Weil die Bedürfnisse unserer Kinder Beachtung verdienen

Weil die Beduerfnisse unserer Kinder Beachtung verdienen_Hochsensibilitaet

Na komm, steh auf, so weh kann das jetzt ja nicht getan haben!

Wenn ich so etwas höre, zucke ich (gedanklich) immer zusammen. Wie kommen Eltern auf die Idee beurteilen zu können, ob dem Kind etwas weh tut? Es erschreckt mich, wie wenig ernst kindliche Gefühle und Bedürfnisse genommen werden. Als ob sie weniger wert wären oder man sie durch ausreichend Nichtbeachtung gleich ganz ausschalten könnte.

Indianer kennen keinen Schmerz!

Immer wieder werden Kinder beim Sprechen unterbrochen. Eigentlich erlebe ich das täglich. Die Königsdisziplin scheint das Herunterspielen von Gefühlen zu sein. „Ach, ist doch nicht so schlimm.“ oder „Stell dich nicht so an.“ oder „So weh kann das gar nicht tun.“

Oder ihnen werden Bedürfnisse abgesprochen. Der Spielplatz zum Beispiel ist ein Paradies der untersagten Bedürfnisse. Kinder sollen ihr Sandspielzeug teilen, obwohl sie es nicht möchten. Oder es werden irgendwelche erniedrigende, sinnlose Diskussionen von „Ich will vs. ich möchte“ vorgeschoben. „Bitte und danke“ ist auch immer wieder ein Thema. Und wenn das Kind dann ein „Ich MÖCHTE BITTE“ über die Lippen bringt, erwägen scheinbar einige Eltern zunächst mal die Wichtigkeit des Bedürfnisses ab um erst dann zu entscheiden, ob sie dem nachkommen möchten oder nicht. Das ist unglaublich erniedrigend.

Vielleicht bin ich aber auch einfach sehr empfindlich? Man sagt von hochsensiblen Eltern häufig, sie würden sich mit ihren Kindern in (zu) hohem Maße identifizieren. Das möchte ich nicht abstreiten und in der Tat geht es mir oft so, dass ich sehr stark mit meinen Kindern fühle. Als falsch empfinde ich das allerdings nur sehr selten. Ich frage mich eher:

Was bringt Eltern überhaupt dazu, ihre Kinder so zu behandeln? Was führt zu der (unterbewussten!) Annahme, dass kindliche Gefühle und Bedürfnisse weniger wert sind als die eigenen? Sind es prägende Erfahrungen der Nichtbeachtung aus der eigenen Kindheit? Ist es gesellschaftlicher Druck? Ist es Überforderung? Eine Mischung aus all dem?
Die Angst davor, dass Kinder „schwach“ sind, scheint jedenfalls groß zu sein. Gleichzeitig sollen Kinder aber auch nicht in den Genuss von zu viel Macht kommen..

Als hochsensible Mutter habe ich mich lange schwer damit getan nicht jedes Bedürfnis meines Kindes befriedigen zu können. Etwas überspitzt gesagt habe ich meinem Kind früher fast jedes Bedürfnis von den Augen abgelesen. Ich war einfach sehr lange in Hab-Acht-Stellung; eine Art allzeit bereite Mutter. Das führe ich auf die erste Zeit mit Baby zu Hause zurück, die unglaublich anstrengend, mit viel Schreien und wenig Ruhe einherging. Mein hochsensibles Baby/Kind, so dachte ich, würde nur glücklich sein können, wenn ich permanent auf seine Bedürfnisbefriedigung achte.
Inzwischen weiß ich, dass ich nicht jedes Bedürfnis meiner Kinder befriedigen kann/muss/soll. Das bedeutet aber nicht, dass ich den Bedürfnissen keine Beachtung schenke. Genau diese Beachtung der Bedürfnisse sind mir sehr wichtig, auch, wenn das mitunter wirklich kräftezehrend, manches Mal auch wirklich nervig sein kann. High Need Kinder und hochsensible Kinder haben nämlich, wie der Name schon sagt, viele und starke Bedürfnisse und Empfindungen. Max weint, besonders wenn er überreizt und müde ist, sehr schnell. Auch, wenn ihm und seinen Gefühlen immer liebevoll gegenüber treten möchte, manchmal bin auch ich genervt. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihn irgendwo auf dem Spielplatz zusammengekauert und weinend liegen lasse.

Kindliche Bedürfnisse haben zu jeder Zeit unsere Beachtung verdient.

Bedürfnisse und Gefühle erkennen vs. Bedürfnisbefriedigung

Wir müssen unseren Kindern nicht jedes Spielzeug kaufen, das sie gerade gerne hätten. Wir müssen auch nicht alles nachempfinden können, was sie fühlen. Egal ob wir das Gefühl oder Bedürfnis unserer Kinder nachvollziehen können, sollten wir doch darauf reagieren. Es geht mir darum, dass wir die Bedürfnisse und Gefühle unserer Kinder sehen und ernst nehmen, statt sie zu ignorieren oder gar zu verspotten. Ignoranz und Spott sind wohl mit die schlechtesten Mittel der Wahl, die Folgen sind weitreichend (darüber könnte ich noch so viel schreiben!).

Wenn ein Kind beim Sprechen unterbrochen wird, hat es nicht weniger zu sagen. Wenn ein Kind sich weh getan hat, tut die Verletzung nicht weniger weh, weil jemand sagt, dass es weniger weh tun soll.

 

Mich interessiert sehr, wie ihr das seht. Beobachtet ihr das auch? Bin ich zu empfindlich?

Wenn ihr mehr von mir lesen möchtet, empfehle ich euch meinen Beitrag „In Form gepresst„.

7 Replies to “Weil die Bedürfnisse unserer Kinder Beachtung verdienen”

  1. Liebe Jil, ich finde das auch sehr wichtig, dass wir die Gefühle und Bedürfnisse unserer Kinder und auch unsere eigenen wahrnehmen. Das heisst nicht, dass wir ihnen auch nachgeben oder Rechnung tragen. Aber Beachtung haben sie unbedingt verdient. Wir können das wohl so schlecht, weil wir hier noch in den Anfangs-Trainings-Phasen stecken. Wer hat dafür schon von seinen Eltern Beachtung erhalten? Ich denke das sind neue Ansichten, wichtige und schöne Ansichten und ein Umdenken findet statt. Langsam und es braucht Zeit. Zum Thema Machtgefälle habe ich auch gerade einen Artikel veröffentlicht unter http://www.elternkind.ch/blog. Der könnte Dich interessieren, liebe Jil. Es geht um das Thema Zwang, jemanden zu etwas bringen zu wollen oder auch einfach das Machtgefälle, das wir Eltern gerne unbewusst ausspielen. Herzliche Grüsse, Céline von Elternkind.ch

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Céline, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich schaue gleich mal rein! 🙂

  2. Liebe Jil,
    danke für deine Gedanken, ich fühle mich gerade ganz erleichtert zu wissen, dass es jemandem ganau so geht wie mir! Ich kann alle deine beschriebenen Gedanken und Gefühle nachempfinden!
    Auch ich identifiziere mich wohl zu oft und zu sehr mit meinen Kindern, zusätzlich projeziere ich auch noch Gefühle meines eigenen inneren Kindes auf sie, weshalb es mir unglaublich schwer fällt, zu akzeptieren, wenn Kindern ihre Gefühle abgesprochen werden.
    Ich denke: ja wir sind empfindlich!
    Aber zu empfindlich? Nein!

    Liebe Grüße,
    Carlotta

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Carlotta, ich glaube besonders sensible Menschen haben auch ein besonderes Gespür für den Umgang mit anderen Menschen; vielleicht ein besonderes Feingefühl. Eine wunderbare Sache, die viele Menschen an sensiblen Menschen sehr schätzen. Dazu gehört eben, wie du sagst auch, dass es nur schwer zu ertragen ist, wenn mit Kindern so „falsch“ (nicht urteilend gemeint) umgegangen wird.
      Genau, zu empfindlich sind wir nicht. Wir sind perfekt 😉
      Liebe Grüße und danke für den lieben Kommentar, Jil

  3. Liebe Jil,
    ich habe deinen Artikel mit sehr gemischten Gefühlen gelesen. Ich stimme dir zu, dass wir den Gefühlen und Bedürfnissen unserer Kinder viel Achtung und Wertschätzung entgegenbringen sollten, aber ich finde es hat auch seine Grenzen. Grenzen die mir wichtig sind, dass sie eingehalten werden. Denn ich möchte auch noch „jemand“ sein und nicht NUR Mama, die sich immer und ständig weit hinter den Kindern anstellt. Ich möchte meinen Kindern vermitteln, dass auch ihr Gegenüber ebenfalls Bedürfnisse, Gefühle und auch Schmerz empfinden, die sie bitte ebenfalls lernen sollen zu erkennen, es anhand meinen Reaktionen und Äußerungen anzunehmen und diese zu respektieren. Ja, ich unterbreche ihre Sätze, wenn ich mal 5 Sätze am Stück mit Papa wechseln möchte, mal ein wichtiges Telefonat führen muss oder eben auch mal 2 Minuten Ruhe brauche. Ist das zu viel verlangt? Sie haben am Tag 12 Zeit mir alles zu erzählen und zu sagen was sie wollen, dann sollen sie bitte auch respektieren, wenn ich ihren Bedürfnissen in Summe mal 10 Minuten nicht entgegenkommen WILL.
    Ich reagiere auch nicht immer sofort auf jedes weinen der Kinder, ich höre es, wenn es schlimm ist und dann sprinte ich, egal wie. Sie weinen oft aus Trotz, weil sie sich über ihre Geschwister ärgern, weil der Tag anstrengend war oder sich die Erde in dem Moment falsch dreht, die Banane falsch gebogen ist… Ich habe 3 Kinder (14 Monate, 3 Jahre und 4,5 Jahre) , 3 starke kleine Persönlichkeiten mit enormen Willen und die Große mit einem unbändigen Drang IMMER etwas zu wollen. Da läßt es schon meine Kraft und meine Zeit nicht zu, immer sofort zu reagieren. Außerdem möchte ich sie auf die Welt außerhalb unserer geborgenen Familie vorbereiten und die holt sie schneller ein, wie mir lieb ist, damit meine ich die Schulzeit,…

    1. vonherzenundbunt sagt: Antworten

      Liebe Iris, ich hoffe ich habe dich nicht auf dem falschen Fuß erwischt. Dass es Grenzen gibt, die eingehalten werden sollten und zum Wohlbefinden aller auch müssen, habe ich nicht abgestritten. Das wollte ich mit meinem Beitrag auch nicht sagen, ganz im Gegenteil. Schau gerne mal in meinen Beitrag „Kindergartenfrei oder Ganztagesbetreuung“
      Mir geht es auch auf keinen Fall darum, dass zu jeder Zeit die Bedürfnisse unserer Kinder Vorrang haben. Vielleicht magst du es dir noch mal in Ruhe durchlesen. Mir ging es vielmehr darum, dass ich es wichtig finde, dass die Bedürfnisse gesehen werden – nicht unbedingt sofort befriedigt werden. Ich glaube die ständige sofortige Bedürfnisbefriedigung ist ganz und gar nicht sinnvoll. Die Bedürfnisse und Gefühle aber hinzunehmen und dem Kind zu zeigen „Ich habe dich und dein Bedürfnis wahrgenommen“, das ist das, was ich wichtig finde.
      Max und Luise müssen hier auch warten, wenn wir am Tisch sitzen und uns mal für drei Minuten „in Ruhe“ unterhalten möchten. Ich sage dann meist sowas wie „Ist okay, jetzt möchte ich mit Papa fertig sprechen“ oder sowas. Von Erfolg ist das, du kannst es dir denken, nicht immer gekrönt. Aber es wird besser 😉
      Wie du schon schreibst, das lässt die mütterliche Kraft nicht zu, ständig andere Bedürfnisse vor die eigenen zu schieben. Ich stimme dir vollkommen zu.
      Ich hoffe ich konnte etwas Klarheit schaffen 😉

  4. Ich finde, du sagst sehr viel Wares. Eltern verlangen oft Dinge von ihren Kindern, die sie selbst nicht einhalten (wie z.B. nicht unterbrechen oder so).
    Aber ich glaube, man muss auch nicht immer rennen und dieses „ist doch nicht schlimm“ ist nicht als „herunterspielen“ gemeint, sondern als Beruhigung. Manchmal fallen Kinder und beobachten- wie reagiert Mama? Wird sie panisch, schreit das Kind. Bleibt sie cool, steht das Kind auf und spielt weiter. Das ist natürlich nicht pauschal so, aber ich unterstelle jetzt jedem Mal, dass er mit ein bisschen Verstand erkennt, was schlimm ist und was nicht 🙂
    Dieses „Ist doch nicht so schlimm“ krieg ich teilweise heute noch als Beruhigung zu hören und ganz ehrlich, manchmal brauche ich das auch 😀
    Natürlich ist das auch keine Pauschalantwort und bei wirklich schlimmen Dingen kein Trost, aber ich denke, eine Mutter, die ihr Kind gut kennt, erkennt, was schlimm ist und was nicht 🙂
    Liebe Grüße und schönen Sonntag 🙂

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