Warum Hochsensibilität und Abstempeln nicht in eine Schubladen gehören

Kinderabstempeln

Ich lese häufig Beiträge, in denen es darum geht, dass wir Kinder abstempeln, über sie urteilen und sie in irgendeine Schublade stecken, in denen sie höchstwahrscheinlich nichts verloren haben. Stimmt es, dass wir unsere Kinder abstempeln?

In diesem Zusammenhang stolpere ich außerdem immer wieder über Hochsensibilität und jedes Mal zucke ich innerlich zusammen.

Erst denken, dann stempeln

Verhält sich unser Kind anders als andere, neigen wir schnell dazu nach Erklärungen zu suchen. Wir haben das Gefühl, dass nur unser Kind sich so verhält und gewinnen den subjektiven Eindruck, unser Kind falle völlig aus dem Rahmen. Es wird verglichen was das Zeug hält. Isst unser Kind so viel wie andere? Spricht unser Kind so gut wie andere? Kann unser Kind genauso gut xyz (bitte hier die gewünschte Fähigkeit eindenken) wie andere?

Der Druck von Außen scheint ebenfalls ein Faktor zu sein, der dazu führt, dass wir unsere Kinder vergleichen. Und erst im Vergleich oder Gespräch mit anderen kommen uns plötzlich Zweifel, wo eigentlich keine sein sollten.

Wir fallen ständig über Begriffe, die Auffälligkeiten inplizieren, wie zum Beispiel „Asperger Syndrom“ oder die „Hochsensibilität“. Natürlich werden wir, auch aufgrund der enormen Informationsdichte, aufmerksam und geraten vielleicht leicht ins Grübeln ob wirklich alles in Ordnung ist oder wir bei unserem eigenen Kind vielleicht schon jahrelang etwas übersehen?
Erschwerend kommt hinzu, dass Individualität keine Tugend (mehr) zu sein scheint. Mit vier Jahren sollten sie auf einem Bein hüpfen können, mit sechs Jahren am besten schon das Seepferdchen gemacht haben usw. Platz für „Ausreißer“ gibt es nicht. Kinder sollten sich möglichst konform verhalten. Wer aus dem Rahmen fällt und „anders“ ist, mit dem stimmt etwas nicht. Es wird pathologisiert was das Zeug hält. Dieser Gleichschritt, dem wir uns da unterwerfen, macht mir offen gesagt große Angst.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Studienkollegen, der bereits ein Kind hatte und ziemlich treffend, gleichzeitig aber ernüchtert formulierte: „Ich finde es sehr schade, dass wir Eltern alle vergessen haben auf uns selber zu vertrauen und stattdessen lieber Ratgeber wälzen. Eltern zu sein ist doch etwas ganz Natürliches.“ Diese Worte waren sehr einprägsam für mich, denn sie begleiten mich nun schon eine Weile. Ich berichtete auch darüber, als ich selber mich von Erziehungsratgebern entfernte.

Aber zurück zum Kern: Es erschreckt mich, zu welchen harten, oft übereilten Urteilen wir für unsere Kinder kommen. Gefühlt hat jedes Kind eine andere Besonderheit. In einem gewissen Rahmen kann ich darüber lächeln, aber wenn es um ernsthafte Diagnosen wie das Asperger Syndrom geht, sollten wir alle mal etwas die Füße still halten und gut darüber nachdenken, was wir da eigentlich behaupten. Es macht einen großen Unterschied ob es darum geht ein Kind zu verändern, es an die Norm anzupassen, wie zum Beispiel durch den Besuch beim Logopäden oder Ergotherapeuten oder ob es darum geht mit einer Krankheit (Asperger) oder einem Wesenszug (Hochsensibilität) zu leben.

Die Hochsensibilität, du ahnst es vielleicht, ist es, worauf ich meinen Fokus im weiteren Verlauf des Beitrags setzen möchte.

Hochsensibilität als Modeerscheinung oder Alleinstellungsmerkmal?

Dieser besondere Wesenszug ist weder Mode, Alleinstellungsmerkmal noch Einbildung. Auch lässt sie sich nicht ändern; wer hochsensibel ist, ist hochsensibel. Ein „bisschen“ hochsensibel gibt es genauso wenig wie ein „bisschen“ schwanger.

Der Begriff der Hochsensibilität sollte mit Vorsicht behandelt werden und ich wünsche mir, dass sich durch die lapidare Verwendung, verbunden mit viel zu viel Halbwissen niemand, der tatsächlich hochsensibel ist, verunsichern lässt.

Wir Eltern hochsensibler Kinder sind zunächst lange auf der Suche nach einer Erklärung, dabei steht nicht die Motivation sein Kind abzustempeln im Vordergrund. Wir sind verzweifelt, überschreiten permanent die eigenen Grenzen um unserem Kind gerecht zu werden. Wir suchen Gleichgesinnte, Unterstützung und informieren unser über mögliche Hilfsangebote. Wir zählen nicht zu den Eltern „eigentlich völlig normaler Kinder“ die vielleicht mit zwei Jahren und einem Monat keine Zwei-Wort-Sätze zustande bringen und deshalb irritiert und auf der Suche nach Abhilfe zum Logopäden laufen.

Eltern mit hochsensiblen Kindern spüren, dass ihr Kind „irgendwie anders“ ist.

Nicht, weil wir uns das gerne einreden oder mit der Hochsensibilität kokettieren möchten, sondern weil dem so ist. Weil wir in uns hinein spüren und (zum Glück!) erkennen, dass wir ein Kind mit besonderen Fähigkeiten haben. Ein Kind, das vielleicht als Baby schon auffällig viel geschrien hat und unter sog. „Regulationsstörungen“ gelitten hat und/oder das schon immer schlecht geschlafen hat. Wir suchen unter Umständen sogar die frühen Hilfen oder Schreiambulanzen auf, weil wir absolut am Rande unserer Kräfte und verzweifelt sind. Das tun wir gewiss nicht, weil uns gerade danach ist.

Es gilt dabei unser Kind zu verstehen. Wir möchten unserem Kind (und uns!) helfen. Es geht nicht darum unser Kind an die Norm anzupassen oder es zu einem nicht hochsensiblen Kind zu machen.

Korrelation my a**

Die Tatsache, dass es immer mehr hochsensible Kinder zu geben scheint ist völlig unabhängig von der Tatsache, dass immer mehr Eltern ihren Kindern gerne Stempel aufdrücken und sie in Schubladen stecken.

Diese beiden Phänomene mögen zeitgleich auftreten, haben deshalb aber noch lange nichts miteinander zu tun. Ich kann zwar nicht mit Gewissheit sagen, was dazu führt, dass Eltern ihre Kinder immer öfter abstempeln, aber ich weiß, warum es immer mehr hochsensible Kinder gibt. Und das hat nichts mit Abstempeln zu tun.

Apropos Abstempeln: Als Eltern eines hochsensiblen Kindes stecken wir tatsächlich in einem Dilemma: Sprechen wir darüber, wird das Kind vom Umfeld unter Umständen abgestempelt. Sprechen wir nicht darüber, laufen wir Gefahr, dass unser Kind in Situationen gerät, mit denen es schlecht umgehen kann und in denen es für das Umfeld sinnvoll gewesen wäre Kenntnis über die Hochsensibilität gehabt zu haben.

Ganz egal ob unser eigenes Kind hochsensibel ist oder eines, das wir kennen: Sie gehören, wie alle anderen Kinder auch, nicht in eine Schublade.

Es gibt übrigens einige Studien, die besagen, dass Kinder, deren Lehrer sie zum Beispiel als unklug einschätzen, sich auch unklug verhalten, egal wie schlau sie tatsächlich sind. (Leider habe ich gerade die Quelle nicht zur Hand aber ich suche sie gerne raus!) Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass wir unseren Kindern, die sich jeden Tag verändern und Neues entdecken Platz lassen sie selber zu sein und sich selber zu finden. Unabhängig davon ob ein Kind groß, klein, dick, dünn, sensibel, begabt oder sonst etwas ist, jedes Kind hat es verdient, dass man es vorbehaltlos ansieht – jeden Tag.

Gleichklang

Tief in unserem Eltern-Herzen, da bin ich mir sicher, spüren wir so viel. Da gibt es weder Stempel noch Urteile. Wir müssen nur wieder lernen hinzuhören und uns selber zu glauben. Vertrauen in unsere Kinder zu haben. Vertrauen in uns selber zu haben, auch wenn es darum geht unsere Kinder tragen, stillen oder in unserem Bett schlafen lassen statt den Vergleich mit anderen Eltern und Kindern anzustreben.

Jede Familie ist, so wie sie ist, einzigartig. Familie kann nur dann gelingen, wenn wir alle wir selber sein dürfen und auf unser Herz hören dürfen. Denn:

Die besten Wege sind die, auf denen unser Herz uns leitet. Auf denen es weder Stempel noch Skalen gibt sondern einfach nur Herzen, die zusammen gehören und im Gleichtakt schlagen.

 

Wie seht ihr das? Wie sind eure Eindrücke?

xo Jil

 

Tolle Artikel zu diesem Thema hat Susanne geschrieben:

„Schublade auf, Eltern rein, Schublade zu“

„Für weniger Schubladen… – die andere Seite der Geschichte“

„Mein Kind ist“

3 Kommentare

  1. Anka sagt: Antworten

    Welch ein wundervoller Bericht! All das was du berichtest, beschreibt unseren Weg. Ich kann so sehr nach empfinden was du da schreibst. Wie es anfing und wo wir jetzt stehen!
    Dennoch gibt es immer wieder Momente der Verunsicherung! Irgendwann treten wieder Menschen in das Leben (Kinderarzt bei der Vorsorge, Erzieher …), die einen verunsichern ob wirklich alles in bester Ordnung ist. Ich wünsche mir dass wir weiter an unseren Erfahrungen wachsen. Denn irgendwann haben wir angefangen auf unser Herz zu hören und entgegen den Empfehlungen zu handeln und siehe da die Ergebnisse sind beeindruckend. Wir haben ein wundervolles, glückliches, hochsensibles Kind.

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Anka, vielen Dank für deinen lieben Kommentar! 🙂 Es freut mich total zu hören, dass es euch hilft, auf euer eigenes Gefühl zu vertrauen <3

  2. Liebe Jil,
    ich stolpere auch immer über das Wort Modeerscheinung…Ich freue mich,dass das Thema heute viel bekannter ist als in unserer Generation. Bei mir brauchte es 20 Jahre bis ich überhaupt wusste, dass ich hochsensibel bin. Diese Zeit war mit so vielen Zweifeln und Selbstvorwürfen verbunden,bei der heutigen Generation ist dieser Weg vermutlich nicht so lang.Dafür ist das Thema manchmal fast schon negativ behaftet,weil es eben so präsent ist. Ich sage dann oft nur,dass ich z.B.sehr geräuschempfindlich bin und vermeide das Wort hochsensibel.Gar nicht so einfach mit allem umzugehen 🙂

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