Vom größten Glück

Glueck

Früher dachte ich immer ich wüsste was Glück ist. Im Studium wurde ich „Glücksfee“ genannt, weil ich ein großes Interesse für die Positive Psychologie entwickelt habe und mich intensiv damit auseinander gesetzt habe. Ich weiß, was Menschen statistisch gesehen und theoretisch glücklich macht. Und es heißt, dass Kinder uns nicht unbedingt zu einem glücklicheren Menschen machen.

Dinner for one

Das konnte ich als ich frisch Mutter wurde total verstehen. Mein Baby forderte alle Aufmerksamkeit und Kraft, die mir zur Verfügung standen. Das Baby als Krönung der Beziehung? Pfff! So ein Blödsinn, also echt. Es blieb doch kaum noch Zeit für Beziehung! Nagut, ich hätte da sicher vehementer sein können, das gebe ich zu. Im ersten Babyjahr war mir aber überhaupt nicht nach zweisamem Dinner zumute. Zu müde, zu kraftlos, zu gelangweilt, zu überfordert, zu irgendwas.
Um es kurz zu machen: Glücklich fühlte ich mich als Mutter lange nicht – ganz im Gegenteil.

Meine glücklichen Zeiten waren irgendwie vorbei, dachte ich. So, so oft habe ich mich zurück in meine Studienzeit gesehnt. Das WG-Leben war größtenteils einfach gut. Ich hatte nette Menschen um mich, zu Hause und im Studium. Wir haben viel gelacht und noch mehr erlebt. Jeden Samstag schlenderte ich durch die Heidelberger Innenstadt und setzte mich in ein Café, um die Menschenmengen zu beobachten.

Seit ich Mutter bin schlendere ich nicht mehr. Nirgendwo hin. Jedenfalls nicht, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin. Und selbst wenn ich ohne sie unterwegs bin, werde ich dazu aufgefordert mal langsam zu machen. Kurzum: Ich stehe unter Dauerstrom.

Aus was Glück wirklich ist

Was mir hilft sind freie Abende und Meditationen.

Aber ganz gleich wie anstrengend der Alltag mit Kindern mir manchmal vorkommt, egal wie platt ich abends aufs Sofa falle und egal wie zerzottelt ich manchmal durch den Tag hetze:

Ich weiß jetzt, was Glück ist.

Hinter mir liegen echt die härtesten fünf Jahre meines Lebens, das kann ich mit Gewissheit sagen. Und ich erwähne es häufig, zugegeben. Nicht um damit zu Prahlen, sondern weil ich, ehrlich gesagt, von meiner eigenen Entwicklung beeindruckt bin. Es ist einfach unglaublich, wie sehr ich gewachsen bin. Ich musste echt viel lernen und verstehen. Über Kinder, über meine Kinder. Über mich, über das, was ich brauche. Über das, wonach ich mich sehne. Über Beziehung, über Ehe. Über alles.

Aber dann ist da dieser eine Moment, der mich so viel anderes vergessen lässt. Ein Moment, jeden Tag, der mich ehrfürchtig werden lässt und Vieles, was der Tag so brachte in die Ferne rückt.

Dieser eine Moment, wenn ich abends mein Schlafzimmer betrete. Da liegen zwei kleine Wesen, die (meist) friedlich schlafen. Jeden Abend freue ich mich riesig mich neben die beiden zu kuscheln und einzuschlafen. Auf, sagen wir mal, 50cm Bett verbringe ich die Nacht, mal mehr und mal weniger ruhig. Aber immer glücklich.

In diesem Glücksmoment erscheinen viele Ereignisse, die uns der Tag, der nun hinter uns liegt, brachte so klein und bedeutungslos. Ich mache mein Nachtlicht an, auf die Gefahr hin, dass der heilige Schlaf meiner Kinder etwas seichter wird. Ich lege mich neben sie und starre sie an. Jeden Abend tue ich das. Ich starre und liebe. Ich streichle und denke. Ich spüre in mich hinein und könnte vor Glück platzen, einfach, weil die beiden da sind. Ganz gesund, voller Wissbegierde und Liebe.

Verstehen Sie Glück?

Mit irritierten Augen sehen mich manche Bekannten an, wenn ich ihnen unsere Schlafsituation schildere. „Boah, da könnte ich gar nicht schlafen. Ich brauche mein eigenes Bett“ höre ich und kann es nicht mehr hören. Nicht, dass ich das nicht glauben könnte. Ich glaube das sehr gerne und ich kann es sogar nachvollziehen. Für mich ist diese ganze Sache mit dem Familienbett auch weniger dogmatisch als es klingt. Ich bin da nämlich einfach so reingerutscht! 

Aber jetzt, jetzt frage ich mich tatsächlich, wie man überhaupt schlafen kann, wenn die Kinder nicht neben einem liegen. Ja ja, ich werde sie schon nicht anketten, keine Sorge! 😉 Neben ihnen, oder wenigstens mit ihnen im gleichen Raum schlafe ich so viel entspannter als alleine. Tatsächlich!

Ich meine, ich freue mich auf die Abende, die ich in meinem eigenen Bett gammeln und fernsehen kann, keine Frage. Das mach ich nämlich einfach unheimlich gerne und ich glaube, das wird mein Trost sein.

Nur zu gut verstehe ich, in der Theorie, dass Kinder nicht unbedingt einen glücklichen Menschen aus uns machen. Sie werfen alles über den Haufen, was vorher war. Sie verändern unsere Vorstellung von Liebe, Beziehung, Elternschaft. Und trotzdem sind wir irgendwie noch die Alten, nur älter. Das ist nicht unbedingt die Definition von Glück.

Irgendwie aber auch schon. Denn auch, wenn sich das Glück vielleicht nicht in seiner Reinform oder wenigstens so, wie ich es mir vorgestellt habe, präsentiert, so bin ich im Grunde sehr glücklich. Weil Glück manchmal anders aussieht als es sich anfühlt.

Nicht alles in meinem Leben läuft glücklich. Nicht alles, was ich tue ist glücklich. Nicht alles, was ich sage ist glücklich. Aber ich bin glücklich im Herzen. Zwei kleine Menschen führen mich immer wieder zum Glück, weil ich es zulasse. Es sind die kleinen Dinge, die zum Glück beitragen. Zum Glück, das von Außen kaum erkennbar sein mag, aber für mich die Welt bedeutet.

Dieser Moment zum Beispiel, wenn ich spät abends neben meinen Kindern ins Bett falle und mich vollkommen fühle. Das ist Glück. Das größte Glück. Von außen kaum zu erkennen und einfach unbeschreiblich.

Außer meinen Kindern könnte mir niemand und nichts auf der Welt jemals so deutlich zeigen, was Glück bedeutet.

 

xo Jil

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