wichtig, denn wer hat sich als Kind denn bewusst entschieden, Fleisch zu essen?
    Liebe Grüße, Kerstin

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Kerstin, danke für deinen Kommentar und den Buchtipp. Du hast ganz recht, Sensibilisierung ist wichtig – auch mir!

      1. Liebe Jil!
        So habe ich das auch aus Deinem Artikel gelesen, dass Dir Sensibilisierung wichtig ist, Du aber Deinen Sohn nicht mit grausamen Bildern oder Details schocken möchtest, was ja vollkommen verständlich ist.
        Ich denke, es ist wichtig, dass wir als Eltern klar sind in unseren Entscheidungen,die wir für sie treffen wollen, dann können die Kinder auch gut damit umgehen.

        LG

  2. Moin,
    ich handhabe es ähnlich wie du. Für mich koche ich vegan, mein Mann is(s)t omnivor und unseren Sohn (20 Monate) ernähre ich vegetarisch. Allerdings bekommt er ab und zu von meinem Mann ein klitzekleines Stückchen Wurst oder Fisch.
    Einerseits habe ich zu viel Angst, dass er nicht all das bekommt, was er braucht. Und andererseits kann ich ihm schlecht etwas verbieten, was der Papa isst. Aber von mir bekommt er kein Fleisch, ich werde es ihm später aber auch nicht verbieten.
    Alles Liebe
    Claudia

  3. Hi Jil, wir sehen das ganz entspannt bei unseren Kindern. Wir essen zuhause alle vegan, wenn die Kinder aber alleine unterwegs sind, im Kindergarten oder in der Schule oder sonst irgendwo, dann essen sie das, was es dort gibt und was sie essen wollen. Ich weiß, dass sie beide kein Fleisch essen, das machen sie aber freiwillig – nur am Kindergeburtstag mal ein Würstchen. Ich schätze, da sind wir so im Allgemeinen ihre Vorbilder 😀 Ansonsten fragen sie nicht großartig nach, ob irgendwo tierische Produkte enthalten sind. Sie wissen mittlerweile auch, dass sie, wenn sie gesund bleiben möchten, manche Vitamine nehmen müssen. Wir lösen das prinzipiell über Tropfen, nur beim B12 haben wir hochdosierte Lutschtabletten von vitaminexpress, die wir ein, zwei Mal in der Woche nehmen. Schmecken wie Bonbons und kommen hier super an 😀 Nachdem wir das ganze nicht so eng sehen, klappt das mit unserer Ernährung wunderbar. Ich denke es ist wichtig, das ernährungstechnisch die Basis stimmt. Wenns zu dogmatisch wird, erzieht man kleine Außenseiter und das möchte man als Eltern ja tunlichst vermeiden (zumindest wir). Lg Alex

  4. Ich finde deinen Beitrag so gut und ich finde, du machst das ganz toll. Lass deinen Sohn das doch ausprobieren, geh mit gutem Beispiel voran und informiere ihn zu gegebener Zeit mehr zu dem Thema. Ich finde es bringt auch nichts ihn zur veganen Ernährung zu zwingen. Lass ihn ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Ich kenne viele Kinder die sich aus freien Stücken dazu entschieden haben kein Fleisch und teilweise auch keine Milchprodukte mehr zu essen.
    Liebe Grüße
    Steffi 🙂

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Steffi, vielen Dank für deine Antwort! 🙂 Ich bin etwas erleichtert, dass ich mit meiner Meinung nicht ganz alleine dastehe, denn unter den Veganern bin ich da ziemlich alleine auf weiter Flur 😀 Aber so wie es ist geht es bisher allen ganz gut damit und ich bin gespannt, wann H. realisiert, dass es auch anders geht. :* Jil

  5. Hallo Jil, mein Mann und ich leben seit langem vegetarisch. Da gab es für die Ernährung unseres Kindes auch erst mal keine Debatte
    Uns war klar, wenn er in die Pubertät kommt und die Zusammenhänge begreifen kann und die entsprechende emotionale und geistige Reife besitzt, soll er selbst entscheiden. (allerdings würden wir dann auch wohl mal ein Schlachthaus mit ihm besuchen, wenn er dann Fleisch essen möchte.)
    Als unser Sohn zweieinhalb Jahre alt war, haben wir daheim allesamt auf 99% vegan umgestellt und das hat ein Jahr super und ohne Probleme geklappt. Allerdings muss ich dazu sagen, dass mein Sohn im Kinderladen und überhaupt in der „Außenwelt“, also auch bei Freunden, Familie usw. alles außer Fleisch /Fisch essen darf.
    Erstens weil ich ihn nicht so extrem sozial isolieren wollte, zweitens weil er nicht ständig und überall das Gefühl haben soll, er müsste auf etwas verzichten (leider gibt es ja nicht ständig eine Vegane Alternative, eine vegetarische meist aber doch) und drittens habe ich selber unterwegs auch eher mal eine Ausnahme gemacht. Aus beiden vorherigen Gründen. 😮
    Mittlerweile sind wir seit 7 Monaten Nomaden auf Gemeinschaftssuche und essen oft an anderen Orten und mit anderen Menschen zusammen. Da kriegen wir das Vegansein nicht mehr so richtig hin
    Ich erlaube es mir zu diesem Zeitpunkt meines Lebens, nicht zu verbissen zu sein (ist wahrscheinlich eh immer gut), esse aber schon überwiegend vegan und bin ganz sicher: sobald wir irgendwann wieder ein richtiges Zuhause haben werden, kann ich auch wieder voll durchstarten und brauche die tierischen Produkte nicht mehr auf meinem Tisch zu haben.
    Ich glaube, meinem Sohn wird es nicht schaden, wenn er, bis er aus meiner Sicht alt genug ist, kein Fleisch isst. So bekommt er unsere Gewohnheiten und Werte mit und wenn er selbst entscheiden kann, dann werde ich alles akzeptieren, was er dann macht. Aber ich glaube nicht, dass er eines Tages vor mir stehen und sagen wird: „Das verzeih ich dir nie, Mama, dass du mir als Kind niemals Fleisch zu essen gegeben hast!“
    Schöner Blog übrigens, ich schau bestimmt mal genauer rein. 🙂 LG Jitka

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Jitka, toll, wie ihr das lebt! Das kann ich total nachvollziehen und ich finde es super, dass ihr das ebenfalls nicht ganz so dogmatisch umsetzt. Das erlebt man ja nicht ganz so häufig unter den Veganern 😉 Was genau macht ihr als „Nomaden auf Gemeinschaftssuche“? Das klingt spannend! Vielen lieben Dank für deinen Kommentar und deine netten Worte! 🙂

  6. Hallo Jil, wir haben letztes Jahr Job und Wohnung aufgegeben und touren seit 06/2017 mit einem gebrauchten Wohnmobil herum und sehen uns alternative Lebensgemeinschaften an. Unser Traum ist ein artgerechtes Leben unter Gleichgesinnten jenseits von Hamsterrad, Konsum und Abhängigkeiten vom großen System. Bisher war es sehr turbulent, da wir fortlaufend Probleme mit dem Auto haben, aber noch sind die Ersparnisse nicht komplett verbraucht und wir schauen, was 2018 uns nun bringt 🙂

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Das ist total spannend!!! Ich habe gerade auch deinen Blog entdeckt und lese heute Abend mal genauer 🙂 Hast du vielleicht Lust mal als Gastautorin mehr über eure Lebensform zu schreiben? Das fände ich großartig. Innerlich kann ich euren Weg absolut gut nachvollziehen und finde es sehr gut, dass ihr das auch umsetzt – denn daran scheitert es ja häufig 😉 Liebe Grüße, Jil

      1. Oh, danke für die Einladung zum Gastartikel. Ich glaube, dass würde ich schon gerne machen, wenn ich auch ein bisschen Ruhe bräuchte, mich zu ordnen. Ich kann ja bei Gelegenheit mal etwas vorbereiten und dann schaust du, ob das so für deine Seite passen könnte. Vielleicht hast du ja auch konkrete Fragen, dann könnte ich da natürlich direkt drauf eingehen. Erstmal alles Liebe und auf bald, Jitka

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