Wenn alles zu viel und viel zu wenig ist – Aus dem Leben mit hochsensiblem Kind

Ängste und Anerkennung von hochsensiblen Kindern

H1, unser hochsensibler Sohn, braucht Nähe. Er braucht unglaublich viel Nähe. Und das, obwohl er nicht einmal gerne kuschelt. Nähe und Aufmerksamkeit sind die Dinge, die seine kleine, zerbrechliche Seele nähren. Aber er braucht nicht Nähe und Aufmerksamkeit im „gewöhnlichen“ Ausmaß, so wie alle anderen Kinder auch. Nein, er braucht mehr.

Leben mit hochsensiblem Kind

Vergiss mich nicht!

H1 hat zum Beispiel große Sorge vergessen zu werden. Wir haben ihm, natürlich nur soweit ich das beurteilen kann, nie einen Anlass dazu gegeben. Aber vielleicht weiß seine kleine Seele auch mehr als wir. Aufgrund der Babyzeit mit ihm haben wir was seine Bedürfnisse angeht aber ohnehin schon sehr feine Antennen. Wir reagieren immer, wenn etwas ist. Und wir handeln meist schon proaktiv, weil wir wissen, dass er, wenn wir zu spät reagieren, denkt, wir hätten ihn vergessen. Wenn zum Beispiel sein Wasserglas leer ist und er uns darauf hinweisen muss, dass er kein Wasser mehr im Glas hat, fühlt er sich bereits von uns vergessen.

Ich, die Helikopter-Mutter

Durch meine eigene Hochsensibilität bin ich im Grunde eine ziemliche Meisterin im Erkennen seiner Bedürfnisse und wir tun wirklich alles um ihm zu zeigen, dass wir da sind. Ich renne sofort (!) los, wenn er sich weh getan hat, weil ich weiß, dass er sich sonst ungeliebt fühlt. Aber in mir macht sich das Gefühl breit, dass das, was wir geben, nie genug sein kann. Egal wie viel Nähe und Aufmerksamkeit ihm zuteil wird, es wird nie ausreichend sein.

Warum werde ich nicht satt?

Diese „Charaktereigenschaft“ kenne ich von mir selber. Auch ich hatte große Probleme satt zu werden, was man mir heute noch körperlich ansieht. Der Hunger war aber weniger körperlich als viel mehr seelisch. Ein seelischer Hunger nach Zuwendung, Aufmerksamkeit und Liebe. Da ich sehr lange nicht von meiner Hochsensibilität wusste, habe ich meine Mutter für dieses Problem verantwortlich gemacht und ihr die Schuld gegeben. Heute ist mir bewusst, dass für mich vieles anders hätte laufen müssen. Aber ich weiß auch, dass sie ihr bestes gegeben hat. Ich brauche einfach immer viel von einer Sache um zu begreifen. Ich brauche viele Komplimente um zu glauben, dass da etwas dran sein könnte. Ich brauche viel Aufmerksamkeit um zu verstehen, dass ich es wert bin. Und gleichzeitig lehne ich viele Komplimente und viel Aufmerksamkeit ab. Es ist also irgendwie alles zu viel und viel zu wenig.

Das beobachte ich auch bei H1. Ich kann den ganzen Tag, wirklich den GANZEN Tag mit ihm verbringen und mich ausschließlich auf ihn konzentrieren. Wir können unglaublich viel Spaß haben und knuddeln und lachen und er sagt abends im Familienbett sowas wie: „Mama, aber du musst bei mir liegen bleiben, wenn ich eingeschlafen bin!“. Wenn er dann erkennt, dass ich nicht bei ihm liegen bleibe, so wie er sich das wünscht, sondern aufstehe, wenn er schläft, habe ich das Gefühl damit ganz viel zu zerstören. Ein falsches Wort und eine Menge Vertrauen und ihm zuteil gewordene Aufmerksamkeit verpuffen im Nichts.

Grenzgänger

So ist das Leben mit hochsensiblem Kind für mich eine echte Gradwanderung. Eine Gradwanderung zwischen Bedürfnissen verschiedener Familienmitglieder. Einen Schritt in die „falsche“ Richtung und alles, was hinter mir aufgebaut wurde fällt in sich zusammen. Ohne Vorwarnung.

Andererseits weiß ich nun, dass ich weit, weit über meine Grenzen hinweg auf ihn zugehen könnte (was ich schon so oft getan habe) und es selbst dann nicht ausreichend für ihn wäre. Ich kann ihn einfach nicht sättigen, so sehr ich es auch versuche. Und so kann ich nichts tun außer zu geben, was ich habe. Aber ich habe es aufgegeben mich selbst aufzugeben. Habe ich resigniert? Es bedeutet jedenfalls nicht, dass ich ihm nicht weiterhin versuche zu geben was er braucht. Ich gebe mir wirklich größte Mühe.

Liebe.

Ich liebe dieses Wesen mehr als alles andere auf der Welt. Ja ehrlich. Wir haben eine ganz besondere Verbindung zueinander. Und leider weiß ich nicht, ob er meine Liebe jemals so annehmen kann und ich ihm jemals wirklich zeigen kann, wie sehr ich ihn liebe.

Hoffentlich kann es ihm helfen früh mit seiner Hochsensibilität umgehen zu lernen. Wenn er es schafft sich selbst zu lieben und die Liebe, die seine kleine Seele benötigt auch in sich selber zu finden, das wäre toll.

Wisst ihr, er ist wirklich ein unglaublich fantastischer, weiser, großartiger Mensch. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass er das selber erkennt. Denn egal wer ihm dieses Kompliment einmal machen sollte, er wird es nicht anerkennen können.

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Liebe Eltern hochsensibler Kinder: Bitte macht euch keine Vorwürfe. Wir können alles tun und alles geben, was wir haben. Wir können auf unsere Kinder reagieren, sie ernst nehmen und mit Respekt behandeln. Wir können versuchen sie zu stärken, so gut es geht. Aber leben, das dürfen sie selber. 

3 Kommentare

  1. cg sagt: Antworten

    Wahnsinnig toller Text- danke! Diesen Spagat kenne ich zur Genüge, wobei ich leider noch oft über meine Grenzen gehe wegen der Wünschen der Kinder…
    Stichwort Wasserglas…meiner fängt nämlich jetzt an motzig zu werden, äußert aber keine Bedürfnisse…das soll mal einer von außen verstehen…u vor allem: wie soll das in der Außenwelt gehen?!

  2. […] in der Lage bin außer mein Fehlverhalten zu reflektieren. Ich gebe jeden Tag mein Bestes, auch, wenn das manchmal nicht genug ist. Konfliktpotenzial versuche ich abzusehen und zu verhindern (und nein, ich schütze mein Kind […]

  3. […] Nicht, dass ich das als Grund oder Entschuldigung vorschieben wollte, ganz und gar nicht. ABER! Das Bedürfnis nach Zuneigung, Anerkennung und Nähe eines hochsensiblen Menschen zu befriedigen ist…. Und da kommt der zweite Haken: Ich habe nicht nur ein hochsensibles Kind, ich bin auch eine […]

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