Wer ihr sein sollt – Ein Brief an meine Kinder

Wer ihr sein sollt_BriefanmeineKinder

Lieber Max, liebe Luise,

in einem Monat werde ich meinen Geburtstag feiern. Ich bin an Maria Himmelfahrt geboren und weil meine Omas sehr gläubig sind, begleitet mich der Name Maria seit meiner Geburt als Teil meines Vornamens. Eine der beiden Omas konntet ihr leider nie kennenlernen, was ich bedauere, denn ich glaube ihr hättet sie sehr geliebt. Sie euch sicher auch, denn sie hatte das größte Herz, das ihr euch vorstellen könnt. Versteht ihr, wie ich das meine?

Ein Herz aus Liebe

Eure Uroma trug einfach unglaublich viel Liebe in sich. Sie hat fünf Kinder geboren und leider nur vier davon gemeinsam mit ihrem Mann, eurem Uropa, aufwachsen sehen. Sie war so eine Art von Mensch, die immer an das Gute glauben. Am allermeisten bewundere ich, wie liebevoll und voller Vertrauen sie ihre Kinder großgezogen hat. Sie hat ihren Kindern tatsächlich Wurzeln und Flügel gegeben.

Spätestens seit ich selber Mama bin weiß ich: Es ist gar nicht so einfach Kinder, die man unter dem Herzen getragen hat, so viele Jahre lang getröstet, getragen, von Herzen geliebt und begleitet hat, ausfliegen zu lassen. Sie ihren eigenen Weg finden zu lassen.

Eure Uroma hat das geschafft. Sie hat keinem ihrer Kinder etwas aufgezwängt und sich selten eingemischt. Euer Opa und sein Bruder, ihre Kinder also, sind in ihrer Jugend Motocross gefahren. Sie waren ständig unterwegs mit ihren Rädern und ich sage euch, das war bestimmt nicht ungefährlich. (Davon gibt es sogar alte Videos, die euch Opa sicher mal zeigen kann.) Später ist Opa dann Autorennen gefahren, aber das wisst ihr ja schon. Viele, viele Male saß eure Uroma sicher zu Hause und hat gebetet, dass ihrem Sohn nichts zustoßen möge. Aber sie hat ihm nie Angst gemacht oder ihrem Sohn das Rennen fahren verboten.

Von Erwartungen und Leistungsorientierung

Eure Uroma hatte immer tiefstes Vertrauen darein, dass alles kommt, wie es kommen soll. Es war ihr nie wichtig, dass ihre Kinder eine bestimmte Leistung erbringen. Sie hat verstanden, dass Kinder nicht dazu da sind die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Das Wort „Frühförderung“ hätte sie vermutlich sanft belächelt. Ihre vier Kinder durften ihre eigenen Vorstellungen vom Leben haben und Berufe ergreifen, die ihren Interessen entsprechen. Viel wichtiger als Leistung war es ihr, dass ihre Kinder füreinander da sind und so war es das Schlimmste für sie, wenn es mal Streit zwischen ihren Kindern gab.

Auch heute noch merkt man, wie sehr euer Opa und seine Geschwister zusammenhalten. Egal wie verschieden sie sind, wie unterschiedlich ihre Ansichten und ihre Lebenswandel: Sie sind ein Team.

Euer Uropa, also Opas Papa, hat immer gesagt, dass ich genauso sei wie eure Uroma. Das war eines der größten Komplimente, die mir je jemand gemacht hat. Ob ihr es glaubt oder nicht, ich sehe ihr tatsächlich ein bisschen ähnlich und auch im Herzen fühle ich eine sehr tiefe Verbundenheit zu ihr.

In letzter Zeit mache ich mir viele Gedanken über eure Zukunft; darüber, ob wir euch gut und liebevoll genug begleiten. Ich wünsche mir, dass ihr wisst, dass wir als Eltern im Hintergrund immer da sind. Und wünsche mir sehr, dass ihr werden könnt, wer ihr sein möchtet. Ihr sollt nicht unseren Erwartungen, sondern euren eigenen Erwartungen gerecht werden. Papa und ich sehen das sehr ähnlich und ich hoffe es wird uns gelingen zu erkennen, wer ihr sein möchtet und euch nicht in eure Pläne reinzureden.

Das ist nur gar nicht so einfach wie ich ursprünglich angenommen hatte. Aber ich übe und ich lerne mit euch.

Ich glaube an die Liebe

Ich glaube, dass Oma so ein Mensch war, der eigentlich ein Engel ist. Ein Engel, der uns immer zur Seite steht, wenn wir an ihn denken. Ein Engel, der uns beschützt, auch wenn wir gerade nicht an ihn denken.

Dass ich ein dankbarer Mensch bin, habt ihr vielleicht schon öfter gespürt. Auch wenn ich gerne noch viele Tage in ihrer gemütlichen Küche verbracht hätte und ihre tiefe Liebe gespürt hätte, bin ich ganz besonders dankbar dafür eine solche Oma gehabt zu haben. Sie hat mir, ganz ohne Worte, so viel beigebracht und ich habe so viel von ihr gelernt. Sie hat mich der Mensch sein lassen, der ich bin. Sie hat mir gezeigt, dass Liebe so viel wichtiger ist als Leistung und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ich das an euch weitergeben kann.

Max, erinnerst du dich an letzte Woche, als du mich gefragt hast, warum mir gerade eine Träne über die Wange läuft? Genau, ich musste an meine Oma, eure Uroma, denken. Du hast mir viele Fragen gestellt und ich hoffe, dass ich mit diesem Brief ein paar davon beantworten konnte.

In Liebe, eure Mama

alt=“werihr sein sollt_kindererziehung_einmischen“ width=“683″ height=“1024″ />

Schreibe einen Kommentar